die ganze Mannschaft verwickelt wurde . Dann stand der Mann an der Spitze einer ihm ergebenen Gruppe der Frau gegenüber , welche mit mächtigem Geräusche vor ihrem Anhange sich aufstellte und nicht eher abzog , als bis sie alles niedergesprochen hatte , was sich ihr entgegensetzte ; manchmal befand sich auch das Ehepaar zusammen gegen das ganze übrige Haus im Streite , oft auch begann der Kupferstecher oder der Lithograph eine drohende Bewegung als Vasall , indessen die gemeinen Sklavenempörungen der Koloristen mit Macht niedergeschlagen wurden . Ich selbst kam mehr als einmal in gefährliche Lage , indem mich die heftigen Szenen belustigten und ich dies zu unvorsichtig kundgab und zum Beispiel einst eine solche theatralisch nachbildete und in dem halbverfallenen Kreuzgange des Hauses mit den jungen Malern zur Aufführung brachte . Denn obgleich ich um diese Zeit empfänglich und geneigt gewesen wäre , ein feines und reinstrebendes Leben zu fahren , da während der schönen Tage auf dem Lande ein starkes Ahnen in mir erwacht war , so sah ich mich doch , von entsprechendem Verkehr entblößt , an das derbe Treiben des Refektoriums gewiesen und machte allen Unfug getreulich und lebhaft mit , weil ich des Umganges und der Mitteilung bedurfte und am wenigsten mich auf weise Zurückhaltung und halbe Teilnahme verstand . Daß aber das Heulen mit den Wölfen mir nicht Schaden tat , wie ich glaube , verhütete der freundliche Stern Anna , der immer in meiner Seele aufging , sobald ich in dem Hause meiner Mutter oder auf einsamen Gängen wieder allein war . An sie knüpfte ich alles , wessen ich , über den Tag hinaus bedurfte , und sie war das stille Licht , welches das verdunkelte Herz jeden Abend erleuchtete , wenn die Sonne niederging , und in der erhellten Brust wurde mir dann immer auch unser gute Freund , der liebe Gott , sichtbar , der um diese Zeit mit erhöhter Klarheit begann , seine ewigen Rechte auch an mir geltend zu machen . Ich hatte , nach Büchern herumspürend , einen Roman des Jean Paul in die Hände bekommen . In demselben schien mir plötzlich alles tröstend und erfüllend entgegenzutreten , was ich bisher gewollt und gesucht oder unruhig und dunkel empfunden . Diese Herrlichkeit machte mich stutzen , dies schien mir das Wahre und Rechte ! Und inmitten der Abendröten und Regenbogen , der Lilienwälder und Sternensaaten , der rauschenden und blitzenden Gewitter , inmitten all des Feuerwerkes der Höhe und Tiefe , in diesen saumlosen schillernden Weltmantel gehüllt der Unendliche , groß , aber voll Liebe , heilig , aber ein Gott des Lächelns und des Scherzes , furchtbar von Gewalt , doch sich schmiegend und bergend in eine Kinderbrust , hervorguckend aus einem Kindesauge wie das Osterhäschen aus Blumen ! Das war ein anderer Herr und Gönner als der silbenstecherische Patron im Katechismus ! Früher hatte ich dergleichen etwas geträumt , die Ohren hatten mir geläutet , nun ging mir ein Morgen auf in den langen Winternächten , welche hindurch ich an dreimal zwölf Bände des Propheten las . Und als der Frühling kam und die Nächte kürzer wurden , las ich von neuem in den köstlichen Morgen hinein und gewöhnte mir darüber an , lange im Bette zu liegen und am hellen Tage , die Wange auf dem geliebten Buche , den Schlaf des Gerechten zu schlafen . Wenn ich dann erwachte und endlich doch an die Arbeit ging , war ich von einem Geiste träumerischer Willkür und Schrankenlosigkeit besessen , der noch bedenklicher war als die früheren Auflehnungen . Sechstes Kapitel Schwindelhaber Als der Frühling kam , welchen ich voll Ungeduld erwartet hatte , begab ich mich in den ersten warmen Tagen ins Freie , ausgerüstet mit der erworbenen Fertigkeit , um an die Stelle der papiernen Vorbilder die Natur selbst zu setzen . Das Refektorium sah voll Achtung und mit geheimem Neide auf meine umständlichen Zurüstungen ; denn es war das erste Mal , daß eines seiner Mitglieder die Sache so großartig betrieb , und das Zeichnen » nach der Natur « war bisher ein wunderbarer Mythus gewesen . Ich selbst ging nicht mehr mit der unverschämten , aber gutgemeinten Zutraulichkeit des letzten Sommers vor die runden , körperlichen und sonnebeleuchteten Gegenstände der Natur , sondern mit einer weit gefährlicheren und selbstgefälligen Borniertheit . Denn was mir nicht klar war oder zu schwierig er schien , das warf ich , mich selbst betrügend , durcheinander und verhüllte es mit meiner unseligen Pinselgewandtheit , da ich , an statt bescheiden mit dem Stifte anzufangen , sogleich mit den angewöhnten Tuschschalen , Wasserglas und Pinsel hinausging und bestrebt war , ganze Blätter in allen vier Ecken bildartig anzufüllen . Ich ergriff entweder ganze Aussichten mit See und Gebirgen oder ging im Walde den Bergbächen nach , wo ich eine Menge kleiner und hübscher Wasserfälle fand , welche sich ansehnlich zwischen vier Striche einrahmen ließen . Das lebendige und zarte Spiel des Wassers im Fallen , Schäumen und eiligen Weiterfließen , seine Durchsichtigkeit und tausendfältige Widerspiegelung ergötzte mich , aber ich bannte es in die plumpen Formeln meiner Virtuosität , daß Leben und Glanz verlorengingen , während meine Mittel nicht hinreichten , das bewegliche Wesen wiederzugeben . Leichter hätte ich die mannigfaltigen Steine und Felstrümmer der Bäche , in reicher Unordnung übereinandergeworfen , beherrschen können , wenn nicht mein künstlerisches Gewissen verdunkelt gewesen wäre . Wohl regte sich dieses oft mahnend , wenn ich perspektivische Feinheiten und Verkürzungen der Steine , trotzdem daß ich sie sah und fühlte , überging und verhudelte , statt den bedeutenden Formen nachzugehen , mit der Selbstentschuldigung , daß es auf diese oder jene Fläche nicht ankomme und die zufällige Natur ja auch so aussehen könnte , wie ich sie darstellte ; allein die ganze Weise meines Arbeitens ließ solche Gewissensbisse nicht zur Geltung kommen , und der Meister , wenn ich ihm meine Machwerke vorzeigte , war nicht darauf eingerichtet , der fehlenden Naturwahrheit nachzuspüren , die sich gerade in den