der Dinge mehr erhört , wie aus Worten . Wie es manche Frauen haben und auch manche Tiere . Sie wissen ohne weiteres und unmittelbar , was die Glocke geschlagen hat . Johanna begriff also plötzlich mehr , als ihr lieb war . Sie war ein sehr zartes Geschöpf voll sanfter Anmut . Die Eulenaugen waren noch immer groß und voll gütigen Staunens . Das kleine , schluchzende Lachen konnte nie aus der Rolle fallen . Als Johanna die Augen aufgetan , hatte sie gleich gespannt zu Einhart hinübergeblickt . Und sie betrachtete ihn lange , ohne daß er es merkte . Seine Verlorenheit in die Arbeit fiel lautlos wie ein Schicksal über sie her . Früher , wenn sie erwachte , hatte Einhart manchmal wohl , wenn es Frühling war , mit Scherz und Späßen vor ihrem Lager gestanden . Oft hatte er sich dann schon eine Weile damit vertrieben , ihre schlafenden Mienen belustigt anzusehen . Oder bunte Blumen auf dem Kopfkissen um ihren dunklen Kopf auszubreiten und aufzubauen . Einmal hatte er sich ein Vergnügen daraus gemacht , ihren geschlossenen Augen einen großen Spiegel vorzuhalten , daß , wie sie die Augen auftat , sie sich selber zu eigener Verwirrung vor sich sah und einen Augenblick nicht recht ihre Lage begriff . Das waren so Einharts Neckereien gewesen . Einhart hatte so auch die drolligsten Skizzen von Johanna als Schlafende gemacht , Zeichnungen und in Farbe . Sie sah darauf ganz wunderlich aus . Die vollen Wimperkränze auf dem unteren Augenrand gaben ein solches Gefühl von Schattendunkel in die jungen , schmalen , im Schlafe eigenwilligen Züge , daß man eine wahre Spannung empfand , diese weichen Lider und schweren Wimpern sich heben zu sehen und die Seele sich auftun . Wie vor eine Knospe voll unbekannten Blumenlebens gestellt , die bald springen und das heilige Lebensgeheimnis verraten will . Jetzt stand Einhart ganz vertieft vor seiner Arbeit und hatte keine drollige Miene zu ihr gewendet . Sie sah an der Art seiner Haltung , daß in ihm nicht Freude , daß eine Last in seiner Seele war . Johanna quälte ein furchtbares Gefühl . Sie lag und rührte sich nicht . Und weil auch Einhart seine Stellung in nichts änderte , ließ sie die Augen neu sich schließen und sank in Halbträume . Es kam ihr plötzlich ein harter Schrecken an . Es däuchte ihr , doch noch wach , als wenn sie eine volle , reife Ähre aufragte , goldhell in den Sommerhimmel und voll Glanz . Aber der Himmel wurde eine drohende Finsternis . Und ein Fegewind , der heranbrauste , riß und zauste sie hin und her und vertrieb unbarmherzig Korn um Korn . Daß sie sich im Treiben der bedrohlichen Mächte dünner und dünner schien , ein ärmlicher Stab und endlich ein dürres Nichts . Johanna hatte die Augen jetzt wieder fest geschlossen und war in das Nichts ganz hineingeschlafen . Einhart trat zu ihrem Lager , von ihrem Sorgenatem angeweht und aus seiner Versunkenheit geweckt . Johanna hatte im Schlafe aufgeseufzt . Aber wie er sie jetzt lange zärtlich ansah , erwachte sie nicht , nur immer tiefer in Träume gebannt , die ihr vieles sagten , was die Seele sich nicht frei eingesteht . Da träumte ihr ein Traum , der wie eine Erstarrung über ihr stand . Es träumte ihr , daß man ihr das Gewand , die runden , vollen Flechten ums Haupt , ihr ganzes , reiches Schwarzhaar und ihre Jugendfülle und knospende Gestalt , daß man ihr alles genommen . Und daß sie irgendwo auf einem einsamen Hügel bar und bloß läge , mitten in einem einsamen Steingeröll . Nichts um sie , rein nichts . Nur ein unendlicher Horizont . Es war offenbar um sie ein Meer . Aber in einer ganz trostlosen Stummheit . Es war tief lautlos zum Hilferufen . Und Johanna wollte auch Hilfe rufen . Sie hatte schon gerufen , verhallend . Sie rief wieder , weil der Ruf erstickte . Und der Ruf hielt sich doch auch gleichsam in der Luft . Der Schrei war der Schrei der Stille selber geworden , der nun ewig in der Luft hing . Da begann sie die Angst immer mehr zu pressen . Denn auch die Wellen des Meeres schienen ganz starr . Die lebendige Blutwelle der Schlafenden raste in Johannas Herzen so arg , daß sie sich umwälzte und neu zu stöhnen angefangen . Daß Einhart wieder mit seiner ganzen Teilnahme an Menschen und Dingen zu ihr herantrat und sie ansah . Aber Johanna erwachte nicht . Der Bann hielt sie wie mit Krallen . Sie war verödet . Es waren die Blumen und Träume von ihr genommen . So lebte sie es jetzt . Die schönen Kleider , in denen sie Einhart vor sich hingestellt , die Götterzeichen seiner Liebe und seiner Visionen , die waren längst abgefallen , weil sie verurteilt war . Es war noch immer niemand um sie . Es war noch auf demselben öden Dünenhügel . Sie war weit fort verschlagen . Sie war es gar nicht . Es war kein Leben . Nur lebloses Erstarrtsein . Nur bleiches Land . Nur vertrackte Gebilde von weißen Kieseln im bleichen , glühen Sonnenbrande . Brütende Launenspiele von einem ewigen Gestorbensein . Wie nur Knochen und bleiches Totengebein lag sie unter allerhand grinsenden Schädeln mitten auf dem Hügel . Das sengende Licht erstarrt . Die jagende Woge erstarrt . Der Schrei hing erstarrt in den Lüften , bleichend und ganz ohne Hoffnung . » Ach ! - - ach ! - - ach ! « Johanna hatte die Augen jetzt wirklich aufgetan und sah in Einharts Blick und hing sich auch gleich mit ihren nackten Armen an ihn . Denn Einhart hatte nicht mehr von der Stelle gekonnt , in seinem Verlangen , die Schlafende zu ergründen . » Ach , mein Geliebter ! « flüsterte Johannas erschrockene Stimme , traumbenommen und sanft flehend , und sie hing sich