er im Tiefschlaf lag . Nur die Lippen bewegten sich wieder wie neulich . Und allmählich verstand ich die Worte , die hinter seinen Zähnen hervordrangen : » Frag ' mich . Frag ' mich . « Die Stimme war der von Mirjam täuschend ähnlich . » Mirjam ? Mirjam ? « rief ich unwillkürlich , dämpfte aber sofort den Ton , um den Schläfer nicht zu erwecken . Ich wartete , bis sein Gesicht wieder starr geworden war , dann wiederholte ich leise : » Mirjam ? Mirjam ? « Sein Mund formte ein kaum vernehmbares , aber doch deutliches : » Ja . « Ich legte mein Ohr dicht an seine Lippen . Nach einer Weile hörte ich Mirjams Stimme flüstern - so unverkennbar ihre Stimme , daß mir Kälteschauer über die Haut liefen . Ich trank die Worte so gierig , daß ich nur den Sinn begriff . Sie sprach von Liebe zu mir und von dem unsagbaren Glück , daß wir uns endlich gefunden hätten - und uns nie wieder trennen würden - hastig - ohne Pause , wie jemand , der fürchtet , unterbrochen zu werden und jede Sekunde ausnützen will . Dann wurde die Stimme stockend - erlosch zeitweilig ganz . » Mirjam ? « fragte ich , bebend vor Angst und mit eingezogenem Atem , » Mirjam , bist du gestorben ? « Lange keine Antwort . Dann fast unverständlich : » Nein . - Ich lebe . - Ich schlafe . « - - Nichts mehr . Ich lauschte und lauschte . Vergebens . Nichts mehr . Vor Ergriffenheit und Zittern mußte ich mich auf die Kante der Pritsche stützen , um nicht vornüber auf Laponder zu fallen . Die Täuschung war so vollständig gewesen , daß ich Mirjam momentelang tatsächlich vor mir liegen zu sehen glaubte und alle meine Kraft zusammennehmen mußte , um nicht einen Kuß auf die Lippen des Mörders zu drücken . » Henoch ! Henoch ! « - hörte ich ihn plötzlich lallen , dann immer klarer und artikulierter : » Henoch ! Henoch ! « Sofort erkannte ich Hillel . » Bist du es , Hillel ? « Keine Antwort . Ich erinnerte mich , gelesen zu haben , daß man Schlafenden , um sie zum Reden zu bringen , die Fragen nicht ins Ohr stellen dürfe , sondern gegen das Nervengeflecht in der Magengrube richten müsse . Ich tat es : » Hillel ? « » Ja , ich höre dich ! « » Ist Mirjam gesund ? Weißt du alles ? « fragte ich schnell . » Ja . Ich weiß alles . Wußte es längst . - Sei ohne Sorge , Henoch , und fürchte dich nicht ! « » Kannst du mir verzeihen , Hillel ? « » Ich sage dir doch : sei ohne Sorge . « » Werden wir uns bald wiedersehen ? « - Ich fürchtete , die Antwort nicht mehr verstehen zu können ; schon der letzte Satz war nur noch gehaucht worden . » Ich hoffe es . Ich will warten - auf dich - wenn ich kann - dann muß ich - Land - « » Wohin ? In welches Land ? « - ich fiel beinahe auf Laponder - » In welches Land ? In welches Land ? « » - Land - Gad - südlich - Palästina - « Die Stimme erstarb . Hundert Fragen schössen mir in der Verwirrung durch den Kopf : Warum nennt er mich Henoch ? Zwakh , Jaromir , die Uhr , Vrieslander , Angelina , Charousek . » Leben Sie wohl und gedenken Sie meiner zuweilen « , kam es plötzlich wieder laut und deutlich von den Lippen des Mörders . Diesmal in Charouseks Tonfall , aber ähnlich so , als hätte ich selbst es gesagt . Ich erinnerte mich : es war wörtlich der Schlußsatz aus Charouseks Brief . - Das Gesicht Laponders lag bereits im Dunkel . Das Mondlicht fiel auf die Kopfenden des Strohsacks . In einer Viertelstunde mußte es aus der Zelle verschwunden sein . Ich stellte Frage auf Frage , bekam aber keine Antwort mehr : Der Mörder lag unbeweglich da wie eine Leiche und hatte die Lider geschlossen . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Ich machte mir die heftigsten Vorwürfe , alle die Tage über in Laponder nur den Verbrecher und niemals den Menschen gesehen zu haben . - Nach dem , was ich soeben erlebt , war er offenbar ein Somnambuler - ein Geschöpf , das unter dem Einfluß des Vollmonds stand . Vielleicht hatte er den Lustmord in einer Art Dämmerzustand begangen . Bestimmt sogar . - Jetzt , wo der Morgen graute , war die Starrheit aus seinen Zügen gewichen und hatte dem Ausdruck seligen Friedens Platz gemacht . So ruhig kann ein Mensch doch nicht schlummern , der einen Mord auf dem Gewissen hat , sagte ich mir . Ich konnte den Moment , wo er aufwachen würde , kaum erwarten . Ob er wohl wüßte , was geschehen war ? Endlich schlug er die Augen auf , begegnete meinem Blick und sah zur Seite . Sofort trat ich zu ihm und ergriff seine Hand : » Verzeihen Sie mir , Herr Laponder , daß ich bisher so unfreundlich zu Ihnen gewesen bin . Es war das Ungewohnte , das - « » Seien Sie überzeugt , mein Herr , ich begreife vollkommen , « unterbrach er mich lebhaft , » daß es ein scheußliches Gefühl sein muß , mit einem Lustmörder beisammen zu sein . « » Reden Sie nicht mehr davon « , bat ich . » Es ist mir heute nacht so mancherlei durch den Kopf gegangen , und ich werde den Gedanken nicht los , Sie könnten vielleicht - - - « ich suchte nach Worten . » Sie halten mich