zumal wenn bei dem letzteren auf eine Nachfolge in ihrem künstlerischen Streben zu rechnen war . « » Und ist Ihnen niemals der Gedanke gekommen , daß die leidenschaftliche Kunstfreundin über ihre Hinterlassenschaft zu kunstfördernden Zwecken verfügt haben könnte ? « » Hinsichtlich ihres Barvermögens , des Hauses in Dresden , ihrer Sammlungen und so weiter höchst wahrscheinlich ; hinsichtlich des Werbenschen Stammgutes keinenfalls . Warum hätte sie es als Siebzigerin mit dem Opfer weit höheren Zins tragender Dokumente wieder in ihre Hand gebracht ? Ist dies der Platz , wo man etwa eine Harfenschule gründet ? Nein , was der Familie entstammte , sollte der Familie verbleiben , und die Repräsentantin dieser Familie war für sie - ich . Mich hat sie gebildet , mein ist ihr Talent , ihre Anschauung , in gewissem Sinne ihr Schicksal . Nur ich kann ihr eigenes Leben fortführen ; um dies aber zu können , muß ich zunächst ihre Erbin sein . Ich , das heißt mittelbar mein Bruder . Denn das wußte sie ja ganz wohl , und darin hat sie mich von früh ab festgemacht , daß ich , ein Krüppel , wie ich durch die Vernachlässigung meiner Mutter geworden bin , niemals einen näheren Angehörigen haben werde als meinen Max , der überdies für fast jegliche Kunstrichtung reicher als ich begabt und durch die Fürsorge der Tante vollständig darin ausgebildet ist . « » Der aber , so gut wie Sie , Fräulein Sidonie , dereinst ein Vermögen besitzen wird , gegen welches das Erbe von Werben verschwindet . « » Eben darum . Nicht eine mäßig , nur eine reich gefüllte Hand genügte ihren Zwecken . Sehr möglich , daß sie direkt zu meines Bruders Gunsten testiert haben würde , hätte sie in ihm nicht das unwirtschaftliche Hartensteinsche Temperament vorausgesetzt . Mich hielt sie für praktischer und mit Recht . Man kann des Guten nicht zu viel haben für sich und andere , pflegte sie zu sagen . Sie tat in letzerer Beziehung auch viel . Nur daß man ihre Wohltat nicht bemerken , nicht durch sie bedrückt , beschämt erscheinen , ihr nicht anders als durch frohen Genuß dafür danken durfte . Darum gab sie auch meinem Max so gern , weil er alles Förderliche ohne demütigende Phrase , wie himmlischen Regen und Sonnenschein , von ihr angenommen hat . « Pastor Blümel machte noch den Einwand , daß die Verstorbene ihren letzten Willen ja aufgesetzt habe , bevor sie sich von der ihrer Sinnesart gemäßen Entwicklung ihrer Verwandten überzeugt , und daß er unverändert geblieben sei . Sidonie ließ an ihrer Zuversicht indessen nicht rütteln . Ihre Luftschlösser standen fix und fertig aufgebaut . Die Familie des Propstes mochte , ob der Vater lebte oder starb , nach wie vor das Schloß bewohnen und den Notpfennig , welchen die Erblasserin ihr vielleicht zugewendet hatte , darin genießen . Sie , Sidonie , folgte ihrem Bruder , wohin es auch sei . » Er braucht Freiheit , und ich finde alles , was ich brauche , in seiner Nähe . « Nach diesem Schlußsatz setzte sie sich an das Klavier , und das Prestissimo einer Beethovenschen Sonate erbrauste in Perlenreine unter ihren schlanken Händen . » Mir klingt es vor den Ohren , Konstantin , als wäre wieder einmal Lisettchens Milchtopf in Scherben zerbrochen , « sagte Frau Hanna , welche dem Gespräche , ohne ein Wort darein zu geben , zugehört hatte . Ihr Konstantin seufzte . Für den Besuch des Talgutes am anderen Nachmittag hatte Sidonie , zur eigenen Schonung und zur Belustigung des gesamten jungen Volks , sich eine Kahnfahrt ausgedacht . Lydia wollte zurückbleiben , da ihr Vater seit gestern morgen sich wieder übler fühlte ; er selber aber drängte sie zur Teilnahme mit einer Hast , die sie befremdete . Wollte er allein sein ? Gönnte er ihr eine flüchtige Freude vor einem unvergänglichen Schmerz ? Oder - hatte er einen Blick in ihren heimlichsten Seelengrund getan ? Lydia errötete bei dieser letzten Vorstellung , aber sie ging mit erleichtertem Sinn , nachdem sie ihr aufgestiegen war . Vor der Fährhütte traf die Schloßgesellschaft mit der Pfarrgesellschaft zusammen , ein jeder froh gelaunt und witzig nach seiner Art ; nur Max erschien , trotz Lydias Gegenwart , um des unliebsamen Zieles willen , verstimmt . » Wissen Sie , wie Sie mir vorkommen , Fräulein Rose ? « fragte der Leutnant , und da Fräulein Rose die Vorstellungen eines Leutnants nicht zu erraten vermochte , erklärte er : » Wie ein weißes Täubchen mit einem schwarzen Köpfchen zwischen drei schwarzen Tauben mit weißen Köpfen . « Auch diese dem Kleiderschrank entlehnte Galanterie wurde lachend gewürdigt . » Wie gefällt dir Röschen ? « fragte Martin seine Cousine , die in Erwartung des Kahnes seinen Arm genommen hatte . » Allerliebst , « antwortete Sidonie . » Sie gleicht dieser Gegend . Die frische Anmut läßt die Schönheit nicht vermissen . « » Du hast recht , « fiel Max , der Frage und Antwort gehört hatte , ein . » In solche Gegend zieht man sich zurück , wenn man des Weltlebens überdrüssig geworden ist , und solch ein Mädchen heiratet man , wenn man nicht mehr nach Schönheit und Liebe verlangt . « » Seid ihr alle beide aber merkwürdig , « entgegnete Martin gegen seine Art ein wenig pikiert . » Was mich anbelangt , so finde ich Röschen wunderschön , und daß nicht immer aus Liebe geheiratet werden kann , das begreife ich . Warum aber einer Röschen heiraten sollte , der sie nicht schön findet und nicht in sie verliebt ist , das begreife ich nicht . « » Weil sie ein zierliches Pantoffelregiment führen würde , große Schönheiten aber gewöhnlich große Füße haben , « erklärte Sidonie lachend , und der Leutnant war so klug wie zuvor . Man stieg in den Kahn , Dezimus und Peter Kurze führten die Ruder ; die übrigen gruppierten sich je