gab . Dem Geliebten hätte sie vielleicht noch entsagen können - aber ihrer Liebe nicht - ebenso wie man ja einen Trunk von sich weisen kann , nicht aber den Durst . Der brennt , ob man will oder nicht . Schon lange hatte das Delnitzkysche Paar kein gemeinschaftliches Schlafzimmer mehr , Sylvia war also allein . Gegen zwei Uhr , da sie durchaus keinen Schlaf finden konnte , machte sie Licht . Sie warf die Decke von sich und sprang vom Bette herab . Ein langes , spitzenbesetztes Nachtgewand fiel ihr bis zu den Knöcheln und die nackten Füßchen verschwanden in dem flockigen Fell , das vor dem Bette auf dem Teppich lag . Sie hüllte sich in einen warmen Schlafrock , nahm das Licht und ging in das Nebengemach - ihren kleinen Salon . Was sie dort suchte , war Hugos Photographie , die unter anderen Bildern in einer Schatulle auf dem Tisch lag , und das in ihrem Schreibtisch verschlossene Heft der ihr gewidmeten Gedichte . Sie nahm beides und ging damit ins Schlafzimmer zurück . Hier zündete sie die Kerzen am Toilettetisch und am Ankleidespiegel an . Sie wollte Helle um sich Auf dem Toilettetisch erblickte sie die Blumen , die sie am Abend an ihrem Kleiderausschnitt stecken hatte - nunmehr verwelkte , aber desto stärker duftende Tuberosen . Sie nahm das Sträußchen auf und sog dessen betäubenden Atem ein - das brachte ihr die ganze Stimmung des herrlichen Theaterabends zurück . Dann setzte sie sich auf den Toilettesessel nieder , ihrem eigenen zurückgestrahlten Bilde gegenüber . Abwechselnd sah sie auf dieses und auf Hugos Photographie , blätterte in dem teueren Heftchen und küßte die sterbenden Tuberosen . Was in den glühenden , so oft gelesenen Liedern stand , und was sie als ihr dargebrachte Huldigung hingenommen und als kunstvolle Poesie bewundert hatte - das verstand sie jetzt alles und glaubte es ihm . Was er von seiner Liebe sprach , das war ja auch von dem gleichen Gefühl diktiert , unter dessen Bann sie selber erglühte . Ebenso sehnsüchtig mußte er ihrer gedenken , wie sie seiner ; ebenso tief unglücklich würde er sein , wie sie es wäre im Falle hoffnungsloser Trennung , ebenso überirdisch selig beide , wenn sie einander angehören ... Sie hatte Großes zu vergeben und zu versagen - in ihrer Hand lag das Glück und das Unglück zweier Menschen . Sie malte sich beides aus , in wonneschwülen und in schmerzlichen Bildern . Eine Zärtlichkeit überflutete sie , wie sie niemals ähnliches empfunden . Nachdem sie eine Stunde so gesessen , wurden ihre Lider schwer . Süße Schlaflust befiel sie . Sie mußte sich aufraffen , um nicht auf dem Sessel einzuschlafen . Sie stand auf , verlöschte die Lichter , ließ den Schlafrock fallen und schlüpfte wieder unter die seidenen Decken . Hugos Bild und Gedichte , sowie das Blumensträußchen hatte sie unter das Kopfkissen geschoben , und es währte kaum fünf Minuten , so lag sie in tiefem - aber nicht traumlosen Schlaf . Um den Stuck-Plafond des Schlafzimmers lief eine durch Rosenguirlanden verbundene Bande schwebender Amoretten . Als ob diese Rosen entblättert auf die Schläferin herabschneiten , so lind und so betäubend war der Traum , der sie umfing . Vom Arm des Geliebten weich umschlungen , schaukelt sie in einer Barke auf saphirblauem See . Längs der Ufer Gärten und Terrassen , Haine voll rieselnder Blütendolden , Säulen und Statuen , weiße Pfauen und funkelnde Paradiesvögel , sprühende Fontänen - das Ganze in magische Farben getaucht , bald in Purpur eines Sonnenuntergangs erglühend , bald in violettem Glanz , als wäre über See und Land elektrisches Veilchenlicht ergossen ; über der Barke ein goldenes Dach und auf ihrem Boden ein mit sterbenden Tuberosen überstreuter Teppich aus Hermelin . Kühlfächelnde Lüfte , und von weitem süße Musikklänge - ein Festesrausch für alle Sinne ; aber jedes andere Entzücken überragend , das leidenschaftliche Vollglück ihrer Liebe - - Vielleicht hatte dieser Traum mit allen seinen Bildern nur eine Sekunde ausgefüllt , aber im Gedächtnis der Erwachenden war ' s , als hätte er stundenlang gedauert . Als sie die Augen öffnete - es war schon Tag - da machte sie die schnell wieder zu , um sich den Traum zurückzurufen und ihn womöglich weiter zu träumen . Das Weiterträumen gelang nicht ; aber das Zurückversetzen in seine Stimmung brachte ihr - als wär ' s ein Erlebnis , eine Offenbarung gewesen - ein neues Bewußtsein , eine neue Kenntnis , die Kenntnis eines Seligkeitsgrades , von dem sie bisher nicht geahnt hatte , daß ihr Lebensthermometer ihn erreichen könnte . An diesem Morgen wollte sie nicht mit Anton zusammenkommen . Sie ließ sich die Frühstücksschokolade auf ihr Zimmer bringen , ebenso die Zeitungen . Sie verschlang die Berichte über die gestrige Erstaufführung . Es waren nur kurze Notizen in der Theater-und Kunstrubrik - die eigentlichen Besprechungen pflegen erst in den folgenden Tagen die Feuilletons zu füllen - aber schon heute war in sämtlichen Blättern der volle Erfolg konstatiert und der Verfasser des toten Sternes als ein lebendiger , am Dichterhimmel glanzvoll aufgehender Stern begrüßt . Sylvia labte sich an diesen Kritiken . Sie genoß das Lob , als wäre es eine ihrer Liebe erteilte Sanktion . Und was nun ? Lange blieb sie in Gedanken vertieft . Das Ergebnis ihres Nachsinnens war , daß sie ein Billett an Hugo schrieb , des Inhalts : » Ich wünsche , ich befehle , daß Sie mir acht Tage fernbleiben . Bald erhalten Sie Aufschluß . « Dann klingelte sie ihrer Jungfer , um sich in Straßentoilette zu werfen , ließ anspannen und fuhr zu ihrer Mutter . Baronin Tilling , welche wegen starker Erkältung das Zimmer hüten mußte , und daher gestern verhindert gewesen , der Burgtheateraufführung beizuwohnen , war eben auch damit beschäftigt , in den Blättern die Kritiken zu lesen ; es interessierte sie lebhaft , zu erfahren , ob der Sohn ihres treuen alten Hausfreundes Erfolg geerntet