es die fromme Sitte bei schwer Erkrankten gebietet - samt dem Andachtsbüchlein in einem Netz zu Häupten des Lagers hingen , schlug sie um Stirn und Rechte und verrichtete sein Morgengebet . Als er an die Stelle kam : » Hilf uns , Vater , dann wird uns geholfen sein ! Denn von dir allein kommt das Heil « , belebte sich sein Antlitz , und nachdem er das Gebet beschlossen , wiederholte er die Worte noch einmal . » O ich Narr ! « murmelte er . » Gott ist doch auch sein Vater ! Nein , du wirst nicht zu Grunde gehen , du armer Mensch . Er wird mir schon was für dich einfallen lassen , auch wenn ich selbst keinen Rat mehr weiß ! « Diese zuversichtliche Stimmung hielt in ihm vor , als Frau Rosel wieder erschien , ihn abzulösen . » Denket , wie es vor vierzehn Tagen war « , mahnte er . » Als sollt ' die Welt über Euch und ihm zusammenstürzen . Und in abermals vierzehn Tagen ist vielleicht alles gut . « Das hoffte sie nicht , aber die Vergleichung war auch ihr tröstlich . Wie hart hatten sich die Leute in jener peinvollen Stunde gegen sie und ihren Sohn betragen ! - Mit Mühe nur hatte der Marschallik einige bewogen , den bewußtlosen » Sünder « ins Mauthaus zu tragen . Allerdings wußte niemand recht , was Sender gefrevelt , es genügte ihnen , daß ihn der Rabbi verflucht . Um ihr die qualvolle Sorge um den Kranken zur Verzweiflung zu steigern , war nur der » Doktor « Grundmayer zur Hilfe da , der Stadtarzt hatte ja nach Lemberg reisen müssen . Der Marschallik hatte recht : Wenn Sender genas , so hatte ihn nur Gott gerettet ! Dann aber zürnte Er vielleicht gar nicht so sehr wie sein Diener , der Rabbi . Sie war in strengster Gläubigkeit alt geworden , und nie hatte sie irgend ein Zweifel beschlichen , nicht einmal an einem Ausspruch des Rabbi , geschweige denn an der Notwendigkeit eines einzigen der unzähligen Gebote und Verbote ihrer Sekte . Auch nun zweifelte sie nicht , daß Sender schwere Sünde auf sich geladen , und nicht allein aus Vorsicht , auch um Unseliges nicht in ihrem Hause zu dulden , hatte sie die Bücher und Schriften verbrannt . Aber der Fluch eines Rabbi ist eine furchtbare Strafe , sie macht den Bestraften elend und verlassen - war sie hier nicht zu hart ? Und da die Wucht dieser Strafe Sender verblutend zu Füßen seines Richters hingeworfen - hätte er nicht dann Mitleid üben , die Herbeieilenden zur Rettung des Jünglings anfeuern sollen ? Er aber sagte nur : » Schaffet ihn fort ! Das Blut des Sünders befleckt diese Stube ! « War das auch im Namen und nach dem Willen Gottes gesprochen ? ... Sie richtete sich hoch auf . » Nein , Rabbi , das war zu hart ! « murmelte sie , als stünde sie ihm gegenüber . » Und ihr anderen gar , was wollt ihr von ihm ? Er hat gesündigt , ja , aber wer weiß warum und durch wessen Verführung ? Aus den Wolken sind ihm ja jene Bücher nicht in die Lade gefallen ! Und was er gesündigt hat , hat er gebüßt , und wenn ihm Gott verzeiht , indem er ihn genesen läßt , so sollt ihr anderen ihn nicht verfolgen ! Er ist mein Kind - ich werde zu meinem Kinde stehen ! « Um die Mittagsstunde kam der Wundarzt Grundmayer , nach seinem Patienten zu sehen . Das war ein Beweis seines großen Pflichtgefühls , denn er hielt sich kaum auf den Beinen . Sein gewöhnlicher Rausch war allerdings immer schon am nächsten Vormittag ausgeschlafen , aber am Abend nach der Rekrutierung hatte er sich eben einen besonderen angetrunken , schon aus Freude darüber , weil sich diesmal die » Fehler « aller seiner Klienten als wirksam bewährt . Stolpernd und pustend kam er auf das Mauthaus losgesteuert . Frau Rosel ersah ihn zufällig schon von fern und trat ihm vor der Tür entgegen ; Sender sei wieder bei Bewußtsein , jetzt schlafe er tief und fest , es sei wohl das beste , ihn nicht zu wecken . » Hoho ! « gröhlte der Trunkene , » woher wissen Sie , was das beste ist ? Aber meinetwegen - « er sank auf die Bank vor dem Hause - » lassen wir ihn schlafen ! Wenn er aufkommt , zahlen Sie mir hundert Gulden , denn dann war das eine Wunderkur . Blutsturz - Nervenfieber - was weiß ich - alles zusammen . « Er lachte laut auf . » Aber er kommt ja nicht auf . Unsinn ! Deshalb müssen Sie mir doch einen Gulden für jeden Besuch zahlen ! Auch für den heutigen . Sonst- « Er erhob sich und nahm eine drohende Haltung gegen sie an . Zum Glück kam in diesem Augenblick ein Wagen vorbei ; der dicke Simche Turteltaub , der einstige Lohnherr Senders , lenkte ihn . Auch er hatte sich bisher nicht einmal nach dem Befinden des Kranken zu erkundigen gewagt . Als er jedoch die Szene sah , hielt er an und sprang vom Kutschbock . » Steigt ein ! « befahl er dem Trunkenen . » Ich bring ' Euch heim . « Dann wandte er sich an Frau Rosel . » Das geht nicht , daß mein Sender in solchen Händen bleibt . Ich hab ' eben den Herrn Regimentsarzt , der gestern die Rekrutierung in Barnow geleitet hat , zu einigen Kranken in Biala gebracht ; Nachmittag soll ich ihn abholen , ich halt ' auf dem Rückweg bei Euch an . « Sie vermochte ihm vor Rührung kaum zu danken . » Recht habt Ihr « , sagte sie dem Marschallik , als er des Nachmittags wieder erschien , » Gott verläßt uns nicht . « Sender war