berauscht von jeder Segelsilhouette , die in kecker Linie und kühner Raschheit vor dem Horizont vorbeisauste - und gewiß stumm vor Bewunderung über die Feinheit des dunstigen Lichtes , in dem das Flachland verschwamm . Und dankbar und ferienfroh , dies Wandelbild von Größe und Raumunermeßlichkeit überhaupt genießen zu dürfen ... Ja - die Mutter ! Vielleicht nahm er zu sehr den Maßstab nach ihr ... Sie war immer so ganz Kind mit den Kindern gewesen - schien immer gerade das Alter , die Interessen und Begeisterung der Söhne zu haben - sich mit ihnen entwickelnd - sich ihnen ganz anpassend . Solche Mütter stehen vielleicht , ohne daß sie es wollen oder auch nur ahnen , zwischen dem Sohn und seinem Mut zur Ehe . Sophie saß auf der Bank an der Steuerbordreling und hatte ihre Hände warm in die weiten Aermel ihres Mantels von links nach rechts , von rechts nach links gesteckt . Alle Sorgen waren weggehuscht wie Nachtgetier vorm Licht ; alle Hoffnungen waren so gut wie erfüllt . - In einer so göttlich großen , erhabenen , von Sonne durchfluteten , von fröhlichem Wellengewoge erfüllten Welt mußte es auch noch Glück geben ! Jedes dahinschießende Segelboot verbürgte es ihr ; die stolz heranziehenden Dampfer brachten es mit ; der lachende Himmel schüttete es herab ... Sie genoß die ganz grundlose , reine Daseinswonne , die Natur zu verschenken vermag - und nur sie ... Sophie sah auch immer wieder den Anblick vor sich , den die junge , holde Tulla gestern gewährt . - Mütterlich ging sie in das Zimmer der Wartenden und sagte so unbefangen wie möglich : » Nun , liebe Tulla , wollen Sie denn nicht nach vorn kommen ? Mein Sohn ist da . « Und als Tulla dann auf der Schwelle stand , war es ein Erlebnis . Sophie wußte wohl : Frauen - alte wie junge - alle , alle können einen begnadeten Augenblick haben , der ihre Schönheit verklärt , ihre Erscheinung adelt - eine geheimnisvolle Erhebung ist das - sie reicht auch der Bescheidensten eine Krone . Und die herbe Anmut der jungen Tulla war zu rührendstem Reiz verklärt , als sie da zögernd stand - die Augen fast schwarz vom Feuer des Glücks - auf den schmalen Lippen ein Lächeln voller Poesie der Jugend - die ganze schlanke Gestalt verkörperte Erwartung und keusches Zögern zugleich - Sie , die Mutter , sie spürte es auch , obschon sie vermied , den Sohn gerade anzusehen : über sein männliches Gesicht ging der Glanz einer großen , beglückenden Ergriffenheit . Es war ein Augenblick voll Andacht gewesen . Nachher freilich schien da irgendeine Hemmung zu sein - der Glanz losch hinweg aus Tullas Wesen - Vielleicht trug der Brief schuld daran , den sie noch mit der Abendpost aus Nizza bekommen hatte ... Sophie durfte ihn lesen . Und er verletzte auch ihr Herz - und ihr war , als wolle man einen teuren Toten beleidigen . Der Brief war die Antwort von Fiffi v. Samelsohn auf Tullas letztes Schreiben . Eine eilige Antwort , denn Fiffi hatte eigentlich keine , keine Minute Zeit , man wollte gleich zum Blumenkorso fahren . Sie teilte aber doch genau mit , daß ihre Mama und Tullas Mama den Wagen ganz mit weißen Rosen verkleidet haben würden . Dann floß noch eine neckische Bemerkung ein : » Wollen wir wetten , Tulla ? Noch ehe das Trauerjahr ganz vorbei ist , bekommst Du einen Stiefpapa . Meine Mama fände es nicht sehr geschmackvoll , sagt sie , weil doch der Baron Legaire zwei Jahre jünger ist als Deine Mama . Aber er hat ja ein Schloß in der Touraine - wenn ' s auch recht verkommen sein soll . Dies finde ich himmlisch ! Obschon ich sonst nicht romantisch bin . Aber ein Schloß in der Touraine ! « Jetzt , wie Sophie hier saß und sich an dem gewaltigen Schauspiel erhob , das der in riesenbreiter Majestät sich dem Meere hingebende Strom ihr bereitete , jetzt dachte sie : der Brief kam zur rechten Stunde - er wird helfen , Tulla erkennen zu lassen , wo die wahren Werte des Lebens liegen . Sie konnte von ihrem Platz aus manchmal die beiden sehen , wenn sie auf und ab schritten oder stehenblieben und hinausblickten - und sie sah auch wohl - die Unterhaltung floß spärlich . Aber versteht man sich nicht oft am tiefsten im Schweigen ? Daß die Gedanken ihres Sohnes vergleichend sie suchten , ahnte sie nicht . Tulla fror eigentlich , trotzdem sie ihre Persianerjacke anhatte und den Kragen hochgeschlagen . Sie war so herabgestimmt und wußte doch nicht genau warum . Fiffis Mitteilung schmerzte natürlich ein wenig . Nur ein wenig . Denn im Grunde genommen dachte sie doch bald nach Papas Tod schon : Mama heiratet gewiß noch mal wieder . Auch Viktor hatte in St. Moritz dergleichen geäußert und noch scherzhaft gesagt : » Meine Einwilligung dazu müßte Mama aber mit der Verdoppelung meiner Zulage erkaufen . « Fiffis Prophezeiung überraschte sie also nicht so sehr . Und sie fühlte deutlich : wenn ich nur selbst glücklich werde , kann es mir ja egal sein , was Mama tut . - Und wenn Mama wieder heiraten will , ist sie gewiß vergnügt , mich rasch los zu sein , und knappt nicht mit dem Zuschuß ... Ach nein , die Möglichkeit , daß Mama den Baron Legaire heirate , lag nicht so auf ihr - drückte nicht so seltsam allen Jubel nieder . Was für eine merkwürdige Ueberraschung war es gestern abend gewesen . Raspe in Zivil ! Wie verwirrend . Ein vornehmer , stattlicher Mann , auch im schwarzen Gehrock - Aber man mußte sich erst daran gewöhnen ... Und Tulla sah auch : das Zivil war sehr gut gehalten - aber der Rock hatte solche Schals mit Seidenaufschlägen , die vor zwei Jahren Mode gewesen waren - Herrenmoden kannte sie genau von