Unbefangenheit . Endlich wagte ich , von unten anfangend , einige Striche und suchte den schöngegliederten Fuß des mächtigen Stammes festzuhalten ; aber was ich machte , war leben- und bedeutungslos , die Sonnenstrahlen spielten durch das Laub auf dem Stamme , beleuchteten die markigen Züge und ließen sie wieder verschwinden , bald lächelte ein grauer Silberfleck , bald eine saftige Moosstelle aus dem Helldunkel , bald schwankte ein aus den Wurzeln sprossendes Zweiglein im Lichte , ein Reflex ließ auf der dunkelsten Schattenseite eine neue mit Flechten bezogene Linie entdecken , bis alles wieder verschwand und neuen Erscheinungen Raum gab , während der Baum in seiner Größe immer gleich ruhig dastand und in seinem Innern ein geisterhaftes Flüstern vernehmen ließ . Aber hastig und blindlings zeichnete ich weiter , mich selbst betrügend , baute Lage auf Lage , mich ängstlich nur an die Partie haltend , welche ich gerade zeichnete , und gänzlich unfähig , sie in ein Verhältnis zum Ganzen zu bringen , abgesehen von der Formlosigkeit der einzelnen Striche . Die Gestalt auf meinem Papiere wuchs ins Ungeheuerliche , besonders in die Breite , und als ich an die Krone kam , fand ich keinen Raum mehr für sie und mußte sie , breitgezogen und niedrig , wie die Stirne eines Lumpen , auf den unförmlichen Klumpen zwingen , daß der Rand des Bogens dicht am letzten Blatte stand , während der Fuß unten im Leeren taumelte . Wie ich aufsah und endlich das Ganze überflog , grinste ein lächerliches Zerrbild mich an , wie ein Zwerg aus einem Hohlspiegel , die lebendige Buche aber strahlte noch einen Augenblick in noch größerer Majestät als vorher , wie um meine Ohnmacht zu verspotten ; dann trat die Abendsonne hinter den Berg , und mit ihr verschwand der Baum im Schatten seiner Brüder . Ich sah nichts mehr als eine grüne Wirrnis und das Spottbild auf meinen Knien . Ich zerriß dasselbe , und so hochmütig und anspruchsvoll ich in den Wald gekommen , so kleinlaut und gedemütigt war ich nun . Ich fühlte mich abgewiesen und hinausgeworfen aus dem Tempel meiner jugendlichen Hoffnung , der tröstende Inhalt des Lebens , den ich gefunden zu haben wähnte , entschwand meinem innern Blicke , und ich kam mir nun vor wie ein wirklicher Taugenichts , mit welchem wenig anzufangen sei . Ich brach verzagt und weinerlich auf , mit gebrochenem Mute nach einem andern Gegenstande suchend , welcher sich barmherziger gegen mich erwiese . Allein die Natur , mehr und mehr sich verdunkelnd und verschmelzend , ließ mir kein Almosen ab ; in meiner Bedrängnis tat sich mir das Wort kund » Aller Anfang ist schwer « und mit demselben die Einsicht , daß ich ja erst jetzt anfange und diese Mühsal eben den Unterschied von dem frühern Spielwerke begründe . Aber diese Einsicht stimmte mich nur trauriger , da mir Mühseligkeit und saurer Fleiß bisher spanische Dörfer gewesen und keineswegs sehr verlockend , vielmehr der Arbeit die Seele und die freudige Lust zu nehmen schienen . Ich nahm meine Zuflucht endlich wieder einmal zu Gott , der mir im Rauschen des Waldes und in meinem eingebildeten Elende wieder nahe getreten , und bat ihn flehentlich , mir zu helfen um meiner Mutter willen , deren sorgenvoller Einsamkeit ich nun auch gedachte . Da traf ich auf eine junge Esche , welche mitten in einer Waldlücke auf einem niedrigen Erdwalle emporwuchs , von einer sickernden Quelle getränkt . Das Bäumchen hatte einen schwanken Stamm von nur zwei Zoll Dicke und trug oben eine zierliche Laubkrone , deren regelmäßig gereihte Blätter zu zählen waren und sich , so wie der Stamm , einfach , deutlich und anmutig auf das klare Gold des Abendhimmels zeichneten . Weil das Licht hinter der Pflanze war , sah man nur den scharfen Umriß des Schattenbildes , es schien wie absichtlich zur Übung eines Schülers hingestellt . Ich setzte mich noch einmal hin und wollte flugs das kindliche Stämmchen mit zwei parallelen Linien auf mein Papier stehlen ; aber noch einmal wurde ich gehöhnt , indem der einfache , grünende Stab im selben Augenblicke , wo ich ihn zu zeichnen und genauer anzusehen begann , eine unendliche Feinheit und Mannigfaltigkeit der Bewegung annahm . Die beiden aufstrebenden Linien schmiegten sich in allen kaum merklichen Biegungen so streng aneinander , sie verjüngten sich nach oben so fein , und die jungen Äste gingen endlich in so gemessenen Winkeln daraus hervor , daß um kein Haar abgewichen werden durfte , wenn das Bäumchen seine schöne Gestalt behalten sollte . Doch nahm ich mich zusammen und klammerte mich ängstlich und aufmerksam an jede Bewegung meines Vorbildes , woraus endlich nicht eine sichere und elegante Skizze , sondern ein zaghaftes , aber ziemlich getreues Gebilde hervorging . Ich fügte , einmal im Zuge , mit Andacht die nächsten Gräser und Würzelchen des Bodens hinzu und sah nun auf meinem Blatte eines jener frommen nazarenischen Stengelbäumchen , welche auf den Bildern der alten Kirchenmaler und ihrer heutigen Epigonen den Horizont so anmutig und naiv durchschneiden . Ich war zufrieden mit meiner bescheidenen Arbeit und betrachtete sie noch lange abwechselnd mit der schlanken Esche , die sich im leisen Abendhauche wiegte und mir wie ein freundlicher Himmelstote erschien . Als ob ich wunder was verrichtet hätte , zog ich hochvergnügt dem Dorfe zu , wo meine Verwandten begierig waren , die Früchte meiner mit soviel Anspruch unternommenen Waldfahrt zu sehen . Nachdem ich aber mein Bäumlein mit seinen höchstens vier Dutzend Blättern hervorgezogen , löste sich die Erwartung in ein allgemeines Lächeln auf , welches bei den Unbefangensten zum Gelächter wurde ; nur dem Oheim gefiel es , daß man doch gleich ein junges Eschchen erkannte , und er munterte mich auf , unverdrossen fortzufahren und die Waldbäume recht zu studieren , wozu er mir als Forstmann behilflich sein wolle . Er besaß noch so viel städtische Erinnerung , daß ihm dergleichen nicht lächerlich vorkam ; auch mochten leidenschaftliche Jäger von jeher