Er hob das Glas , und ihr zutrinkend rief er : » Auf deine Schönheit ! « Ein schallendes Gelächter der Burschen antwortete . Ottilie zog sich , scheinbar gekränkt , von der Bierausgabe zurück . Während man noch den schlechten Witz bejubelte , trat ein Fremder ins Zimmer . Seinem Aufzuge nach war er ein wandernder Handwerksbursche , auf dem Rücken den » Berliner « den » Stenz « in der Hand . » Kenn Kunde ! « begrüßte ihn einer von den jungen Leuten , der auch einmal auf der Walze gewesen war und die Kundensprache beherrschte . » Kenn Kunde ! « kam es aus dem Munde des Wandersmanns zurück . » Na , Kunde , wie ist der Talf gewesen ? « » Denkst de , ich wer Klinken putzen ! Ne , dazu is meinen Ollen sei Sohn zu nobel . « » Na , Kunde , nobel siehst de grade nich aus . Du wirst wohl schmal gemacht han ! Oder bist de gar verschütt gegangen ? « » Ich und verschütt gehn ! Nich mal Knast gemacht ha ' ch . Mein Lebtag nicht ! Ich hab ' freilich meine Flebben in Ordnung . Willst se sehn ? « » Ich bin keen Teckel nich ! Laß deine Flebben , wo se sind . Willst en Soruff , Kunde ? « » Freilich mecht ' ch ä Nordlicht putzen . Hier is aber , weeß der Hole , ene dufte Winde . « » Hast wohl lange Leg ' um kauen müssen ? « » Pikus machen kann mer nich alle Tage auf der Walze . Meine Kluft is och mieß , die Trittchen hier sind ganz verrissen , und ne reine Staude hab ' ich vor drei Wochen angehabt . « » Na , laß dich vom Bruder schmieren , Kunde ! « » Wenn ich man Messume hätte . « » Hier , trink mal ! « » Prost , edler Menschenfreund ! « Gustav hatte sich den Mann , der eben das Glas zum Munde führte , inzwischen mit Aufmerksamkeit betrachtet . Den mußte er doch kennen . Himmeldonnerwetter ! war das nicht ... Wenn das nicht Häschke war , wollte er sich hängen lassen ! Häschke , mit dem er zusammen eingetreten war bei der zweiten Schwadron . Freilich , der Vollbart veränderte ihn und die Vagabundenkleidung . Aber an den lebhaften Augen , der Stimme und den Bewegungen erkannte er den ehemaligen Kameraden wieder . » Häschkekorl ! « rief Gustav und unterbrach damit die Unterhaltung der beiden Kunden . Der Handwerksbursche fuhr herum . » Büttner Hol mich der Teufel . Büttnergust ! « » Gleich noch ein Vier für meinen Kameraden ! « rief Gustav nach dem Schenktisch hinüber . Nun ging ein eifriges Fragen los von beiden Seiten . Drei Jahre und ein halbes war es jetzt her , daß sie einander nicht gesehen hatten . Denn Häschke war nach beendeter Dienstzeit herausgegangen , während Büttner kapituliert hatte . Häschke hatte sich neben Gustav setzen müssen . Nun mußte er von seinen Erlebnissen berichten . Er war von der Truppe aus zunächst in seine Heimat , das Königreich Sachsen , zurückgekehrt . Von Profession war er Schlosser und hatte fürs erste bei einem Meister seines Handwerks Arbeit genommen . Dort war seines Bleibens aber nicht lange gewesen . Er hatte Krach bekommen mit dem Meister . Nun war er gewandert , hatte dabei einen guten Teil Deutschlands gesehen . Im Westfälischen war er hängen geblieben eines Mädels wegen , sagte er . Dort hatte er sich in eine Maschinenwerkzeugfabrik verdungen . Bald darauf war Streik ausgebrochen , und er hatte seinen Stab weitersetzen müssen . Einige Monate lang hatte er beim Nordostseekanalbau Arbeit gefunden . Nachdem er den Winter über in einer posenschen Zuckerfabrik als Heizer Verwendung und Unterschlupf gefunden , lag er jetzt wieder auf der Landstraße . Gustav Büttner war mit diesem Häschte besonders befreundet gewesen . Sie hatten zusammen die Leiden der Rekrutenzeit durchgemacht . Waren auf derselben Stube und in dem nämlichen Beritt gewesen . Daß Büttner bald zum Gefreiten befördert wurde , während Häschke Gemeiner blieb , hatte keine eigentliche Scheidewand zwischen ihnen aufgerichtet . Häschke war und blieb einer der beliebtesten und angesehensten Kameraden , obgleich ihm die Vorgesetzten nicht wohl wollten , seines losen Maules und seiner Leichtfertigkeit wegen . Mutterwitz und Gewandtheit brachten ihn bei seinesgleichen desto mehr zur Geltung . Jetzt wurden alle diese Erinnerungen wieder aufgefrischt . Vom schnauzigen Wachtmeister und vom schneidigen Herrn Rittmeister erzählte man sich , und mancher lustige Streich aus dem Manöver und dem Garnisonleben wurde ans Tageslicht gezogen . Häschke war natürlich Gustavs Gast . Als er erfahren hatte , daß der Weitgereiste heute noch nichts Ordentliches in den Magen bekommen , bestellte Gustav Butterbrot und Wurst für ihn . Auf diese Weise war der Nachmittag vergangen . Die hereinbrechende Dunkelheit mahnte zum Aufbruch . Gustav dachte mit geheimer Besorgnis an die hohe Zeche , die er gemacht hatte . Aber er hütete sich wohl , davon etwas merken zu lassen . Im Gegenteil ! Den Kaschels wollte er gerade mal zeigen , daß es ihm auf ein paar Mark nicht ankomme . Und er bestellte für die ganze Gesellschaft noch einen Korn zum » Rachenputzen ! « Als man den Kretscham verließ , schloß Häschke sich Gustav an . Sobald sie ohne Zeugen waren , begann der Handwerksbursche zu klagen , wie schlecht es ihm gehe . Seit vierzehn Tagen sei er in kein vernünftiges Bett gekommen . Die letzten Sparpfennige waren in den Pennen draufgegangen . Die Kleider fingen an zu zerreißen , und die Füße schmerzten in dem elenden Schuhwerk . Er sah in der Tat abgerissen genug aus . Er fragte Gustav , ob er ihm nicht aus alter Kameradschaft etwas vorschießen könne . Dann wolle er die Eisenbahn benutzen oder - wie er sich in der Kundensprache ausdrückte - » mit dem Feurigen walzen «