die ganze Nacht hindurch mußte Hans Unwirrsch auf alle die Turmuhren horchen , deren Glockenklänge bis zu seinem Kopfkissen drangen . Stimmen von jeder Art vernahm er , wie er wachend lag . Zwölffach rief ihm die große Stadt jede verrauschte Viertelstunde ins Ohr . Aus der Nähe wie aus der Weite kamen die Klänge - erst die dumpfe , ganz nahe Glocke , dann die feine , die in der Ferne bimmelte und viel Ähnlichkeit mit der Passagierglocke eines Bahnhofes hatte . Auf das feine , ferne Stimmchen das sonore Dröhnen von dem Nikolausturm und so fort , so fort , eine Uhr und Glocke der andern dicht auf dem Nacken folgend . Es war ein eigen Ding , zu liegen in dem fremden Haus , der fremden Stadt , der fremden Welt , die nächtlichen Stunden zählend und das vergangene Leben im Geist zu wiederholen , um die wirren , tollen Erlebnisse der Gegenwart nur irgendwie damit verknüpfen zu können . Wie stellte sich dieser Doktor Theophile Stein zu dem Moses aus der Kröppelstraße , dem Moses des Gymnasiums und der Universität ? Hans Unwirrsch gab es auf , darüber sich abzuquälen . So unerklärlich diese plötzlich aus dem Boden gestiegene Erscheinung sein mochte , ihre Umrisse waren doch zu bestimmt und scharf , als daß es möglich gewesen wäre , ihr Dasein in der Wirklichkeit zu bezweifeln . Man kann an viele Leute denken , während man die Stunden zählt in der Nacht . An Lebende und Tote kann man denken und vorzüglich an die letzteren ; denn die Nacht ist die Zeit der Geister . An seine Toten dachte Hans - an die Mutter , ihren alten schwarzen Sparkasten , ihre guten , treuen Augen und den Morgen , an welchem er , von seiner Predigt heimkehrend , diese Augen geschlossen fand . An den Vater dachte Hans , an die glänzende Glaskugel , an sein schönes Liederbuch . Nun stieg allmählich die ganze eng eingeschränkte Kindheit aus dem Dunkel empor ; und einmal richtete sich der ruhelose Träumer schnell von seinem Lager empor , weil er glaubte , die Stimmen der Base Schlotterbeck und des Oheims Grünebaum draußen auf der Treppe zu hören . Es war freilich eine enge , begrenzte Welt , die den Kandidaten in dieser Nacht umgab , als aber der Morgen graute , hatte sie ihn fähig gemacht , der weitern Welt , die sich jetzt vor ihm öffnete , fest entgegenzutreten . An diesem Morgen brauchte der Leutnant Götz » seinen Präzeptor « nicht aus den Federn aufzujagen : vollständig gerüstet fand er ihn und bereit - wie derselbe Leutnant sich ausdrückte - , » einen breiten Buckel zu machen für alles , was man ihm auflegen mochte « . Dreimal ging der Leutnant Götz um den Kandidaten der Gottesgelahrtheit Unwirrsch herum und betrachtete ihn mit Wohlgefallen . » Wie auf der Bühne « , sagte er , als er zum drittenmal seinen Kreis vollendet hatte . » Was ist die Theologie ohne schwarze Hosen ? Was ist ein Präzeptor ohne Frack ? Donner und Hagel - famos ! Etwas aus der Mode , aber sehr anständig ! Freundchen , wenn diese beiden schönen schwarzen Schwänze dem Bruder Theodor nicht gefallen , so - so kann ' s nur an dem blauen Taschentuch liegen , das vielleicht etwas zu naseweis für die feine Frau Schwägerin zwischen ihnen - ich meine , den Frackschößen - hervorguckt . « Schnell schob Hans das Taschentuch so tief als möglich in den Abgrund der Tasche , der Leutnant aber rief : » Lassen Sie hängen ! Lassen Sie dreist hängen ! Deshalb habe ich ' s wahrhaftig nicht bemerkt ! Was geht Sie der Theodor und die Kleophea an ? Wenn nur- « Der Alte brach ab ; Hans Unwirrsch erfuhr jetzt nicht , was sich an dieses » wenn nur « schließen sollte . Um fünfzehn Minuten nach elf Uhr war er mit dem Leutnant auf dem Wege zum Hause des Geheimen Rats Götz . Den Ratschlag des alten Kriegers , sich vor dem Ausmarsch durch einen Kognak zu stärken , hatte Hans fest abgelehnt , und der Leutnant hatte gesagt : » Alles in allem genommen , mögen Sie recht haben ; mein Herr Bruder hat eine ziemliche Nase und möchte durch dieselbe einen ungerechtfertigten Argwohn in sich hineinziehen . Vorwärts ! « Schief hatte Hans den kandidatlichen Frack über dem klopfenden Herzen zugeknöpft . Aus dem Fenster des Grünen Baumes hatte der Oberst von Bullau spaßhaft-ironisch mit einem weißen Taschentuch gewinkt ; lächelnd , aber ohne Ironie sah die Sonne vom Himmel auf den Präzeptor herab . Das Wetter ließ heute weniger zu wünschen übrig als die Stimmung des Leutnants . Auf dem ganzen Wege sprach oder brummte der vielmehr mit sich selbst ; die Mütze hatte er tief in die Stirn gezogen , die Hände schien er in den Taschen seines Oberrocks geballt zu haben . Wie er kurz angebunden war , war durchaus nicht zum Entzücken , und recht ordentlich fuhr der Präzeptor zusammen , als der übellaunige Führer plötzlich schnarrte : » Verflucht , da sind wir ja schon ! « Sie hatten erst die lebensvolle , lärmvolle Geschäftsstadt hinter sich gelassen , hatten dann ein stilleres Viertel , vornehmeres Viertel durchwandert und gelangten jetzt durch einen Teil des Parkes zu der letzten Häuserreihe eines noch vornehmeren Viertels , welche sich den Park entlangzog und von ihm durch Fahr- und Reitwege getrennt war . Durch kleine , aber selbst in dieser frühen Jahreszeit zierlich gehaltene Gärten gelangte man zu den Häusern dieser Straße ; und vor einem eleganten eisernen Gartentor stand jetzt der Leutnant still und deutete grimmig auf das elegante Gebäude jenseits des runden Rasenfleckens und des leeren Springbrunnenbeckens . Grimmig zog der Leutnant die Glocke des Gartentores , Sesam tat sich auf , um den Rasen und das Brunnenhecken schritten die beiden Herren . Drei Treppenstufen - eine reich geschnitzte Tür , die sich ebenfalls von