Die oben zitierte kleine Malerin in Temperafarben , ein allerliebster Kamerad mit einem eminent klugen Köpfchen , hat mir diesen Kasus freilich in ein anderes Licht gerückt ( sie rückt in ihrer famosen Originalität überhaupt alles in ein anderes Licht , auch in der Malerei , wo sie wie ein Satan auf das plein-air versessen ist ) ; sie sagte nämlich , der Pessimismus ähnle darin den fideleren Religionen , daß auch seine Bekenner sich in Schafe und Böcke , in Gerechte und Ungerechte scheiden lassen ... Also ! Haben wir zur Zeit noch nicht die Kraft zur Schaffung eines architektonischen Pessimistenstils so haben die herrschenden Baustile unserer ruhmreichen Gegenwart wenigstens die Kraft , uns der pessimistischen Weltanschauung geneigter zu machen . Mir war nie weltschmerzlicher zu Mute , als wenn ich die neuesten Baudenkmäler unserer guten Kunststadt München betrachtet habe - z.B. die Gebäude der Maximiliansstraße . Und erst was da unten an der Isar herumgebaut worden ist ! Bei diesem Anblick bekam ich sogar Gräßlicheres , als Weltschmerz , ich bekam Bauchschmerz ! Fürchten Sie nicht , mein verehrter Doktor Trostberg , daß ich aus Rache für die erlittenen scheußlichen Empfindungen Ihnen boshaft zurufe : Stellen Sie sich auf die Maximiliansbrücke und blicken Sie von da nach allen Himmelsgegenden in die Bauwunder des sogenannten Isarathens hinein - da haben Sie eine Ahnung Ihres Pessimistenstils ! Was man da an der schönen , wilden , naturwüchsigen Isar an Münchener Kunstoffenbarungen vorgesetzt erhält , mag an Alles in der Welt erinnern , nur nicht an den kraftvoll eigenartigen , harmonischen Schöpfergeist Athens . Und darum glaube ich , daß wenn für München je einmal die Bezeichnung Kunststadt und Isarathen eine segensvolle Wahrheit werden und eine Blütenepoche eigenen , kraftvoll überströmenden Schaffens auf dem Gebiete des Schönen im umfassendsten und höchsten Sinne bedeuten sollte , die entscheidenden Thaten ihren Schauplatz an den Isarufern finden werden . Im Smaragd der Isar werden sich die Siegeswerke spiegeln , und stolzes Rauschen wird den Triumph der neuen Münchener Kunst verkündigen . Was heute von den unerhörten Sehenswürdigkeiten der Kunstleistungen in der königslosen Haupt- und Residenzstadt Bajuwariens oder Viermaniens gerauscht wird , das stammt meistens von jenen geistig dürren Blättern , die mit den Stichworten der von der Klique inszenierten Reklame arbeiten . Das verblüfft , aber überzeugt nicht . Die Botschaft hört man wohl , allein es fehlt der Glaube . Je nun , einstweilen muß uns auch dieses - Wurst sein . Erinnern Sie sich , mein verehrter Doktor Trostberg , wie unser großer einsamer König dereinst im Bunde mit Richard Wagner und Gottfried Semper den hehren Tempel deutscher Zukunftsmusik am Strande unserer Isar errichten wollte ? Drüben auf der bewaldeten , sagenumflüsterten , eichen- und tannenumrauschten Uferhöhe gegen Bogenhausen ? Wie er die nüchterne Liebigstraße zur monumentalen Kunstfeststraße umschaffen und in mächtigem Zuge von der Gartenseite des Festsaales der Residenz bis an die Isar bauen , mittelst einer neuen Brücke über die Isar leiten und in malerisch aufsteigenden Terrassen bis an die Schwelle des hehren Festspieltempels führen wollte ? Und die deutschen Völker versammeln sich hier , die hohen Feste ihrer nationalen Allkunst zu begehen , in längeren Zwischenräumen , begeisterten Herzens , aller Gemeinheiten und Sorgen des politischen und wirtschaftlichen Werkeltaglebens entladen , rein gebadet an Geist und Gemüt im Äther der großen vaterländischen Kunst ... Sehen Sie , wie sie in Scharen daherziehen , Männer und Frauen , Jünglinge und Jungfrauen , festlich gehobenen , elastischen Schrittes , beredten Mundes und glänzenden Auges , wie sie an der hohen Freitreppe des Kunsttempels sich wenden und klopfenden Herzens die Herrlichkeit der Landschaft bewundern , und aus der blauen Ferne grüßen die schneeigen Häupter der ewigen Alpen herein , und die Isar rauscht jubelnd herauf , und wie Nibelungenluft saust ' s durch die Wipfel der Eichen und Tannen , und im Abendrot schwimmt die hehre Kunststadt mit ihren ragenden Türmen und Giebeln ... Und nach diesem Naturvorspiel hebt sich der Vorhang ... Die materielle Welt versinkt , die Sonne des Geistes geht strahlend auf am Firmament der Kunst , die herrlichen Sterne der Dichtung und Musik leuchten und tönen in das Dunkel , und in lebendigen Gestalten schreitet das Schicksal unserer Götter und Väter , zum erhabenen Bilde verklärt , an unserem Blicke vorüber ... Ein Traum , ein Traum ! O , es wäre mehr gewesen . Der Nibelungenring Wagners mit seiner grandiosen Symbolik hätte wie ein Weltgericht der reinen Kunst an dieser Stätte gewirkt . Hier hätte man das wunderreiche Zeitgedicht des Dichter-Komponisten in seiner wahren Bedeutung erfassen gelernt , was weder in dem fränkischen Dorf Bayreuth , noch in den Prunksälen unserer Opernspaß-Häuser jemals vollständig gelingen wird : Die Jagd nach dem Ring , d.h. dem Goldreif , welcher der Welt Erbe verleiht , als das tragische Verhängnis unserer Zeit , der Kapitalismus in seiner Götter und Menschen aufreibenden Besitz- und Machtgier , die Weltherrschaft des Goldes - welch ' ein dämonisches Kampfmotiv , in das sich Himmel und Erde teilen , und welch ' eine Katastrophe ! Ich weiß nicht mit deutlichen Worten zu sagen warum , aber ich habe die Empfindung , daß diese Weltdichtung gerade an der Isar ihre volle Offenbarungsgewalt hätte entfalten müssen . Und hat der junge König nicht eine ähnliche Empfindung haben müssen ? ... Welch ' grandiose , eines jugendschönen , idealen Bayern-Königs würdige Künstlerphantasie ! Leider ist das Volk nicht mit seinem König gegangen . Der große Augenblick fand ein kleines Geschlecht . O Jammer , es hat von der goldenen Minute ausgeschlagen , was ihm keine Ewigkeit mehr zurückbringen wird . Der Königswille wurde gebrochen durch den brutalen Kleingeist der Kunststadtphilister , Meister Richard Wagner wurde aus der verdummten Kunststadt vertrieben , Meister Gottfried Semper rollte seine genialen Pläne zusammen und ging , und König Ludwig der Zweite schüttelte Schmutz und Staub seiner Residenzstadt von den Füßen und flüchtete sich in die Alpen und verzauberte sich in eine märchenhafte Welt , aus Dichtung gewoben und Wahrheit ... Großer ,