. Es kam dann jene Julinacht , in der sie ganz vom Hause fortblieb . Jason Philipp wetterte und brüllte , als sie am andern Morgen zurückkehrte , aber sie blieb stumm . Er sperrte sie sechzehn Stunden lang in den Keller ; sie blieb stumm . Hierauf verließ sie monatelang das Haus nicht mehr ; wusch und frisierte sich nicht mehr ; hockte in der Küche und die versträhnten Haare hingen wüst über Nacken und Schultern . Eine verzehrende Rachgier tobte in ihrer Brust , und die Geduld , die sie wider Willen üben mußte , erstarrte nach und nach zur Miene heuchlerischen Stumpfsinns . Plötzlich fing sie wieder an , sich zu schmücken und schlenderte an Nachmittagen durch die Straßen . Ihre geschmacklos grellen Bänder erregten Spott bei jung und alt . Sie hatte auskundschaftet , daß Lenore Jordan häufig die Vorträge im Kulturverein besuchte . Sie ging gleichfalls dorthin , drängte sich immer dicht an Lenore heran , aber deren Aufmerksamkeit zu erregen wollte ihr lange nicht gelingen . Einmal saß sie neben Lenore ; ein Wanderprediger hielt eine Rede über Leichenverbrennung . Philippine zog ihr Taschentuch und drückte es an die Augen , als ob sie weine . Betroffen wandte sich Lenore zu ihr und fragte , was ihr fehle . Es sei halt gar so traurig , was der alte Herr dort oben vorbringe , antwortete Philippine . Lenore verwunderte sich , da in den Ausführungen des Redners nichts enthalten war , was traurig genannt werden oder irgendeinem Menschen Tränen entlocken konnte . Nachher ging sie mit Philippine zusammen weg , und als ihr das häßliche Geschöpf sein Elend schilderte , wie sie von den Eltern und Brüdern Mißhandlungen erleiden müsse und niemand auf der Welt habe , der sich um sie kümmere , wurde Lenore von diesen Klagen bewegt ; der Umstand , daß Philippine Daniels leibliche Base war , beschwichtigte ihren Widerwillen und sie versprach ihr , sie bisweilen zu einem Spaziergang abzuholen . Sie hielt ihr Versprechen . Sie achtete nicht auf das Kopfschütteln der ihnen Begegnenden , wenn sie mit der vierschrötigen , marktschreierisch aufgetakelten jungen Dame in den Anlagen am Stadtgraben wandelte . Aber später zog sie es doch vor , die Promenaden , die zwei- oder dreimal jeden Monat stattfanden , in die Abendstunden zu verlegen . Philippine wünschte es selbst . Sie deutete an , daß zwischen den Familien Nothafft und Schimmelweis eine geheimnisvolle Feindschaft herrsche und beschwor Lenore , sie möge Daniel den Verkehr mit ihr verschweigen . Es war Lenore peinlich , dies von Philippine immer von neuem gefordert zu hören . Die lauernde Art , mit der Philippine das Gespräch auf Daniel und Gertrud zu bringen suchte , hatte etwas Zudringliches ; sie wollte bald dies bald jenes wissen , fragte unverschämt nach Gertruds Mitgift und verlangte schließlich , Lenore solle ihre Schwester einmal mitbringen . Da verspürte Lenore ein heftiges Grauen vor dem Mädchen , und Bestürzung erfaßte sie , als sie trotz der Dunkelheit die megärenhafte Bosheit in Philippines Gesicht bemerkte . Eine unüberhörbare Stimme warnte sie ; soweit sie es ohne beleidigende Abwehr zu tun vermochte , entzog sie sich dem Umgang wieder . Hätte sie auch nicht Verschwiegenheit zugesagt , ein Gefühl , halb Furcht , halb Scham , hätte sie gehindert , vor Daniel den Namen Philippines zu nennen . Sie ahnte nicht , daß sich Philippine im verborgenen an ihre Fersen heftete . Philippine kannte alsbald die Stunden , in denen sich Daniel und Lenore zu treffen pflegten , und folgte ihnen in bemessenem Abstand auf allen ihren Wegen . Warum sie dies tat , wußte sie kaum ; es zwang sie dazu . Und was sie bei Lenore erreicht hatte , wollte sie auch bei Gertrud erreichen . Im Metzgerladen , auf dem Buttermarkt , bei der Gemüsehändlerin , tauchte sie auf einmal auf , starrte Gertrud frech ins Gesicht , gab sich eine alberne Wichtigkeit und sagte etwa : » Gottich , Gottich , wie teuer sind heuer die Bohnen ; « oder : » ein kaltes Lüftla weht , da kann man das Reißen kriegen . « Aber Gertrud war viel zu weltverloren und viel zu empfindlich gegen fremde Berührung , um so plumpe Annäherungsversuche zu beachten . Warte nur , dachte dann Philippine ergrimmt , dein Hochmut wird dir noch heimgezahlt . 10 An dem für die Jordansche Familie so verhängnisvollen Montag hatte es wegen Philippines beständigen Streunens wieder einen heftigen Zank mit ihrer Mutter gegeben . Therese keifte noch , als Jason Philipp aus dem Laden heraufkam und sich erkundigte , was denn schon wieder los sei . » Frag nicht , « rief Therese gellend , » lehr lieber deine Tochter Mores . Die Kanaille wird noch im Zuchthaus enden , das prophezei ich dir . « Philippine verzog hämisch das Gesicht . Jason Philipp schien aber heute keine Lust zu haben , als strafende Macht aufzutreten ; er hatte eine Neuigkeit im Sack und strahlte . » Da bin ich dem Hornschuch begegnet , « wandte er sich an Therese , » du kennst ihn ja , Firma Hornschuchs Erben , schwerreiche Leute übrigens , und der Mann erzählt mir , der junge Jordan hätte bei der Prudentia Geld unterschlagen und sich aus dem Staub gemacht . Ich laufe gleich auf die Generalagentur , und Zittel bestätigt es mir Wort für Wort . Beinahe viertausend Mark sind es ! Der Inspektor soll das Geld ersetzen , hat aber nicht das Schwarze unterm Nagel im Vermögen und ist infolgedessen bös in der Klemme , denn Diruf droht mit dem Gericht . Diruf versteht da keinen Spaß . Was sagst du dazu ? « Therese wickelte die Hände in ihre Schürze und warf einen schrägen Blick auf Jason Philipp . Sie erriet den Grund seiner Freude und ließ schweigend den Kopf sinken . Jason Philipp schmunzelte vor sich hin . An den Ofen gelehnt , pfiff er behaglich . Immer noch die Marseillaise ,