, bitte , mein gnädiges Fräulein , sagte er , wenn Sie noch eine Minute Zeit haben , singen Sie dies Lied ! Es verdient , von Ihnen gesungen zu werden . Wir sind es schon vorhin durchgegangen , sagte Sophie , es ist in der That schön , und Fräulein von Grenwitz singt es vortrefflich . Wollen Sie , liebe Helene ? Sie hatte schon , Helenens Einwilligung für selbstverständlich haltend , sich an den Flügel gesetzt und blickte jetzt , ein paar präludirende Accorde greifend , erwartend auf Helene . So sah sich diese genöthigt , ihren Hut , den sie schon in der Hand hatte , wieder hinzulegen und an den Flügel zu treten . Oswald stand in der Entfernung von wenigen Schritten an das Gesims des Kamins gelehnt , die Blicke unverwandt auf die beiden schlanken Mädchengestalten gerichtet , in diesem Augenblick zweifelnd , welche von den beiden Erscheinungen - nicht die schönere , denn das war unbestritten Helene - aber die interessantere war . Helene kam ihm beinahe fremd vor ; er mußte sich ordentlich erst in ihre Schönheit wieder hineinleben , und doch machte sie nicht mehr den überwältigenden Eindruck von ehemals . Er glaubte , es sei die ungewohnte Umgebung , die fesselnde Erscheinung Sophiens , die ihn in seiner Andacht störe - er wußte nicht , daß seit der Zeit , wo er Helene zuletzt gesehen hatte , der Spiegel seines Geistes trüber geworden und nicht mehr im Stande war , ein reines Bild auch rein zurückzuwerfen . - Vergebens suchte er einen Blick Helenens zu erhaschen . Wenn Sophie , in ihre vielgeliebte Musik vertieft , seine Anwesenheit wirklich vergessen hatte , so schien es zum mindesten mit Helene nicht anders zu sein . Sie hob die Augen nicht einmal von den Notenblättern auf . Oswald freute sich dessen . Er schloß daraus , daß seine stürmische Begrüßung von vorhin , wenn auch vergeben , so doch nicht vergessen war . Man war von einem Lied in ' s zweite und vom zweiten in ' s dritte und vierte gekommen . Plötzlich aber erklärte Helene , nun nach Hause gehen zu müssen . Oswald , der nicht anders glaubte , als daß eine Dienerin aus der Pension draußen warte , sann eben darüber nach , wie er seine Bitte , sie begleiten zu dürfen , am schicklichsten einkleiden könne , als ihn Sophiens Frage : aber werden Sie denn noch allein gehen können ? dieser Mühe erhob . Was war natürlicher , als daß er mit einer höflichen Verbeugung Fräulein von Grenwitz seine Begleitung anbot und Fräulein von Grenwitz mit einer kaum merklichen Neigung des stolzen Hauptes dieselbe annahm . Sophie nestelte eben der jungen Dame den Sammetmantel zu und band ihr noch ein weißes Tüchelchen um den Hals , auf daß Ihrer Stimme kein Schaden geschieht , liebe Helene ! Oswald stand mit dem Hut in der Hand daneben , als die Thür , ohne daß man ein Klopfen gehört hätte , sich öffnete und Herr Bemperlein rasch in ' s Zimmer trat . Oswald , der mit dem Rücken nach der Thür zu stand , wurde Bemperleins erst gewahr , als er sich auf Sophiens Gruß : Guten Tag , Bemperchen ! nach dem Kommenden umwandte . In demselben Moment erkannte auch Herr Bemperlein Oswald . Sie hatten sich seit jener Nacht , wo Bemperlein Melitta nach Fichtenau abzuholen kam und die Liebenden im Park überraschte , nicht wieder gesehen . Sie waren damals in herzlicher Freundschaft geschieden ; und heute , als sie sich nach Monaten wiedersahen , streckte Keiner dem Andern die Hand entgegen , lächelte Keiner dem Andern freundlich zu , begrüßte Keiner den Andern mit einem herzlichen Wort . Ihr ganzes Willkommen bestand aus einer förmlichen Verbeugung und einigen nichtssagenden Phrasen , so daß Sophie , welche bis jetzt geglaubt hatte , daß Bemperlein und Oswald auf dem besten Fuße ständen , nicht wenig verwundert war und nicht recht wußte , wie sie sich in diesem ganz unvorhergesehenen Fall benehmen sollte . Indessen dauerte diese peinliche Situation nicht lange ; denn Sophie hatte kaum Herrn Bemperlein Fräulein von Grenwitz vorgestellt , die , wenn sie sich wirklich des in früheren Jahren häufiger gesehenen Hauslehrers auf Berkow erinnerte , jedenfalls nicht für gut fand , dieser Erinnerung Worte zu leihen , als Helene und Oswald das Zimmer verließen . Sophie begleitete sie noch zur Thür hinaus , während Bemperlein , die Hände auf den Rücken , die Augen starr auf den Boden geheftet , an dem Kamin stehen blieb . Es war beinahe Nacht , als Helene und Oswald auf die schlecht erleuchtete Straße traten . Welchen Weg nehmen wir ? fragte Oswald . Ich denke , es giebt nur einen . Nicht doch ; wir können auch über den Wall gehen . Der Weg ist näher und es geht sich angenehmer dort , als auf dem schlechten Steinpflaster . Wie Sie wollen . Darf ich Ihnen meinen Arm anbieten ? Es war das erste Mal , daß Oswald Gelegenheit hatte , Helenen zu führen . Er beeilte sich nicht , das Vergnügen , Arm in Arm mit dem geliebten Mädchen durch die Nacht zu wandern , abzukürzen . Der Weg , den er vorgeschlagen , war nicht nur der bei weitem längere , sondern auch der bei weitem dunklere . Er führte zwischen der Stadtmauer und dem Festungswalle hin - eine angenehme Promenade im Sommer und bei Tage ; aber jetzt an einem finstern Herbstabend wenig empfehlenswerth . Es ist doch dunkler , als ich gedacht , sagte Oswald , als sie aus dem dumpfigen Stadtmauerthor , wo die letzte Laterne brannte , auf den Wall gekommen waren ; sollen wir lieber wieder umkehren ? Meinethalben nicht ; ich gehe ganz gern so . Hüllen Sie sich wenigstens recht fest in Ihren Mantel ; der Wind weht scharf vom Meere herüber und die Luft ist feucht und kalt . Sie gingen einige Minuten schweigend .