hast eine halbe Stunde Zeit , so besuche mein Grab und gib meinem armen Kinde , wenn es noch lebt und du es an einer Ecke stehen siehst , ein kleines Almosen . - - Diese Worte verwandelten sich in ein freundliches Bild , und sie stand mit Richard Hand in Hand an einem kleinen armseligen Grabe und legte auf Dornen und Disteln , die dort wucherten , einen frischen Kranz von duftenden Rosen . - Ah , wenn das wahr würde ! Da schrak sie empor , denn draußen im Saale applaudirte grade das Publikum lang und heftig ; - etwas von ihren Phantasieen war der Wahrheit gemäß , denn wenn auch nicht neben einem Grabe , so stand sie doch Hand in Hand mit Richard auf der halb dunkeln Bühne , und er sagte lachend : » Na , Mädel , lange genug hast du dich bedacht , ob du Ja oder Nein sagen sollst . - - Nun , was ist ' s , Marie ? Bin ich dir angenehm oder nicht ? Willst du es mit mir wagen oder hast du auch so verfluchte Liebschaften im Kopf wie die Anderen und willst lieber ein kurzes lustiges Leben führen ? « » Nein , nein , « entgegnete eifrig das Mädchen , » gewiß nicht , Richard . « » Na , ich glaub ' s schon , « versetzte er gutmüthig . » Ich glaube , daß du ein braves , ehrliches Mädchen bist ; es ist das freilich ein Wunder , wenn man deine Tante - die Gott verdammen soll ! - ansieht . Aber glaub ' mir , Marie , ich habe dir aufgepaßt , so genau ich konnte , und namentlich immer auf deine Arme und Hände gesehen - « » Und warum das ? « fragte sie lächelnd unter Thränen , die langsam aus ihren Augen hervor quollen . » Ei , das will ich dir sagen , « entgegnete er lustig . » An den Armen und Fingern sieht man ' s gewöhnlich bei euch zuerst , weißt du , da lassen sich auf einmal verdächtige Ringe sehen und eine Armspange ; und das sind des Teufels Ketten , mit denen ihr fest geschlossen werdet . - Neulich hatt ' ich dich schwer im Verdacht . « » Ich weiß , ich weiß , « erwiderte sie fröhlich . » Da hatte mir auf der Bühne Therese eins von ihren Armbändern geliehen . Ich mußte doch als Hofdame geschmückt kommen ! « » Jetzt aber plaudern wir bald eine Viertelstunde zusammen , « sagte er nun scheinbar ungeduldig , » und ich weiß noch nicht einmal , woran ich bin . Gleich muß ich hinüber zum Verwandeln , deßhalb sage mir , wie du es meinst , einfach Ja oder Nein . Wenn du Ja sagst , so ist die Sache abgemacht und ich komme dann nächstens zu deinem alten Drachen , um mit ihr ein ernstes Wort zu reden . - Nun ? - Wenn du aber Ja gesagt , so habe ich ein Recht auf dich wie du auf mich , und dann , Marie , nimm dich in Acht und stelle dich so , daß die bösesten Leute nur Gutes von dir sagen können ; denn wenn mir einmal Einer herkäme und so allerlei schlechtes Zeug in die Ohren zischelte , da gäb ' s ein Unglück , das kann ich dich versichern . - Nun , wie ist ' s ? « » Ja - ja ! « sagte die Tänzerin , nachdem sie ihre beiden Hände zurückgezogen : » ich mag dich wohl leiden , Richard ; und was das Andere anbelangt , da kannst du ganz ruhig sein . Du weißt , wie mir das Treiben so vieler junger Mädchen verhaßt ist . « » Amen ! « sprach er , indem er ihre rechte Hand ergriff und sie schüttelte . » Wenn es nicht so strenge gegen das Theaterreglement ginge , dann müßtest du mir einen Kuß geben , aber ich hole mir ihn später nach ; wenn du an deinem Kanale aussteigst , wirst du mich schon sehen . - Adieu , Marie ! « Damit ging er an sein Tau zurück , während die Tänzerin über die Bühne hinüber flog und sich an einem einsamen Plätzchen auf eine Rasenbank unter einer Gruppe von gemalten Palmbäumen niederließ . Warum sie hier ihre Hände faltete und eine Zeit lang heftig weinte , wußte sie nicht . Aber endlich erschrak sie , daß sie es gethan , denn sie dachte an ihre rothe Schminke , und als sie erschrocken auf ihren Busen sah , bemerkte sie auf dem hellgrünen Atlas große dunkle Flecken . Bald waren diese Schäden übrigens wieder vertilgt ; Clara hatte ihr geholfen , sich auf ' s Neue zu schminken und dabei einen Theil des süßen Geheimnisses erfahren . Clara war hiedurch ebenfalls nachdenkend geworden , und als die Andere nun abermals hinab hüpfte , um Therese aufzusuchen , blieb sie droben in der Fensterecke sitzen , stützte den Kopf auf die Hand und versank in tiefe Träumereien . Therese befand sich noch immer hinter der ersten Coulisse : sie hatte ihren rechten Fuß auf einen kleinen Schemel gestellt und hielt sich mit der einen Hand an der Ranke einer Waldblume , die über ihrem Kopfe herabhing . » Wo steckst du denn , mein Schatz ? « rief sie der heran kommenden Marie zu . » Ich habe schon nach dir gesehen , aber du warst verschwunden . - Ich hoffe doch nicht - « » Ich suchte dich auf der andern Seite , « entgegnete Marie . » Hast du was Neues erfahren ? - Von ihm - von dem sauberen Herrn auf der zweiten Gallerie ? « » Nein , nein ! Meine Tante läßt mich , Gott sei Dank ! in Frieden ; sie hat in den letzten Tagen nichts darüber gesprochen : ich hoffe schon ,