und lauschte hinter dem roten seidenen Vorhang , ob die Herzogin wohl schlafe . Es war alles still , aber als durch ihre Bewegung die Falten leise rauschten , wandten sich langsam die großen dunklen Augen der Kranken mit dem nämlichen starren fragenden Ausdruck wie vorhin zu ihr herüber . » Was willst du ? « fragte sie . Klaudine trat vor . » Ich ängstige mich um dich « , sagte sie , » verzeih ! « » Sage mir « , sprach die Herzogin völlig unvermittelt , » warum wolltest du anfänglich nicht nach Neuhaus ? « Klaudine war betroffen . Sie trat näher . » Warum ich nicht nach Neuhaus wollte ? « wiederholte sie erglühend . Dann schwieg sie . Es war ihr nicht möglich zu sagen : weil ich Lothar liebe , und weil er mich kränkt , wo er mich sieht – weil er mir mißtraut , weil – Die Herzogin wandte sich plötzlich um . » Laß , laß , ich will keine Antwort . Geh , geh ! « Ratlos wandte sich das Mädchen der Tür zu . » Klaudine ! Klaudine ! « scholl es hinter ihr , herzzerreißend und bang . Die Kranke saß im Bette und breitete die Arme nach ihr . Sie kam zurück , setzte sich auf das Bett und nahm die zarte bebende Gestalt in die Arme . » Elisabeth « , sagte sie innig , » laß mich bei dir bleiben ! « » Verzeih mir , ach , verzeih ! « schluchzte die Herzogin , das Mädchen küssend , ihr Kleid , das lange blonde Haar , das lose auf den Rücken herniederfiel , und ihre Augen . » Sage mir « , flüsterte sie , » sage es ganz laut , daß du mich liebhast ! « » Ich habe dich sehr lieb , Elisabeth « , sprach Klaudine und trocknete die großen Tropfen , die über das heiße erregte Gesicht der Kranken liefen , wie eine Mutter ihrem Kinde tut . » Du weißt überhaupt nicht , wie sehr , Elisabeth . « Erschöpft sank die Herzogin zurück . » Ich danke dir – ich bin so müde ! « Klaudine saß noch ein Weilchen , dann , als sie glaubte , die Kranke schlafe , wand sie leise ihre Hand aus der der Freundin und verließ auf den Zehen das Gemach . Ein seltsames Grauen schlich ihr nach . Was war es mit der Herzogin ? Dieses Anstarren , diese Kälte , diese leidenschaftliche Zärtlichkeit ? » Sie ist krank ! « sagte sie sich . Sie stand vor dem Spiegel , um das gelöste Haar zu befestigen – ein mißtrauischer Gedanke kam ihr , die Hand , welche die Schildpattnadel hielt , sank herunter . Dann schüttelte sie stolz die goldene Flut in den Nacken zurück . Weder sie noch die Herzogin waren kleinlich genug , an Klatsch zu glauben . Eine jener ahnungsvollen unbegreiflichen Ideenverbindungen ließ blitzgleich die Erinnerung an das verschwundene Briefchen auftauchen . Ein dumpfes , ängstliches Herzklopfen überfiel sie im Augenblick . Dann lächelte sie – wer konnte wissen , in welchem Waldeckchen es vermoderte im Regen und Tau ? Sie nahm das kleine Gebetbuch , aus dem ihre Mutter schon allabendlich ihr Sprüchlein gelesen , und schlug irgend eine Seite auf : » Behüte mich , Herr , vor böser Nachrede und wehre meinen Feinden ! Laß kein Übel mir und den Meinen begegnen und keine Plage unserer Wohnung sich nahen – « las sie und ihre Gedanken flogen nach dem friedlichen Hause , aus dessen Turmgemach die Studierlampe des Bruders in den Wald hinausschimmerte . Und von dort wanderten sie an das Bettchen des mutterlosen Kindes in Neuhaus . » Beschirme es auch ferner , lieber Gott , wie du es gestern behütet hast ! « flüsterte sie und senkte die Augen wieder auf das Buch . » Erbarme dich der Kranken , die schlaflos auf ihrem Lager nach Linderung schmachten « , las sie weiter , » und aller Sterbenden , denen diese Nacht die letzte sein soll . « Das Buch entglitt ihren Händen , eine eiskalte Furcht erfaßte sie – das entstellte Antlitz der Herzogin schaute sie plötzlich an . Erst nach einer langen Weile richtete sie sich auf und hüllte sich fröstelnd in die Decken . Und sie ließ die Lampe brennen auf dem Tischchen , sie mochte nicht im Dunkeln bleiben . 23. Der andere Morgen war so golden , so klar , von so köstlicher Frische . Die Sonne funkelte in Millionen Tautropfen auf den weiten Rasenflächen des Altensteiner Parkes , wo eine Schar Arbeiter die Vorbereitungen zu einem Feste traf . Wie lustig und bunt das alles erschien ! Eine Stange hatten sie errichtet mit einem buntgemalten Vogel daran , ein Karussel aufgestellt , dessen Pferdchen purpurrote Decken trugen , ein Kasperletheater und ein rot und weiß gestreiftes Zelt , von dessen Dache lustig eine Menge Purpurfähnchen und Wimpel wehten . Im Schatten der Bäume befand sich ein Aufbau für die Musikanten und ein gedielter Platz zum Tanz , alles für kleine Leute berechnet . Der Erbprinz feierte heute seinen Geburtstag , und dies war die Überraschung seiner Großmama väterlicherseits , außer dem reizenden kleinen Schimmel , der gestern abend heimlich in den Pferdestall geführt wurde . Die Herzoginmutter wurde gegen Mittag erwartet laut einer Depesche , die in aller Morgenfrühe eingetroffen war . Um zwei Uhr sollte die Familientafel stattfinden , und zum Nachmittag war eine Menge Einladungen ergangen . Selbst die kleine Elisabeth aus dem Eulenhause und Leonie , Baronesse von Gerold , waren mittels großer feierlicher Karten befohlen . Das Unwohlsein der Herzogin , dazu das gestrige Unwetter , hatte mancherlei Bedenken erregt . Würde das Fest stattfinden können ? Aber , Gott sei Dank , die gefürchtete Absage war nicht erfolgt , Ihre Hoheit befanden sich wohler , und das Wetter war unvergleichlich . Man durfte sich ungetrübt auf den Nachmittag freuen als