der Frühling nahte bereits , ohne daß sich Kleeborn dennoch durch alle seine kostbaren Anstalten der Vollendung seiner Wünsche nur um einen Schritt näher gebracht sah . Obendrein ward mit der Zeit die halbe Stadt in seine Pläne eingeweiht , so gern er diese noch eine Weile verborgen gehalten hätte , und es fehlte nicht an Anspielung darauf , die er freilich nur schweigend , höchstens durch ein schlaues Lächeln beantwortete , die ihm aber doch eigentlich sehr unangenehm waren . In bedeutenden Handelsstädten wird freilich das Leben etwas liberaler betrieben , als selbst in mancher großen Residenz , denn in letzterer sind gewöhnlich die Stände viel strenger von einander gesondert , und die große Stadt zerfällt dadurch in unzählige kleine . In großen Handelsstädten hingegen , wo Alle einander mehr oder weniger gleich stehen , und nur der größere oder geringere Reichthum der Familien einigen Unterschied bildet , ist dieses weit weniger der Fall , besonders wenn sie zugleich Seestädte sind . Selbst das ganz vom Gewöhnlichen Abweichende fällt dort schon darum weit weniger auf , weil die aus allen Ecken der Welt zuströmenden Fremden den Augenpunkt der Bewohner einer solchen Stadt erweitern und das Fremdartige ihnen dadurch zum Bekannten wird , weil es beinahe täglich vorkommt . Da es indessen aber wohl keinen Ort in der Welt giebt , aus welchem die Lust , über Andere zu reden , völlig verbannt wäre , so machte auch Vicktorinens Geburtsstadt von dieser Regel keine Ausnahme , und man muß gestehen , daß Sir Charles ihren Bewohnern überreichen Stoff zur Unterhaltung freiwillig lieferte . Sein langer Aufenthalt im theuersten Gasthofe , in welchem er mit seiner zahlreichen Dienerschaft fürstlichen Aufwand trieb , konnte schon an und für sich unmöglich ganz unbemerkt bleiben ; er wandte aber auch überdem geflissentlich alle Mittel an , die ihm zu Gebote standen , um die allgemeine Aufmerksamkeit täglich von neuem auf sich zu richten , nicht nur durch seine und seiner Dienerschaft auffallende Kleidung , sondern auch durch sein ganzes übriges Betragen . Bald stellte er mit seinen schönen Pferden ein öffentliches Wettrennen nach englischer Art an , welches die halbe Stadt herbeizog ; bald regierte er als ein ächter Pferdebändiger , mit eigener Hand , und auch im Äußern einem Kutscher ähnlich gekleidet , seine vier muthigen Rosse vom Kutschbock aus , und fuhr so seinen im Wagen sitzenden Kammerdiener auf den besuchtesten Promenaden spazieren . Ein Paar Mal ließ sogar Babet sich von ihm auf diese Weise im Triumph herumfahren , und neben ihr saß denn in Todesangst mit kaum zu unterdrückendem Angstgeschrei die arme alte Virnot . Denn Vicktorine weigerte sich , unter dem Vorwande unüberwindlicher Furcht , Babet auf solchen Fahrten zu begleiten , und ihr Vater , dem bei dem wilden Treiben selbst nicht wohl zu Muthe war , mochte sie nicht zwingen , diese Furcht zu besiegen . Ein andermal lud Sir Charles alle Welt zu einem Tanz-Frühstück ein , das um drei Uhr Nachmittags anfing und gegen Mitternacht endete , oder gab um acht Uhr Abends ein großes Mittagsessen , zu welchem die seltensten Leckerbissen aus fernen Landen verschrieben und alle Treibhäuser mehrere Meilen in der Runde geplündert werden mußten , um den Speisesaal mitten im Winter zu einem blühenden Frühlingsgarten umzuschaffen . So brachte fast jeder Tag etwas Neues und bot zur Unterhaltung auf Kosten des Fremden frischen Stoff dar . Am wenigsten war man aber geneigt , ihm sein Benehmen in der Gesellschaft zu verzeihen . Die Trägheit und Gleichgültigkeit , die er so gern zur Schau trug , die anscheinend geflissentliche Verletzung der allergewöhnlichsten Regeln der Höflichkeit , die er sich gelegentlich zu Schulden kommen ließ , machten ihn durchaus nicht beliebt , oft aber zum Gegenstand des Spottes , ohne daß seine gewohnte Apathie ihm erlaubt hätte , Notiz davon zu nehmen . So sah man ihn zum Beispiel einst in einem sehr besuchten öffentlichen Concert , wo es durchaus an Platz fehlte , in einer der vordersten Reihen seine gewohnte Lieblingsstellung über zwei Stühle hingelehnt beibehalten , obgleich mehrere Damen um und neben ihn standen , bis es ihm endlich nach einer halben Stunde beliebte , mitten in einer Cadenz des Virtuosen , während man bei der allgemeinen Stille eine Stecknadel hätte fallen hören können , sich mit ziemlichen Geräusche in die Höhe zu richten , den Damen seine Plätze zu überlassen und dabei auszusehen , als erwache er eben aus einem tiefen Traume . Alles dieses mißfiel dem alten Kleeborn gar sehr und machte ihn zuweilen recht mißmuthig , vor allem aber verdroß es ihm , daß es noch immer zwischen Sir Charles und Vicktorinen zu keiner förmlichen Erklärung kommen wollte . Es sah sogar zuweilen aus , als erwarte jener , daß der erste Antrag zu einer nähern Verbindung von Seiten des Vaters seiner Braut an ihn gelangen solle : doch dagegen sträubte sich dessen Stolz , und so blieb Alles wie es war . Zwar meynte Kleeborn , Sir Charles förmliches Anhalten um Vicktorinens Hand sey eigentlich nur eine bloße Formalität , da zwischen ihm und dem alten Wißmann , was ihm die Hauptsache war , schon längst verabredet wurde , aber er sah diese Formalität doch als durchaus nothwendig an . Auch würde er ihre Verzögerung kaum so lange ertragen haben , wenn nicht zuweilen der Gedanke ihn getröstet hätte , daß Sir Charles sie absichtlich verschiebe , um Vicktorinen mit der Zeit seinen Wünschen geneigter zu stimmen , als sie jetzt es zu seyn bezeigte . So wartete er denn in wunderlicher Selbsttäuschung von einem Tage zum andern , ohne eigentlich recht gewahr zu werden , wie aus diesen Tagen Wochen und zuletzt sogar Monate entstanden , die dennoch nicht die geringste Veränderung in der Lage der Dinge herbeiführten . Inzwischen erwartete aber auch Babet täglich , und mit nicht minderer Gewißheit als ihr Oheim , eine Erklärung ähnlicher Art von Seiten des Sir Charles , die gewiß allen Hoffnungen des alten Herrn mit einemmal ein Ende gemacht