Schulmeister nicht lange genug gespielt , um ganz genau und deutlich in Worten ausdrücken zu können , wie ich die Sachlage ansehe . Wie ich dir es voraussagte , so war ' s ; ich fand Irene noch wach , als ich gestern oder vielmehr heute morgen nach Hause kam ; - gefragt hat sie nicht , aber gewußt hat sie gleich , daß ich ihr eine Neuigkeit mitbrachte ; - Fritz und Ewald sind da , Irene ! habe ich gesagt , weil ich immer gefunden habe , daß das Einfachste stets das Beste ist ; - erwidert hat sie eigentlich nichts , aber sie ist wach geblieben und nicht mehr zu Bette gegangen . Die Magd hat mich gefragt , weshalb die gnädige Frau in dieser Nacht gar nicht zu Bette gegangen sei . - Du sagst , Doktor daß ihr auf Schloß Werden es heute mittag mit allerhand Gespensterspuk zu tun gehabt habt ; aber meine Meinung ist , auf dem Steinhofe sind auch allerlei Geister , und zwar nicht von der besten Sorte , umgegangen ! Wieviel ruhiger lebten wir in der Welt , wenn wir uns nicht immer aus unserem Schicksal unsere Reue und unsere Gewissensbisse zurechtschnitten - stets in dem Gefühl , uns selber nie das geringste vergeben zu dürfen . Fritz , du weißt , ich habe von frühesten Jahren an immer zu dir aufgesehen , du bist der einzige von uns , der es zu etwas gebracht hat - du würdest mir nicht bloß einen Gefallen , sondern eine große Liebe antun , wenn du zuerst mit ihr sprechen wolltest ! « Das hatte ich denn aus meinem Leben in das alte Nest glücklich mitgebracht : sie durften mir alle in der wohlmeinendsten Weise ungestraft Sottisen meiner Brauchbarkeit wegen sagen . Fremden gegenüber würde ich mit Grund die bloße Ironie hinter der sehr ernsthaften Miene vermutet und gesucht haben ; die Freunde durfte ich wenigstens für ehrlich und wirklich vertrauensvoll in ihrem Glauben an mein Studium in Wittenberg halten . Jedenfalls hatte ich genug studiert , um mir die Sache zurechtlegen zu können . Es gibt nämlich in gewissen Krisen des Lebens eine Feigheit , die nur ein anderer Name oder besser die Folge einer kurz zuvor bewiesenen Herzhaftigkeit ist . Wofür tapfere Männer alles gewagt und gelitten haben , wagen sie dann zuletzt nicht einen Gang über die Straße , nicht ein Anklopfen an eine Tür , sondern sie schicken einen anderen oder möchten ihn doch am liebsten schicken , und deshalb - hatte ich für Ewald Sixtus mit Schloß Werden sprechen sollen , und darum - erschien es wünschenswert , daß zuerst ich mit Irene Everstein rede . Von meiner Gelehrtheit sprachen sie ; aber , ihnen selber unbewußt , meinten sie : das , was uns bewegt , kümmert ihn am wenigsten , also was kümmert ' s ihn ? Wenn einer uns sagen kann , was wir hören wollen oder hören müssen , so ist er ' s. Er ist objektiv in dieser Sache ; Steine und Menschen werden also ihm gegenüber unbefangen sich gehen lassen , und - ihm werden sie nichts tun . Wir aber , die wir Tag für Tag mit ihnen zu tun gehabt haben , wir fürchten uns ! Ich hatte mich aus der Mitte der Gevattern und Vettern-Besuche in der Försterei von dem Freunde wegholen lassen , um mit ihm Schloß Werden zu besichtigen ; ich ging am anderen Morgen dem Freunde vorauf nach dem Steinhofe , um die letzte Herrin von Schloß Werden , um Irene Everstein darüber sprechen zu hören . Es ist in solchen Fällen stets viel leichter , ja als nein zu sagen . Man will eben doch nicht umsonst an seiner Ehre gefaßt und für einen erfahrenen Mann gehalten worden sein . Zwölftes Kapitel Der Fluß hatte es eilig wie immer ; aber er , der mir in meiner Kindheit den einzigen klaren Eindruck von dem Vorbeigleiten der Erscheinung gegeben hatte , dessen schnelle Wasser mich in der Phantasie stets unwiderstehlich mit sich in die Ferne gerissen hatten , er war von allen Dingen in der Heimatgegend allein derselbe geblieben . Unsere Nester in den großen Nußbüschen waren verschwunden , die Wiese , über die sonst der Weg nach dem Walde führte , zerstückelt und zum Teil zu Ackerfeldern gemacht . Auch die Wälder selbst waren nicht mehr die nämlichen wie sonst . Den Hochwald hatte man teilweise gelichtet , teilweise ganz niedergeschlagen ; das Unterholz war aufgeschossen , und Heidestrecken hatten sich mit dichtem Gebüsch bedeckt . Wo man sonst von einem Berggipfel die freieste Aussicht in die Ferne gehabt hatte , suchte man nun nach einem Blick auf den Sommerhimmel zwischen dem dicht verschlungenen Gezweig . Nicht alle Pfade liefen noch wie in unserer Jugendzeit durch den Forst , aber der Fluß - der Fluß ging noch seinen alten Weg ; ich aber ging diesmal über die Brücke bei Bodenwerder und verließ mich nicht mehr auf den Kahn , welchen vordem der Vater Klaus stets so mürrisch-wohlgefällig zu unserem Dienst aus dem Uferschilf und Röhricht hervorzog . Auch das war sehr fraglich , ob ich den guten Alten , seine Fischerhütte , sein lustig romantisch Herdfeuerchen und sein morsches Fahrzeug noch am Rande der Weser finden würde . Über sechzig Jahre war er schon zu unserer Zeit alt gewesen , aber unterwegs tat es mir doch leid , daß ich mich nicht nach ihm erkundigt hatte , und fast wäre ich noch umgekehrt . Wie andere gelassene Leute gelangte ich über die Brücke bei Bodenwerder von einem Ufer auf das andere und auf den Weg nach dem Steinhofe . Der zog sich noch durch die Felder wie sonst . Mir war es , als müsse ich jeden Dornbusch an seinem Rande wiedererkennen und dürfe ruhig auf seine Identität schwören ; doch dies war wohl ein Irrtum . Ich habe es beschrieben , wie wir als Kinder auf diesem Pfade an heißen Sommertagen müde wurden und