“ sagte die Tante Diakonus , „ aber verloren kann ja der Ring nicht sein . Wir werden ihn heute noch bei Henriettens Umbetten finden , dann soll ihn mein Dienstmädchen sofort in die Villa tragen . “ „ Ich werde es ihr fürstlich vergelten ; ich will ihr die Hand mit Gold füllen , wenn sie ihn mir heute Abend noch bringt , “ versicherte Flora ; eine peinliche Unruhe war über sie gekommen ; es kostete ihr offenbar Mühe , sich geduldig zu fügen . Die Präsidentin und der Kommerzienrat schoben sich jetzt Stühle an das Bett und nahmen Platz neben der Kranken , die sich mit keinem Worte mehr an den Verhandlungen betheiligt hatte . Nur einmal war der blonde Kopf jäh emporgetaucht , und ein bitter höhnischer Zug hatte die zum Sprechen geöffneten Lippen umzuckt . Bei der Versicherung der Großmama , daß sie nicht begreife , aus welchem Grunde der Möbelfabrikant die Ablieferung der Möbel verzögere , hatte sie hinüberrufen wollen : „ Weil sie bereits halb und halb abbestellt gewesen sind . “ Aber noch zur rechten Zeit wurde sie sich bewußt , daß nun mit keinem Worte mehr an das Vergangene gerührt werden dürfe . 17. Die Tante ging hinaus , um einige Erfrischungen zu besorgen , und Käthe folgte ihr . Ekel und Widerwillen trieben sie aus dem Zimmer , in welchem sich eben die empörendste Komödie abgespielt hatte . Sie bat die Tante , ihr das kleine Geschäft der Bewirtung zu überlassen , und die alte Frau legte willig den Schlüsselbund in ihre Hand . „ Hier , mein liebes , liebes Kind , meine treue , ehrliche Käthe , “ sagte sie weich und in so bebenden Lauten , als kämpfe sie mit einem tiefen Aufseufzen . Sie legte den Arm um den Leib des jungen Mädchens und schmiegte sich in zärtlicher Zuneigung an die schöne Gestalt . „ Mich überkömmt es wie süßes Ausruhen , wenn ich in Ihr offenes , frisches Gesicht sehen darf . Ich muß immer an Luther ’ s vielliebe Käthe denken , an die tapfere Frau , die stark und mutig an die Seite des streitbaren Mannes getreten ist . “ Jetzt schlüpfte in der That ein beklommener , sorgenvoller Seufzer über ihre Lippen ; sie entließ das hocherröthende Mädchen aus ihren Armen und kehrte in das Krankenzimmer zurück . Käthe holte die Kaffeebüchse und den zu Ehren des Tages gebackenen Napfkuchen aus der Speisekammer , und während die dicke , freundliche Magd frisches Holz unter den Wasserkessel legte , füllte sie die hübsche , blaue Glasschale , die schon gestern beim Thee figuriert hatte , mit Zucker und rieb den krystallenen Konfectteller blank . Sie schnitt eben den Kuchen in Stücke , als sie Jemand aus dem Krankenzimmer kommen hörte . Die Küchenthür war so angelehnt , daß ein breiter Spalt blieb , und durch diese Oeffnung sah sie Flora in den Hausflur treten.Die schöne Braut sah sich ungewiß und rathlos um ; die Zimmereintheilung der „ Spelunke “ war ihr ja völlig fremd , aber es war , als ob der Strahl dieser suchenden Augen den Doktor magnetisch berührt und angezogen hätte . Er trat in diesem Augenblicke aus dem Zimmer der Tante . Flora flog auf ihn zu und breitete die Arme aus . Das lange , schwarze Kleid schleppte über den Boden hin , und die dunklen Schleierfalten wogten ihr nach , wie gelöste , offen niederfließende Haarsträhne . Mit den bleichen Händen , die sich kinderklein und schmal aus dem zurückfallenden schwarzen Spitzengekräusel streckten , mit dem mattweißen Gesicht erschien sie wie eine jener gespenstischen , schönen Frauen , die der Volksglaube aus den Gräbern steigen und mordend über junges Leben herstürzen läßt . „ Leo ! “ vibrierte es wie ein Hauch , und doch klingend durch den Flur . Käthe horchte mit stockendem Athem hoch auf – es ging ihr durch Mark und Bein . War das wirklich Flora ’ s Stimme ? Kam dieser köstliche , innige Klang voll weicher Abbitte , voll bebender Sehnsucht wirklich von den Lippen , die so schnöde verurtheilende Worte sprechen , die so schneidend verächtlich lächeln konnten ? Das junge Mädchen wandte die Augen weg und sah vor sich nieder ; das Messer zitterte in ihrer Hand . Sie hätte so gern die Thür ganz geschlossen , um nicht zu sehen und nicht gesehen zu werden , aber sie fand , wunderlich genug , weder Mut noch Kraft , sich von der Stelle zu bewegen . Draußen erfolgte keine Antwort , aber auch kein Schritt wurde hörbar . „ Leo , sieh mich an ! “ sagte Flora lauter , halb flehend , halb gebieterisch . „ Wozu die Marter , die Deinem eigenen Herzen widerstrebt ? Ich weiß es , Du kämpfst mannhaft , aber unter Schmerzen Dein heiligstes Gefühl nieder , um hart zu erscheinen , um mich zu strafen . Und wofür ? Weil ich gestern halb wahnwitzig war vor Aufregung und nicht wußte , was ich that und sagte . Leo , mein Leben , das Dir gehört , war in Gefahr gewesen , noch kochte das Blut in mir , und – da reiztest Du mich auch noch . “ Käthe sah unwillkürlich empor . Neben ihr stand die Magd mit einem breiten Grinsen auf dem guten , dicken Gesichte ; es war jedenfalls sehr ergötzlich , daß die Dame da draußen ihrem jungen Herrn etwas abbitten mußte . Dieser Anblick brachte augenblicklich Leben in das junge Mädchen ; sie ordnete rasch die Kuchenstücke auf dem Teller , nahm ihn in die Hand und trat entschlossen in den Flur . Sie sah noch , wie der Doktor mit fest verschränkten Armen , das Gesicht von der Bittenden weggewendet , regungslos durch die offene Hausthür in die Gegend hinaus starrte ; wie fahl erschienen seine braunen Wangen und wie fest und erbittert biß er die Zähne zusammen , während Flora ’ s unheimlich düstere Gestalt an