donnerten oder kreischten durch die Luft . Die Verkaufsläden wurden eingeschlagen und mit dem Schrei : nieder die Juden ! erstürmten entfesselte Scharen die verschlossenen Räume , demolierten Tische , Fenster , Verkaufsgegenstände und manche reizten zu Brandlegung und Plünderung . An vielen Punkten gelang es dem Militär durchzudringen ; einzelne Schüsse wurden abgefeuert , denen höhnisches Gebrüll folgte . Während dieser Vorgänge war ein eigentümlich schwüler Wind durch die Gassen gefahren ; erschreckend schwarze Wolken waren herausgezogen und hatten sich im Norden getürmt , indes ihnen gegenüber ein Stück reinen Himmels lag , auf dem der klare Mond schwamm . Dann zuckten Blitze aus dieser Wolkenwand , deren beängstigendes Dunkel die Firste der Häuser seltsam bleich erscheinen ließ , leiser Donner rollte über die Dächer hin , allmählich anschwellend ; die Blitze wurden fahler , zackiger , breiter , schneidender und tiefer , der Donner weniger schwerfällig , und das Februargewitter hatte sich drohend angesammelt , ohne daß in dem Tumult irgend jemand darauf geachtet hätte . Die Soldaten begannen erregte Massen von Männern und Weibern vor sich her zu treiben . Ein vor Haß wütender Haufe von Männern stellte sich gegen eine ganze Kompagnie ; die Leute an den Fenstern stießen Angstrufe aus ; Steine flogen unter die Soldaten , aufgestellte Messer , Glasscherben von eingedrückten Fenstern , ja ganze Holzklötze , bis endlich der Kommandant der Abteilung zum Angriff überging . Alles wandte sich zur Flucht ; ein panischer Schrecken verbreitete sich ; nur noch verzerrte Gesichter waren zu erblicken ; die Weiber stürzten hin und waren vor Entsetzen gelähmt , die Männer nahmen Kinder unter den Arm und eilten davon wie gejagt . Aus den ferner liegenden Straßen kamen Zuschauer herbei und , mitergriffen von dem furchtbaren Schauspiel schrien sie so laut sie konnten , ergriffen nach dieser oder jener Seite hin Partei , folgten entflammt den immer noch tätlich vorgehenden Soldaten , wurden jedoch von der nachkommenden Reiterkolonne in die Seitenstraßen vertrieben . Währenddem floh der geängstigte Volkshaufen in immer größerer Verwirrung und gelangte auf den Lorenzerplatz , wo die Türen der Kirche weit offen standen . Aus dem Innern , wie aus einer dunklen Höhle schimmerte das glührote ewige Licht , und die von den Soldaten wie Hühner vorwärts getriebene Menge flüchtete sich in die Kirche , drängte sich unter heiseren Schreien hinein , zum Teil mit emporgehobenen Händen , als ob sie beten wollten , was jedoch nur deshalb geschah , weil das unbeschreibliche Gedränge sie dazu nötigte . Zornige Rufe erschallten aus dem seitab sich schiebenden Publikum ; Polizisten und Gendarmen versuchten umsonst sich Bahn zu machen . Die Soldaten schienen wie trunken von blödsinniger Kampf- und Verfolgungsbegier und hörten die Befehle ihrer Vorgesetzten nicht mehr . Die ersten Reihen wollten eben durch das Tor des Domes eindringen , als eine Gestalt vor ihnen in Wahrheit förmlich aufwuchs . Die Soldaten blieben stehen . Sie sahen finster staunend in das Gesicht dieses Menschen . Es war Agathon . Wie eine Mauer stand er da . Auf einmal fuhr ein entsetzlicher Blitz herab , der den ganzen Himmel in Stücke zu zerreißen schien . Ein fürchterlicher Schlag folgte . Und darauf Totenstille . Plötzlich erschallte von draußen aus einer engen Nebengasse ein langgezogener Schrei . Mehrere Schreie folgten . Die Leute an den Fenster deuteten angstvoll in die Höhe und wandten die Blicke von dem Schauspiel auf der Gasse ab . Zugleich mit dem Blitz waren die elektrischen Bogenlampen an der Straßenkreuzung erloschen , so daß einen Augenblick lang eine drückende Dämmerung den Platz füllte , die durch den Wind auf- und abbewegt zu werden schien . Dann fiel eine schmale Feuergarbe aus der Höhe herab , ähnlich dem Aufflackern eines Strohfeuers , nur dunkler , purpurner , und zugleich wurde das Wächterhorn auf dem Henkerturm hörbar ; die Menschen fingen an zu heulen , mit den Händen zu deuten , liefen dahin , dorthin , die Offiziere schrien , die Pferde der ausgerückten Eskadron begannen scheu zu werden . Eine grauenhafte Verwirrung entstand . Im Innern der Kirche hatte sich ein Knäuel von Menschen um den Altar gedrängt und starrte empor . Der Blitz war durch die Kirche gefahren und mehrere leblose Körper lagen auf den Steinfließen ausgestreckt . Das mystische Halbdunkel des Raumes begann allmählich einer satten Helligkeit zu weichen mit unruhigen , gespenstisch flackernden Schatten . Dabei blieben die bemalten Glasfenster dunkel , hinter ihnen lag graue Nacht , denn die Brandflut kam aus der Höhe . Viele zwängten sich mit Schreien und Rufen herein , riefen nach der Feuerwehr ; dazu tönte schauerlich die Glocke vom brennenden Turm ; es schien , daß der Glöckner , der keinen Ausweg sah , dessen Weg nach unten in Flammen stand , es schien , daß er mit der Anstrengung der Todesangst am Glockenstrang riß , während rote und trübe Flammen , Rauch und Funken um ihn emporschlugen . Agathon stand totenbleich . Er streckte die Hände empor und von den mageren Armen glitt der Rockärmel zurück . Die am Altar gestanden , scharten sich bang um ihn , und jetzt kamen drohende oder warnende Stimmen , die Zurück und Hinaus riefen , auch hörte man das Gerassel der auffahrenden Spritzen , während die Glocke im Turm rasend wurde und lauter hell gellende Hilfeschreie von sich gab . Agathon blickte in das versteinerte Gesicht eines der Leblosen unter ihm und der Kampf der vergangenen Wochen wurde ihm in diesem Augenblick leuchtend gegenwärtig . Wie er in Winkeln und Verstecken die Nächte hingebracht ; wie er einsam auf den Landstraßen geirrt , trank- und speiselos ; wie er die stürmischen Tage an sich hatte vorbeisausen lassen ; wie trotzdem mit unbezähmbarer Kraft seine Liebe zum Leben gewachsen war ; wie seine Vergangenheit stimmenlos versunken war , ein Nichts ; wie sein Auge schärfer wurde für die Zeit und für die Menschen ; wie er überall Geducktheit und Unfrohheit gewahrte , Unoffenheit , Duckmäuserei , geheime Empörungslust . Und je einsamer er ward da