Es findet sich noch Platz und auch noch Zeit , der guten Mutter Verteidigung hier zu übernehmen ; ihr solltest Du nicht verargen , daß sie mein Interesse an dem Kinde , was noch mit der Puppe spielt , heraushebt , da Du es wirklich noch so artig kannst , daß Du selbst die Mutter noch dazu verführst , die ein wahres Ergötzen dran hat , mir die Hochzeitfeier Deiner Puppe mit dem kleinen Frankfurter Ratsherrn schriftlich anzuzeigen , der mir in seiner Allongeperücke , Schnabelschuhen und Halsschmuck von feinen Perlen im kleinen Plüschsessel noch gar wohl erinnerlich ist . Er war die Augenweide unserer Kinderjahre , und wir durften ihn nur mit geheiligten Händen anfassen . Bewahre doch alles sorgfältig , was Dir die Mutter bei diesen Gelegenheiten aus meiner und der Schwester Kindheit mitteilt ; es kann mir mit der Zeit wichtig werden . Dein Kapitel über die Blumen würde wohl schwerlich Eingang finden bei den Weltweisen wie bei mir ; denn obschon Dein musikalisches Evangelium etwas hierdurch geschmälert ist ( was ich doch ja nicht zu versäumen bitte im nächsten , recht bald zu erwartenden Brief ) , so ist es mir dadurch ersetzt , daß meine frühsten Kinderjahre sich mir auf eine liebliche Weise darin abspiegeln , denn auch mir erschienen die Geheimnisse der Flora als ein unmöglicher Zauber . Die Geschichte des Myrtenbaums und der Nonne erregt warmen Anteil ; möge er vor Frost und Schaden bewahrt bleiben ! Aus voller Überzeugung stimme ich mit Dir ein , daß die Liebe nicht süßer gepflegt kann werden als dieser Baum , und keine zärtliche Pflege reichlicher belohnt , als durch eine solche Blüte . Auch Deine Pilgrimschaft im rauschenden Fluß mit der allerliebsten Vignette der beiden Kinder gibt ein ergötzliches Bild und Deinen Rheinabenteuern einen anmutig abrundenden Schluß . Bleib mir nun auch hübsch bei der Stange und gehe nicht zu sehr ins Blaue ; ich fürchte so , daß die Zerstreuungen eines besuchten Badeorts Deine idealen Eingebungen auf dem einsamen Rochus verdrängen werden ; ich muß mich darauf gefaßt machen , wie auch auf noch manches andere , was Dir im Köpfchen und Herzen spuken mag . Ein bißchen mehr Ordnung in Deinen Ansichten könnte uns beiden von Nutzen sein ; so hast Du Deine Gedanken , wie köstliche Perlen , nicht alle gleich geschliffen , auf losem Faden gereiht , der leicht zerreißt , wo sie denn in alle Ecken rollen können und manche sich verliert . - Doch sage ich Dir Dank und dem lieben Rhein ein herzliches Lebewohl , von dem Du mir so manches Schöne hast zukommen lassen . Bleibe Dir ' s fest und sicher , daß ich gern ergreife , was Du mir reichst , und daß so das Band zwischen uns sich nicht leicht lösen wird . Goethe Rochusberg Ich hatte mir ' s vorgenommen , noch einmal hier heraufzugehen , wo ich in Gedanken so glückliche Stunden mit Dir verlebt habe , und vom Rhein Abschied zu nehmen , der in alle Empfindungen eingeht und der größer , feuriger , kühner , lustiger und überirdischer als alle ist ; - ich komme um fünf Uhr nachmittags hier oben an ; finde alles im friedlichen Sonnenlicht , die Bienen angesiedelt , von der Nordseite geschützt durch die Mauer ; Beichtstuhl und Altar stehen gegen Morgen . Meine Pflanzen hab ich alle eingesetzt mit Hilfe des Schiffsjungen , der sie mir heraufbringen half ; die Rebe im Topf , welche schon an sechs Fuß hoch ist und voll Trauben hängt , hab ich am Altar zwischen eine gebrochne Steinplatte gesetzt ; den Topf hab ich zerschlagen und die Scherben leise abgenommen , damit die Erde hübsch an den Wurzeln bleibt ; es ist eine Muskatellerart , die sehr feine Blätter hat ; dann hab ich ihn am Kreuz auf dem Altar festgebunden ; die Trauben hängen grade über den Christusleib ; - wenn er schön einwächst und gedeiht , da werden sich die Menschen wundern , die hier oben herkommen ; des Schäfers Bienen im Beichtstuhl mit dem Geißblatt , das ihn umzieht , und das Kreuz mit Trauben . Ach , so viele Menschen haben große Paläste und prächtige Gärten ; - ich möchte nur diese einsame Rochuskapelle haben und daß alles so schön fortwüchse , wie ich ' s eingepflanzt habe ; - vom Berg hab ich mit den Scherben die Erde losgegraben und an die Rebe gelegt , und zweimal hab ich unten am Rhein den Krug gefüllt , um ihn zu begießen ; es ist wohl zum letztenmal , daß er Rheinwasser trinkt . - Jetzt , nach beendigtem Werk , sitz ich hier im Beichtstuhl und schreib an Dich ; die Bienen kommen alle hintereinander heim ; sie sind schon ganz eingewohnt ; - könnt ich einziehen in Dein Herz mit jedem Gedanken , so gefühlig , so süß summend wie diese Bienen , beladen mit Honig und Blumenstaub , den ich von allen Feldern zusammentrage , und alles heimbringe zu Dir - nicht wahr ? - Am 13. August » Alles hat seine Zeit ! « sprech ich mit dem Weisen , ich habe die Reben ihre Blätter entfalten sehen ; ihre Blüte hat mich betäubt und trunken gemacht ; nun sie Laub haben und Früchte , muß ich Dich verlassen , du stiller , stiller Rhein ! Noch gestern Abend war alles so herrlich ; aus der dunklen Mitternacht trat mir eine große Welt entgegen . Als ich von meinem Bett aufstand in die kühle Nachtluft am Fenster , da war der Mond schon eine halbe Stunde aufgegangen und hatte die Wolken alle unter sich getrieben ; er warf einen fruchtbaren Schein über die Weinberge ; - ich nahm das volle Laub des Weinstocks , der an meinem Fenster hinaufwächst , in Arm und nahm Abschied von ihm ; keinem Lebendigen hätte ich den Augenblick dieser Liebe gegönnt ; wär ich bei Dir gewesen , - ich hätte geschmeichelt , gebeten und