ein Aufgeklärter und glaubte schon längst nichts mehr . Die Kinder stoben auseinander . Ein Mädchen mit flachsblondem Kraushaar und Augen , blaßblau wie das Stückchen Himmel , das eben mit zögerndem Lächeln zwischen den sich ballenden Wolken hervorsah , blieb allein zurück . Sie war eine Katholische und ein lediges Kind obendrein , und die anderen Dorfbuben und -mädchen , die Standesunterschiede strenger aufrecht erhalten als Schloßherren und Damen , stießen sie stets beiseite . Mit zuckenden Lippen blickte sie noch einmal den Wagen nach , die fern , wie schwarze Punkte , im Nebel schwankten . » Wie der Erzengel Michael schaut er aus , « flüsterte sie und preßte die verfrorenen Finger aufeinander , » Heilige Mutter Gottes , rette seine arme Seele . « Durch die Nacht ratterte der Zug . An schlafenden Dörfern , die in den Armen ihrer Felder und Wiesen friedlich ruhten , an Städten mit zahllosen , immer noch wachenden , weiß , rot und gelb glänzenden Fensteraugen sauste er vorbei . Mit triumphierendem Fauchen - denn er , das häßliche Ungeheuer , hat sie alle bezwungen : die starren Felsen , die schimmernden Gletscher , die träumenden Täler , die drohenden Schlünde - kroch er durch die Berge , schwang er sich über die vom schmelzenden Alpenschnee gelb schäumenden Wasser . Seine Räder aber sangen , als ob die gräßlich gigantische Schlange eine Seele habe . » Wir tragen die Toten zu Grabe - zu Grabe , « klang es Stunden um Stunden unablässig in Konrads Ohren . Ob das Pärchen nebenan , das sein junges Liebesglück unter Italiens Himmel führte , dasselbe hörte , oder ob sein kosendes Gezwitscher die Trauerhymne übertönte , die der Gräfin Savelli kalten Körper in die Heimat geleitete ? Konrad lag lang ausgestreckt auf dem schmalen Bett des Schlafwagens , das Fenster weit offen . In schwarzen Schatten , schmalen , gestreckten , und wuchtigen , breiten , flog die Landschaft draußen an seinen müden Augen vorüber ; nur der Himmel stand still , und die Sterne sahen in ruhigem Ernst auf das hastende Leben tief unten . Langsam stieg der Zug zur Höhe des Passes empor ; die Maschinen stöhnten , die Räder vergaßen ihr Lied ; vor Anstrengung heulten sie . Konrad richtete sich auf ; ein Frostschauer ließ ihn zusammenfahren ; er sah hinaus . Um dunkle Berggipfel , die sich immer dichter und drohender zusammenschoben , strichen Wolken wie tanzende Gigantengespenster . » Das steigt und steigt , in der Hoffnung , droben der Sonne näher zu sein , « dachte er , » und ist die Höhe erreicht , so hat sie nichts als Eis und Einsamkeit . « Der Zug hielt . Er mußte Atem schöpfen . Dichte Schneeflocken umtanzten ihn . Wer von den Reisenden sie gesehen haben mochte , sank sicherlich rasch in die Kissen zurück , sich nur noch fester in die Decken wickelnd . Konrad allein stieg aus . Wie wundervoll still es war ! So weich und sanft , so lind und liebevoll sank der Schnee , als breitete über ihr schlummerndes Kind die Hand einer Mutter die Daunendecke aus . Ein wildes Schluchzen , jäh und ursprünglich , daß der Wille , es niederzuzwingen , zu spät kam , drang aus Konrads Kehle . Eine Mutter ! Er hatte niemand , - niemand mehr ! - Er sah sie in Gedanken vor sich , die mit ihm fuhren : Die jungen , verliebten Hochzeiter , das alte Ehepaar mit dem zufriedenen Lächeln derer , die einen sorgenlosen Lebensabend erreichten , die beiden im Überschwang des Daseinsgefühls strahlenden Freunde - sie waren alle zu zweien , Freude und Sehnsucht glänzte auf allen Gesichtern ; Ströme von Lebensfülle schien dies ferne Land an sich zu ziehen , das einmal im Leben gesehen zu haben , jedes Deutschen Sehnsucht war . Nur er war allein , nur ihm schlug das Herz in der Brust wie eine aufgezogene Maschine , nur er geleitete eine Tote . Eine Hand berührte seinen Arm ; Giovannis faltiges Antlitz tauchte neben ihm auf . » Rasch , Herr Baron , wir fahren weiter ! - Und jetzt - jetzt geht es hinab ! « Ein gurgelnder Ton , wie von erstickten Tränen , klang in der alten Stimme . Konrad sah ihn an , ehe er in den Wagen sprang ; das Leuchten heller Verklärung lag über dem gelben Gesicht und gab den Augen den Glanz der Jugend wieder . » Unten blühen die Mandelbäume ! « Seltsam , wie jetzt das Lied der Räder anders tönte . » Unten blühen - die Mandelbäume ! « wiederholten sie . Und es war wie ein Tanz in die Täler hinab . Konrad schlief ein ; rosenrote Blüten sah er vom Himmel gaukeln , sie mischten sich leise unter die Winterflocken , sie wurden dichter , immer dichter , sie verdrängten den Schnee , sie hüllten die ganze Erde in ein Festkleid von Seide . Und weiter und weiter ging die rasende Fahrt . Schon wurden die Linien der Berge starrer , feierlicher , wie von eines klassischen Künstlers Hand gezogen ; die romantische Zerklüftung wich und mit ihr die Lieblichkeit der Dörfer im Tal . Es waren nicht die roten Giebeldächer mehr , die zwischen Obstbäumen und Fliederbüschen behaglich hervorlugen ; grau , wie gewachsene Felsen , drängten sich die Häuser eng zusammen , jeder Ort eine Burg . Breiter wurde das Tal . In schweren , gelben Fluten rauschte die Etsch bergab . Die Berge , die finster drohenden , treuen Wächter am Zaubergarten Europens traten zurück . Der blaue Himmel umschlang zärtlich die grüne Ebene . Wie sie sich dehnte und reckte , wie sie siegreich die letzten Hügel zur Seite drängte - ein einziges hoffnungsstarkes Sehnen ! Soweit das Auge reichte : saftige Wiesen , von niedrigen Weiden und Maulbeerbäumen gleichmäßig durchzogen , die Ranken sprossenden Weins in anmutigem Schwung miteinander verknüpften ; dazwischen kleine Gärtchen um kleine Häuser