wahr , immer , überall ? Ich hoffe es , sagte sie , zusammenbrechend . Nein , o nein , Anna ! Sie müssen es wissen , unumstößlich gewiß , wie Sie wissen , was Ihnen das Höchste ist , wie Sie von Gott wissen , von der Fortdauer , tief aus dem Innern der Seele heraus - sonst wäre mein Dasein eine Hölle ! schloß er dumpf . Ich weiß es ! sagte sie fest . Er ließ sie los und ging nach seiner alten Art einige Male hin und wieder , um sich zu sammeln . Es bleibt keine Zeit mehr , Wort und Ausdruck zu messen , wir haben kaum noch nach Minuten zu zählen ; also meine Bitte . Anna weinte , Gotthard trocknete leise ihre Thränen ; aber er berührte ihre Augen nur mit dem Tuche . Hören Sie mich , fuhr er immer trauriger fort , jede kleinliche Rücksicht einer engherzigen Delicatesse muß in diesem Augenblicke schwinden ! Ihr Gemahl darf nie , unter keiner Bedingung , auf keine Weise erfahren , was zwischen mir und Louis vorgefallen ; die Verpflichtungen , die er und ich als Männer gegeneinander übernommen , müssen unberührt zwischen ihm und mir allein bleiben - das , Gräfin , versprechen Sie mir ! Es ist wichtiger , als Sie ahnen . Louis hat mir alles geschrieben - Unmöglich ! Ich weiß , welche Summe Sie für ihn übernommen . Er hat mir das Geld zu zahlen - O Anna ! rief Gotthard , schmerzlich ergriffen , indem er ihre Hände einen Augenblick an seine Brust zog , mußten Sie es aussprechen ? Mußten Sie das elendeste Wort in dieser Stunde sich eindrängen lassen , die wahrscheinlich für uns keine Schwestern auf Erden hat ? - Doch wie Sie wollen ! Gleichviel ; meine Bitte bleibt fest : kein Vorwurf , keine Scene , kein Misverstehen darf Ihnen das Geheimniß entlocken ; Kronberg darf nie erfahren , was zwischen mir und Louis abgehandelt ! O Freundin ! versprechen Sie mir , was Sie nicht begreifen , ich bitte , ich beschwöre Sie darum ! Ich verspreche es ! sagte Anna ; und glauben Sie mir , es ist kein Kleines , was ich thue , daß ich verspreche , was ich nicht übersehen kann ! Mutter ! Gotthard ! schrie das Kind im Schlaf . Beide eilten zu ihm . Gotthard küßte seine blonden Locken , die über die Sophalehne herabhingen - er sah traurig aus , wie van Eyks richtende Engel . Gott erhalte Ihnen den Knaben ! rief er gepreßt , dann wandte er sich , um zu scheiden . In Beiden wogte der Kampf einer mit jedem Moment sich steigernden verzweifelnden Leidenschaft und seine schmerzliche Gewalt riß Herz an Herz . Gotthard drückte die zitternden Hände auf seine Augen . Nein ! nein ! rief er mit wachsender Heftigkeit , auch nicht den Schatten eines Fleckens auf diese Stunde ! Er bog sich leicht zu Annen nieder und küßte ihr Gewand . Bleibe meine Heilige ! flüsterte er und stürmte fort . Anna sank weinend neben ihrem schlafenden Knaben in die Knie und betrachtete ihn lange ; sie dachte nicht deutlich , sie fühlte nur dumpf eine unsägliche Pein ; und wie ganz von fern in Nebel eingehüllt , zog ihrer Erinnerung die erste Stunde ihres Kampfes vorüber , als ihr klar geworden , daß sie Gotthard liebe . Wenn ich nur nicht wahnsinnig werde ! seufzte sie . Endlich küßte sie ihren Joseph wach , um ihn zu Bett bringen zu lassen . Nach fünf Minuten hörte sie Kronbergs Schritt im Vorzimmer . Er sah erhitzt und unglücklich gestimmt aus ; er kam von der Capacelli , die ihm irgend eine Scene gemacht haben mochte . Dem Aerger über sie gesellte sich die Entrüstung über Gotthards unverschämte Eingriffe in alle Rechte , die ihm die Natur und die bürgerliche Gesellschaft verliehen . Anna , sagte er , ich hatte gehofft , die unglückselige Geheimnißkrämerei , die so traurige und ernste Folgen in Bezug auf Leontinen gehabt , würde in unserer Familie wenigstens nicht Wurzel schlagen ; ich habe mich geirrt ! Je ne suis pas le dupe des phrases de Monsieur Gotthard ! Wie er bei unserm Fortzuge von Bern mit Gewalt sich in die unselige Geschichte Viatti ' s eindrängte - Mich dünkt , sagte Anna , wir verdanken ihm die Freiheit unseres Schwagers . Hast du vergessen , daß am Tage nach dessen gelungener Flucht Haussuchung die ganze Straße entlang gehalten wurde ? Sie trat zu ihm und legte sanft die Hand auf seinen Arm . Beflecke dich nicht durch Undankbarkeit , Roderich ! Eben so , fuhr Kronberg fort , ohne auf sie zu hören , möchte er nur ohne Recht und Befugniß die Leitung des ganzen Bildungsganges unserer Söhne sich erhalten ! Ich glaube nicht an Infallibilität , nicht einmal an die des heiligen Vaters . Was soll das Alles ? fragte Anna . Du hast mir schmerzlich-klare Gründe gegeben , vorauszusetzen , daß dieser Gotthard die Hand bei allen bedeutenderen Ereignissen unseres Lebens im Spiele hat ; ich hätte aber wenigstens erwarten können , persönlich von seinen Einflüsterungen und Zwischenträgereien verschont zu bleiben ! Anna schwieg ; wie eine Königin stand sie ruhig und ernst vor ihm . Ich verstehe dich nicht , sagte sie endlich . Leider sind mir seine Beweggründe keine Räthsel mehr ! Aber bedenke , fuhr er , immer heftiger aufbrausend , fort , bedenke genau , was du thust ! Ein unedles Erspähen meiner Tritte und Schritte ertrage ich nicht ! - Ich habe dir volle , unbegrenzte Freiheit in allen Handlungen gelassen - laß sie nicht in Beherrschung der meinen ausarten ! Armes Kind ! was hoffst du zu erreichen ? setzte er , immer mehr sich steigernd , höhnisch hinzu . Meinst du , der Satan lasse mit sich handeln und sich einen Rest des einmal von ihm ergriffenen Menschenglückes abdingen ? Er hält