Herzen : „ Bringen Sie mir vielleicht auch eine Antwort auf meine Bitte , an der hiesigen Universität Vorlesungen zu besuchen ? “ „ Allerdings , mein Fräulein , aber sie ist von beiden Fakultäten , an die Sie sich wandten , abgelehnt ! “ Ernestine ließ die Arme sinken . „ Abgelehnt ! Und wußte man schon , als man dies beschloß , daß jene Preisschrift von mir war ? “ „ Man wußte es . “ Ernestine stand einen Augenblick wie betäubt . Endlich begann sie langsam und tonlos : „ Jetzt ist mir Alles klar : Die Herren hielten den Verfasser der Abhandlung wohl für einen Mann , deshalb krönten sie dieselbe ; mein Gesuch aber wurde abgeschlagen , weil ich das Unglück habe , eine Frau zu sein . — Es ist ja natürlich — wie darf man denn einer Frau ge ­ statten , mit den Herren der Schöpfung wetteifern zu wollen ? “ „ Sie sind ungerecht in Ihrem Unmute “ , sagte Johannes ; „ man hat Ihre Schrift gekrönt , weil sie ihren Zweck erfüllte . Die Frau , die sie verfaßte , weist man ab , weil eine Frau im Kolleg ihren Zweck nicht erfüllt . “ 31 „ Und wie wollen Sie mir das beweisen ? “ frug Ernestine bitter . „ Weil sie für ihren naturgemäßen Beruf ver ­ loren geht und in dem selbst erwählten das Erforder ­ liche nicht leisten kann . “ „ So gehören Sie auch zu meinen Gegnern ? “ „ Ja , mein Fräulein ! “ „ O das tut mir leid ! “ „ Warum ? Was liegt Ihnen an dem Urteil eines Unbekannten ? “ Ernestine schlug die Augen nieder : „ Der Ein ­ druck Ihres Wesens ist so edel , daß es mich schmerzt , in Ihnen einen jener engherzigen Materialisten zu finden , die den Frauen nur die niedrigste Begabung zugestehen . “ „ Das tu ’ ich keineswegs . Ich traue denselben und insbesondere Ihnen sehr Großes zu ! “ Ernestine sah ihn erstaunt an . „ Nun , wie sollen wir aber unsere Fähigkeiten geltend machen , wenn wir die Grenzen des kleinen Berufs nicht erweitern dürfen , den die Natur uns so stiefmütterlich zugewiesen ? “ „ Ich denke nicht so gering von diesem Beruf , ich finde ihn so schön , so erhaben , daß auch die höchste Begabung sich in demselben genügen kann , wenn er nur richtig verstanden wird ! “ „ Wenn aber ein Weib — verzeihen Sie die Unbescheidenheit , — wenn ich anders ausgestattet wäre , als gewöhnliche Frauen , hätte ich dann mit der Kraft nicht auch das Vorrecht , mich über die gewöhnlichen Grenzen zu erheben ? “ „ Dann hätten Sie das Vorrecht , Ihr Geschlecht zu adeln und ihm zu zeigen , was es innerhalb seiner Schranken wirken kann , dann hätten Sie die Kraft , das größte Weib , aber nicht ein Mann zu sein . “ Ernestine blickte trübe vor sich hin . „ Sie kennen meine Schrift ? “ „ Ja ! “ „ Sie finden , daß sie den Preis verdiente ? “ „ Ja ! “ „ Und sprechen mir doch das Recht ab , männliche Aufgaben zu lösen ? “ „ Sie haben eine solche gelöst — in wie weit aber Ihr gefälliger Oheim dabei geholfen , wollen wir dahin gestellt sein lassen . “ Ernestine schlug die Augen nieder . Johannes fuhr fort : „ Sie wissen es vielleicht selbst nicht ; auch war die Konkurrenz der Preisbewer ­ ber eine geringe , ohnehin nicht schwer zu besiegende . Aber Sie glauben , mein Fräulein , weil der Instinkt Ihres Genies diese eine Frage beantwortet hat , das ganze unabsehbare Gebiet der Forschung beherrschen zu können ? Haben Sie eine Ahnung von der Größe dessen , was Sie sich vorgenommen ? “ „ Ich denke , ich lernte genug , um zu wissen , was ich noch lernen muß ! “ „ Täuschen Sie sich nicht über Ihren Zweck . Sie wollen nur lernen , um zu lehren — nicht zu lehren wie jeder Schulmeister , d.h. nachsprechen , was man Ihnen vorgesagt ; Sie wollen auf Grund der überlieferten Wahrheiten neue Wahrheiten dartun , mit andern Worten : Sie wollen produzieren ! “ „ Und Sie sprechen mir hierzu die Fähigkeit ab ? “ „ Durchaus nicht “ , erwiderte Johannes , „ aber ich räume der weiblichen Produktion nur ein Feld ein , es ist das der Kunst , weil bei dem Kunstwerk Herz und Verstand sich in die Arbeit teilen , weil bei der Schöpfung des Schönen ein tiefes Seelenleben , eine hochgehende Phantasie die männliche Gedankenschärfe ersetzen kann . Beides bringt die bevorzugte Frau von Anbeginn mit . Die Wissenschaft aber bietet die schwersten Aufgaben nicht sowohl für den Geist , als für das Denkvermögen an sich . Ich spreche der Frau nicht die Fähigkeit ab , die großen Resultate des Wissens zu begreifen , aber die geistige Technik , die ausdauernde Denkkraft , selbstständig zu diesen zu gelangen . “ Ernestine faltete fast bittend die Hände . „ Vernichten Sie mir nicht , was meinem Leben Zweck und Inhalt ist . “ Johannes bog sich zu ihr nieder und sagte mild : „ Mein teures Fräulein ! Möchten Sie doch einen andern Zweck Ihres Lebens finden , als diesen , den Sie nie erreichen werden . “ „ Nie erreichen ? “ rief Ernestine sich stolz erhebend . „ Noch wüßte ich nicht , was dieses Wort rechtfertigen könnte . O wäre ich nur gesund , wäre mein Körper ein gehorsameres Werkzeug meiner Seele , dann wollte ich zeigen , was ein Weib kann ! Wollte zeigen , daß wir nicht nur denkende Haustiere sind , wie uns eine gewisse Klasse von Männern bezeichnet , sondern daß wir ihnen ebenbürtige , freie Wesen sind . O , wenn Sie wüßten , wie mein