der Engel über den Teich Bethesda dahin gerauscht , und die Blinden und Lahmen , welche jezt in ihm baden , werden genesen ! - Vielleicht ist Ostertag gekommen .... der Morgen der Auferstehung . - O welche Gotteskraft ist im Menschen .... wenn er ein göttlicher Mensch ist ! - - - Das Leben bekam jezt eine andre Färbung , als ob ein wärmerer , farbenreicherer Himmel einen kühlen und eintönigen verdrängt habe . Freilich war nicht mehr jeder Stunde ihre unveränderliche Bestimmung wie von einem Fatum zugewiesen . Freilich waren meine Beschäftigungen willkürlicher und unregelmäßiger . Ich trieb nicht mehr die Eintheilung der Zeit bis zu pedantischer Genauigkeit . Eben daher ward mein Leben mannigfaltiger weil Stimmung und Neigung des Augenblicks befragt wurden , weil der Tag nicht wie die Musik einer Spieluhr mechanisch abgearbeitet wurde . Was war das nur für ein unsinniger Einfall sich dermaßen in ein Extrem zu sperren ? fragte ich mich selbst ganz verwundert - und bedachte nicht , daß ich mir diese Frage wol schon zwanzig Mal vorgelegt hatte und immer aus einem Extrem in das andre geschwankt sei . Jezt wollte ich auf der schönen klaren Mitte bleiben . Ein stiller Geist kam über mich . Mir ward woler denn je . Ich weiß nicht was für friedliche Anklänge voll süßer Melancholie aus den Tagen meiner Kindheit , aus der Erinnerung an meine Todten , mich anwehten ! Sedlaczech war der Repräsentant jener Vergangenheit ! unwillkürlich sah ich ihn von dem Kreise geliebter Geister umringt ; unwillkürlich reihte ich ihn einer andern Ordnung der Wesen an . Ich hegte ihn mit zärtlicher und ehrfurchtsvoller Pietät in meinem Hause , wie den Barden aus den Tagen der Väter in den Ossianischen Gesängen . Ich sagte ihm das . » Bin ich wirklich so sehr alt und ehrwürdig ? « fragte er lächelnd . Ich mußte ihn auf diese Frage einmal gründlich betrachten . Nach einer Pause sagte ich : » Das Genie hat kein Alter , und Sie haben ein merkwürdiges Antlitz , Meister Fidelis - als hätte die Natur bei dessen Bildung mächtig tiefsinnige Gedanken gehabt , und als hätten Sie diese Gedanken alle errathen , alle ausgeführt . « Dies war ganz richtig ! die Züge waren fest geschnitten und fester noch ausgebildet . Flammenfinger schienen magische Zeichen auf seine Stirn geschrieben - Elfenfinger deren strenge Furchen geglättet , und den Abglanz ihres eigenen Schimmers über sie gebreitet zu haben . Die graden starken Augenbrauen , der festgeschlossene Mund zeugten von unüberwindlicher Entschiedenheit ; aber wenn diese Lippen sich im Lächeln oder im bewegten Sprechen lösten , so legte sich ein schmerz- und seelenvoller Schmelz weich und fast zitternd über sie . Das Auge ruhte unter der Felsenstirn in tiefer Höle wie ein farbenspielender Diamant , der sein Licht nach innen wendet und nur zuweilen dessen Reflex nach Außen blitzen läßt . » Sind Sie eine Jüngerin Lavaters ? fragte er scherzend ; und glauben Sie an dessen Physiognomik ? « » Ich glaube an die Urmacht der Natur . Ist der Mensch nicht der Aus- und Abdruck der in ihm wohnenden , ihm uranfänglich eingehauchten Idee : so ist er ein Larvenbild , und dieses ist von einer wahrhaften Gestalt zu unterscheiden . Ich glaube daß Genius und Größe nicht wie Zieraffen aussehen und sich geberden ; und glaube daß im Zieraffen ebensowenig Größe und Genius stecken . Ich glaube daß ein Engel nicht aussieht wie ein Teufel - daß ein Teufel die Maske eines Engels vornehmen und Diejenigen täuschen kann die gedankenlos mit ihm umgehen und sich täuschen lassen wollen - und daß der unbefangen beobachtende Blick sie unterscheidet . Und ich glaube endlich daß unser in dieser Beziehung ursprünglich scharfer Blick stumpf wird , weil er die allgemeine Sitte mitmacht den Menschen nach dem Rock zu beurtheilen . Und Rock nenne ich nicht blos seine Kleider - - sondern die ganze Form unter der er zur Erscheinung kommt , und die von den gekräuselten Haarspitzen bis zu den viereckigen Schuhspitzen conventionel ist . « » Wäre es nicht ein unerhörtes Unternehmen , entgegnete Sedlaczech , aus einem modernen Schuh auf das schöne Gebilde eines menschlichen Fußes mit seiner feinen und festen elastischen Gliederung schließen zu wollen ? Und wie der Schuster mit unserm Fuß , so verfährt der Mensch mit dem Menschenantlitz . « » Aber dem unbezwinglichen Herzens- Geistes- und Leidenschaftsleben bleiben dennoch immer Canäle geöfnet in denen es sich ausströmt und ausstralt . Und ich meine auch nur daß der Grundzug einer Natur , die Hauptrichtung eines Characters erkennbar sind - etwa so wie Beethovens Antlitz die sturmbewegten und durchfurchten Züge eines Titanen an Macht und Tiefsinn nicht verleugnen kann - und Rafael nicht die liebende Anmuth seiner Seele . « » Ich bin ganz Ihrer Meinung ! sagte Sedlaczech , und da ich finde daß die Hauptrichtung eines Menschen die einzige ist , welche bei seiner Beurtheilung von Wichtigkeit ist , so freut mich stets die Wahrnehmung , daß sie sich zwischen den kleinen verwickelten Zickzacklinien der Zufälligkeiten Platz macht . « » Wenn Sie mich nicht kennten , Fidelis , sprach ich gedankenvoll , was würden Sie über meine äußere Erscheinung sagen ? « » Das ist schwer .... fast unmöglich ! .... Vielleicht würde ich sagen : eine schöne schicksalträumende Walkyre ! - Vielleicht .... eine Somnambule , so ahnungsvoll , aber befangen und gebunden ; eine immense Seele - aber leer . « Fräulein Mathilde hatte dem Gespräch zugehört in ihrer Weise , d.h. jedes meiner Worte als einen Orakelspruch bewundernd . Als ich jezt ernst und sinnend schwieg , nahm sie gekränkt das Wort und rief lebhaft : » Herr Sedlaczech ! besinnen Sie sich ! wie können Sie die Gräfin eine leere Seele nennen ! sie ist ja so voll Güte und Wolwollen ! Ich hätte gemeint daß Sie auf Ihren Reisen mehr Menschenkenntniß erworben haben müßten . « » So wird man verkannt - und gar von seinen