vor sich hin , säße bis in die Nacht im Garten oder gehe auf die Birsch , – augenscheinlich sei ihm die ganze Wirtschaft einerlei . › Und siehst du , Helene , ‹ schloß sie , › das ist alles nur deshalb , weil er verliebt ist . ‹ » Bei diesen Worten fühlte ich , wie ich ein starkes Zittern kaum beherrschen konnte . Wenn sie doch ginge , wenn du doch endlich allein wärst , dachte ich , denn ich fürchtete , meine Aufregung zu verraten . Aber sie bemerkte nichts , sondern blieb ruhig da und fuhr fort , gemütlich zu schwatzen . » Endlich , gegen sechs Uhr Abends – es war ein Gewitter aufgezogen , das schon den ganzen Tag gedroht – sprang Cäcilie plötzlich auf . › Um Gottes willen , das Wetter kommt ! ‹ schrie sie , griff nach ihrem Hut und stürzte aus der Tür , um das schützende elterliche Dach noch vor Ausbruch des Wetters zu erreichen . » Ein starker Windstoß warf plötzlich Tür und Fenster zugleich zu , daß es schütterte . Eine Schar weißer Tauben schoß 297 vor dem Fenster vorüber , vom Sturm seitwärts getrieben , grell sich abhebend von der einbrechenden Finsternis . Eine Wolke von Staub verhüllte dann die Straße , und während ich ängstlich umherstürzte , um nachzusehen , ob alle Türen und Fenster geschlossen seien im Hause , und das junge Dienstmädchen mit kreideweißem Gesicht mir nachschlich , brach ein Unwetter los , wie ich es nie wieder erlebt habe . Hagelkörner groß wie Taubeneier , Blitz auf Blitz , Donner auf Donner . » Auf einmal in einer Pause , die das tosende Wetter machte , als schöpfte es Atem zu erneutem Toben , drang eine zeternde Stimme durch das vom Hagel zertrümmerte Fenster , ein eilig laufendes Weib auf Holzpantoffeln hatte geschrien : › Vom Blitze getroffen mitten auf der Landstraße ! ‹ Andere laufende Menschen folgten . Ich aber sank plötzlich nieder auf den nächsten Stuhl , ein furchtbares , unabweisliches Gefühl in mir sagte : Dein Mann – das ist dein Mann ! » Wie eine Vision greifbar deutlich stand die einsame , regenüberschwemmte Landstraße vor meinen Augen mit den sturmgepeitschten Bäumen zur Seite und auf ihr das zertrümmerte Gefährt , das tote Pferd , der tote Mann . Und in diesem Augenblick ward mir bewußt , wie furchtbar das für mich sei , wie ich ja ohne ihn nicht mehr leben könnte , wie lieb , wie herzlich lieb ich diesen einfachen pflichttreuen Mann hatte , immer gehabt hatte – ohne zu wissen ! Alles andere war plötzlich verblichen vor dem schrecklichen Gedanken , daß er mir genommen sei , bevor ich ihm gesagt , wie ich ohne ihn , ohne meinen treuesten Freund , mein Leben mir nicht weiter denken könnte . » Unwillkürlich falteten sich meine Hände zum Gebet . Lieber Gott , laß ihn mir , laß ihn mir ! Aufstöhnend legte ich meinen Kopf auf den Tisch in meine verschränkten Arme , und in das Toben und Tosen des Gewitters scholl mein fassungsloses Schluchzen . » Ich hatte es überhört , daß ein Wagen kam , daß bald darauf meine Tür ging , ich fuhr erst empor , als seine Stimme mein Ohr traf : › Aber Helene , ängstigst du dich denn so sehr ? ‹ Und da lag ich im nächsten Augenblick an seiner Brust , und meine 298 Arme klammerten sich um seinen Hals . › Ja , ja ! ‹ schrie ich fassungslos ihm zu , › um dich , um dich ! ‹ » › Um mich ? ‹ Er fragte es ganz ungläubig staunend . › Sag ' s noch einmal , Helene , um mich ? ‹ » Ich konnte nicht mehr sprechen , ich nickte nur heftig . » › Helene , du hast mich also doch lieb ? ‹ fragte er leise . Und da nickte ich noch einmal . » Wie ich das alles hier so erzähle , das gibt kein Bild von dem , was in mir vorging . Als habe die Liebe für euren Vater schlafend gelegen in meinem Herzen , als habe die Angst um ihn sie plötzlich aufgerüttelt , daß sie dastand wie eine Streiterin , die rief : Platz für mich , ich bin da , nichts andres hat Raum neben mir ! – so war es in mir . » Und dann drängte ich ihn in sein Zimmer , daß er sich trocken kleiden sollte , und lief in die Küche und bereitete Tee für ihn . » Wie wir dann ein Weilchen später an dem Tisch saßen , lächelte die Sonne am klaren Himmel . Arg hatte das Wetter getobt . Ein Mann , der sich vom Felde nach dem Dorf retten wollte , war auf der Straße vom Blitz getroffen worden . Die Obsternte war vernichtet , die lieben Blumen lagen alle zerschlagen auf der Erde , unser Gärtchen glich , wie alles rund umher , einer Wüste . Aber über den Bergen stand ein Regenbogen , 299 und wir sahen zu ihm hinüber Hand in Hand . Unser Glück war erblüht unter ihm und ist mir treu geblieben bis zu dieser Stunde ! – » Wie es dann weiter kam , wie Vater das Dorf zu eng wurde für seine Tätigkeit , wie wir nach I. übersiedelten , wie er dort nach und nach zu der größten Berühmtheit der Universität wurde , das hast du ja eigentlich alles miterlebt . Du hast einen großen , seltenen Mann als Vater , Kind ! » Glaube und vertraue ihm nun auch in der traurigen Sache , die wir leider nicht von dir abwenden konnten . Du bist noch jung , und das Glück macht zuweilen auch Umwege , wie Vater scherzend sagt . Man glaubt , es oft für immer verloren zu haben , und plötzlich zeigt es sich , wo man es nie vermutete