sich seit jenen Trennungsjahren nicht wieder erholt hatte , brach bei diesem zweiten Abschied ohne Widerstand zusammen . Heute ahnte sie den Todesstreich , den sie damals nur gefürchtet hatte , und als der ehrliche Purzel seinen alten Trostspruch wiederholte : » Gnädige Frau , es passiert ihm nichts , und wenn ihm doch was passiert , da komme ich gleich und melde Post , « da versuchte sie kein Lächeln , und ihr starres Auge sagte : » Ich weiß , daß du kommst . « Ich teilte diese apprehensive Stimmung nicht . Die Kampagnen Napoleons waren nicht von der Dauer der Rheinfeldzüge ; die gegenwärtige spielte sich voraussichtlich in unserer Nähe ab , und warum sollte man von vornherein an Gottes Schutz verzweifeln , wenn man denselben schon einmal mit so viel Dank empfunden hatte ? Ich hoffte , den teuren Mann wiederzusehen , bald wiederzusehen . Desto unbezwinglicher war mein düsteres Vorgefühl des allgemeinen Loses . Wie einsame Hirten oder Jäger Wolken- und Sternenlauf verstehen lernen , so , ich sagte es schon , hatte in meiner geistigen Vereinzelung ich mich gewöhnt , die Blicke aufmerksam auf den umzogenen Horizont unseres Zeitwesens zu richten , und es waren drohende Wetter , die ich aufsteigen sah . Nun kam ich heim . Unser Städtchen glich einem preußischen Feldlager . Der größte Teil der Armee , von der ich Bruchstücke schon während der vorjährigen Mobilmachung hatte kennen lernen , zog durch unsere Straßen , dem unfernen Hauptquartier entgegen . Mit natürlichem Scharfblick für alles Praktische und als Soldatenkind mit manchen militärischen Bedürfnisfragen vertraut , mußten mir während dieser Eindrücke Bedenken aufsteigen , welche die Folgezeit nur allzu deutlich gerechtfertigt hat . Mehr aber als diese aktuellen Anschauungen war es eine nachschleichende Erinnerung , welche sich unheilweissagend zwischen den bunten Wechsel drängte . Ich sah und hörte die cavalière Laune unter den Epigonen aus Friedrichs Heldenschule , die einzige Stimmung , welche öffentlich zur Schau getragen ward und welche die weniger heißblütigen sächsischen Bundesgenossen häufig genug verletzte ; - nun , man konnte sie belächeln . Ich wechselte , in flüchtigem Begegnen , ein Wort mit dem heldenmütigen Prinzen , der mich , wenn auch mit genialischerem Gepräge , so lebhaft an den Betrauerten von Valmy erinnerte ; ich verneigte mich vor der Huldgestalt der Königin und las die stolze siegerische Zuversicht in dem schönsten Frauenauge : - nun , jenes Wort und dieser Blick hätten das Vertrauen beleben dürfen . Aber ich sah auch an der Spitze der Armee wieder den halbschlüssigen Feldherrn von Zweiundneunzig , wo Friedrichs Ruhmesfahne sich zu senken begann ; heute ein Greis , von Greisen umgeben , und gegenüber nicht einer Rotte von Sansculotten , sondern einer siegestrunkenen Armee unter einem Kaiser Napoleon . Und jener Autorität der Erinnerung sah ich wieder einen König von Preußen freiwillig unterstellt , einen nüchternen , schüchternen Herrn , in dessen ernsten Augen - von allen allein ! - ein Spüren der Katastrophe zu lesen war , ein Ahnen aller Leiden der Zeit , die er zu spät verstehen lernte . Die Armee hatte sich seit fast zwei Wochen westwärts den Fluß entlang gezogen . In der Stadt war keine Besatzung zurückgeblieben , eine bängliche Stille dem lauten Treiben gefolgt : die Stille vor dem Sturm . Von Stunde zu Stunde erwartete man die Nachricht eines Zusammenstoßes , niemand aber ahnte , wo der gefürchtete Sieger von Austerlitz , der nach der letzten Kunde , Anfang Oktober , in Würzburg angekommen war , diesen Zusammenstoß suchen oder ihm begegnen werde . Auch die Armee ahnte es nicht , wie uns ein erster Brief des Vaters angedeutet hatte . Die letzte Nachricht über ihn brachte uns der Propst , dessen Sohn in seinem thüringischen Pfarrhause den Freund seines Vaters gastlich beherbergt und ihn wohlbehalten und wohlgemut gefunden hatte . Der Hauptteil der Sachsen stand bei dem Hohenloheschen östlichen Flügelkorps ; unser Reiterregiment an der oberen Saale bei den Vorposten , welche Prinz Louis Ferdinand führte . Noch war jedermann im Dunkel , ob das Korps dem Feinde entgegen auf das rechte Flußufer rücken , oder ob es sich näher an die Hauptarmee bei Erfurt ziehen werde . Dieser Brief , datiert vom 8. Oktober , erreichte uns erst am Nachmittage des 11. Die Mutter hörte den beruhigenden Inhalt ohne Glauben und fast ohne Anteil . Sie saß in sich versunken in einem zehrenden Fieber . Mich durchzuckte ein Ahnen , daß auch ohne vernichtenden Schlag sie diese Prüfungszeit nicht überdauern werde . Am anderen Morgen durchliefen beunruhigende Gerüchte die Stadt , Gerüchte , wie sie in solchen Tagen in der Luft zu schwirren scheinen : keiner sucht und erfährt ihren Herd . Ich las sie in den Mienen der Vorüberstürzenden , fing sie auf aus ihren halben Worten , wenn ich auf einen Augenblick die Mutter zu verlassen und auf die Straße zu treten wagte . Reisende wollten schon gestern französischen Truppenzügen begegnet sein , die sich auf dem rechten Ufer saalwärts bewegten : man sah die verbündete Stellung umgangen , sah in ihrem Rücken den Feind sich im Kurfürstentum festsetzen ; man glaubte sich keine Stunde mehr sicher , dachte ans Bergen seiner Habseligkeiten , an Verproviantierung , an Flucht . Die Aufregung wuchs , als gegen Mittag die Sage von mehreren für die Verbündeten unglücklichen Vorpostengefechten , die schon am 9. stattgefunden und die Kavallerie hart mitgenommen haben sollten , verlautete ; sie stieg zum höchsten , als einige Stunden später - wie ? durch wen ? ja , Gott weiß es ! die unheilvollste Kunde von Mund zu Mund lief . Eine Schlacht - so hieß es - hatte stattgefunden , der Feind den Übergang auf das linke Ufer gegen den preußischen Prinzen und demnach auch gegen unser städtisches Regiment erzwungen . Die Verluste wurden ungeheuer genannt , unter ihnen sogar der Name des heldenmütigen Prinzen . In dieser Spannung des Lauerns und Horchens neigte sich der Tag . Die Frankfurter Post traf ein , zwei