die Brand weniger bedarf als ich , aber wie armselig ist sie auch gekleidet ! Freilich ist sie auch so verblüht , daß ihr die glänzendste Toilette nicht helfen könnte , fuhr Caroline eifrig fort . Alfred stand auf und wollte sich entfernen , um seinem Zorne keine Worte zu geben , als Felix hereinsprang . Er hatte Theresen ' s Namen gehört , und als falle ihm plötzlich Etwas ein , wendete er sich mit der Frage an den Vater : Warum gehen wir denn nicht mehr zu Tante Therese , Vater ? Es war ja immer so hübsch bei ihr und ich bin ihr gut . Du auch ? rief Caroline . Freilich ! versicherte Felix . Sie weiß ja so viel Geschichten von alten Helden und von Elfen ! laß uns doch morgen hingehn ! Aber denke Dir , Vater , wie die Mutter drollig ist ! Sie sagt , sie liebe Tante Therese nicht , und fragt immer nach ihr , wenn wir allein sind . Immerfort soll ich erzählen , was sie gesagt hat und was sie gethan hat , und was Du thust , wenn wir bei ihr sind . Ob sie auch zu uns herkommt ! und heute hat sie mich zuletzt gefragt , ob Du Tante Therese küßtest . Du - die Tante ! - Der Knabe lachte dazu , aber Alfred rief im Tone des höchsten Zornes : das ist empörend ! stand heftig auf und verließ das Zimmer . Seine Frau folgte ihm erschrocken in seine Arbeitsstube nach . Sie versuchte , sich zu entschuldigen , ein Mißverständniß des Knaben vorzuschützen . Er hörte auf ihre Worte nicht , und als sie sich weinend an seine Brust lehnte , als sie ihn küssen wollte , stieß er zum erstenmale sie so unsanft von sich , daß sie zurücktaumelte . Die Falschheit wäre schlimmer , rief er , wäre strafbarer , als die Küsse , die ich nach Deiner Meinung mit Therese gewechselt haben soll . Er ließ sie stehen , nahm Hut und Mantel und schritt in die helle Winternacht hinaus . Der Schnee knisterte unter seinen Fußtritten , als er die Straße hinabging . Von beiden Seiten leuchtete Licht aus den Fenstern der Läden und Gasthäuser . Es war nur wenig Tage vor dem heiligen Abende und viel fröhliches Leben und Treiben in den Straßen . Knaben mit brummenden Waldteufeln liefen umher ; Mütter aus den ärmeren Klassen trugen ihre Kinder auf den Armen , die fröhlich von den Wundern des Weihnachtsmarktes erzählten . Andere hatten sich mit Weihnachtsbäumen und einfachem Spielzeug beladen und guckten in die Fenster der Conditoreien hinein , an deren Thüren die Equipagen der reichen Familien hielten . Eben stieg ein stattlicher Mann vor einer derselben aus dem Wagen . Er war Alfred nahe befreundet und glücklich verheirathet . Behutsam hatte er seine Frau herausgehoben und zählte nun lachend die Kinder , welche der Diener ihm auf die Treppe hinaufreichte , damit die kleinen Füße den kalten Boden nicht berührten . Alfred blickte bewegt auf das heitere Bild . Er wollte dem Freunde ausweichen und hüllte sich , schnell vorüberschreitend , tiefer in den Mantel . Aber der Andere hatte ihn erkannt und rief ihm scherzend zu : Wohin so eilig und so allein in der fröhlichen Weihnachtszeit ? Sie schämen sich wol vor mir , daß Sie ohne Frau und Kind umherlaufen ? Sehen Sie da , ich habe alle Vier mit hergebracht und war nahe daran , auf Verlangen meiner Frau , sogar die Wärterin mit dem Kleinsten mitzunehmen . Die Weihnachtszeit gehört der Familie an . Wo haben Sie die Ihrigen ? Sie sind zu Hause . Und wo gehen Sie hin ? Ich will mir Bewegung machen , sagte Alfred . Das Bild des lieblichen Familienlebens that ihm wehe und er suchte zu entkommen , mit der Bemerkung , daß es zu kalt für die Kleinen sei , und daß er sie nicht aufhalten wolle . Schnell und immer schneller schritt er vorwärts , je trüber die Gedanken in seiner Brust sich entfalteten . Alles war heiter in dieser Zeit ; der Aermste suchte für die Weihnacht , für diesen Lichtblick in dem Familienleben der Deutschen , Freude zu schaffen in dem Kreise der Seinen . Elternliebe führte die Eheleute enger noch zusammen , aber er selbst hatte noch nicht an das Fest gedacht , seit er wieder mit seiner Frau unter demselben Dache lebte . In dumpfem Mißmuth waren seine Tage dahingegangen , ein trübes Weihnachtsfest stand ihm in seinem Hause jetzt bevor . Wie anders hatte er es zu feiern gehofft , wie hatte Therese es dem Knaben seit seiner Ankunft anmuthig zu schildern gewußt ! Alfred selbst war zum Kinde geworden mit dem Kinde ; wie ein Knabe hatte er sich wieder auf das Fest gefreut . Mit sorgfältiger Liebe hatte er die Geschenke gewählt , die er für Therese bestimmt ! Nun lagen sie da , und Therese sollte sie nicht sehen . So widerwärtig als an diesem Abend war ihm Caroline nie gewesen . Er hatte sie nicht geliebt seit Jahren ; heute verabscheute er sie . Er fragte sich , wie es ihm möglich gewesen sei , sich gegen seine bessere Ueberzeugung wieder mit ihr zu verbinden ? Er klagte sich selbst unverzeihlicher Schwäche an , er zürnte dem Präsidenten und Theresen besonders . Tausend wilde Phantasien durchkreuzten sein Gehirn . Er wollte , er mußte frei werden . Was zwang ihn denn , in den unerträglichen Verhältnissen auszudauern ? Rücksichten auf seinen Sohn ? Und wenn Felix stürbe , ehe er die Früchte dieses Opfers genossen hätte ? Schaudernd bebte er zusammen ; denn der fluchenswerthe Gedanke zuckte in ihm auf , daß der Tod seines Sohnes ihn befreien , der Tod seines einzigen Kindes sein Glück begründen könne . Er war allein in den fernsten Gängen des Thiergartens , tiefe Stille und Dunkelheit um ihn her . Der Wind hatte am Tage den