geschmachtet nach Vulten , wie er die Geschichte der Abwesenheit verlange , und wie sehr er eines Bruders bedürfe , um das Herz voll vermengter Gefühle in das verwandte zu gießen . Der Flötenspieler wollte seine Geschichte zuletzt berichten und begehrte die fremde zuerst . Walt tats , erzählte rückwärts , erstlich Raphaelens Erzählung aber so wie er zweitens den Schenkungsakt des Grafen samt der durch den Brief der Tochter jetzt gut motivierten Unterbrechung , drittens die Glücksfälle bei dem General berichtete und endlich mit den zusammengefaßten Flammen seines Sehnens nach Klothar schloß : so änderte Vult das mitgebrachte Gesicht - brach noch vor dem Wirtshaus auf - schickte den leeren Gaul durch einen außerordentlichen Schlag in Stadt und Stall voraus - und bat Walten , mitzugehen und fortzufahren und nach keinem Regen zu fragen . Er tats . Vult steckte seine Flöten-Ansätze aneinander und blies zuweilen einen lustigen Griff . Bald hielt er sein Gesicht dem warm tropfenden Abend-Himmel unter und wischte die Tropfen daraus , bald schlug er ein wenig mit der Flöte in die Luft . » Jetzt weißt du alles , mein guter Mensch , urteile ! « sagte endlich Walt . Vult versetzte : » Bester , poetischer Fleu- und Florist ! Was soll ich urteilen ? Verdammtes Regnen ! - Der Himmel könnte auch trockner sein . Ich meine , was ist zu urteilen , wenn du mir über keinen Menschen beitrittst ? Hinterher werd ' ich dann ganz schamrot , daß ich als ein Mensch , der vielleicht kaum vor ein paar Stadttore hinaus- , und durch ein paar Flügeltüren hineingekommen - denn ich saß stets - , gegen einen Welt- und Hofmann wie du recht behalten will , der , die Wahrheit zu sagen , überall gewesen , an allen Höfen - in allen Häfen - Glücks- und Unglückshäfen - in allen Kaffee- und Teehäusern Europens - in belle-vue , in laide-vue - in Mon-plaisir , in Ton-plaisir und Son-plaisir - und so etwas weiter herum ; das war ich aber nicht , Walt ! « » Verspottest du ernsthaft meine arme Lage , Bruder ? « fragte Walt . » Ernsthaft ? « sagte Vult . » Nein , wahrlich mehr spaßhaft . Was den General anlangt , so sag ' ich , daß , was du Menschenliebe an ihm nennst , nur Anekdotenliebe ist . Schon im gelehrten Deutschland gelten keine Wasser für tiefe als die flach breiten , vollends aber im geadelten ; nur breite lange Geschichte wollte der General von dir aus Langweile , wenn er sie auch schon wußte . Freund , wir Bücher-Menschen - so täglich , so stündlich in Konversation mit den größten belebtesten Männern aus der gedruckten Vorwelt , und zwar wieder über die größten Weltbegebenheiten - wir stellen uns freilich den Hunds-Ennui der Großen nicht vor , die weiter nichts haben , als was sie hören und essen bei Tafel . Gott danken sie auf Knien , wenn sie irgendeine Anekdote erzählen hören , die sie schon erzählen hörten ; - aber ich weiß nicht , was du dazu sagst ? « » Über Sachen « , versetzte Walt , » kann man leicht die fremde Meinung borgen und glauben , aber nicht über Personen . Wenn die ganze Welt gegen dich spräche : müßt ' ich wohl eher ihr als mir glauben ? « » Natürlich « , sagte Vult . » Was Wina anlangt , so ists mir ganz lieb , daß sie ihre weichen Finger wieder aus den gräflichen Ringen gezogen . So weiß ich auch , daß zwischen dir und dem Grafen die Mißheirat eurer Seelen rückgängig wird . « Darüber erschrak der Notar ordentlich . Er fragte ängstlich : » warum ? « Vult blies einen Läufer . Er setzte dazu , daß er dem Jüngling seit dem Verluste einer solchen Jungfrau noch heftiger anhänge ; und fragte wieder : » warum , lieber Bruder ? « - » Weil du « , versetzte dieser , » nichts bist , gar nichts als ein offener , geschworner Notar , der Graf aber ein Graf ; du würdest ihm auch nicht größer , wenn du dich nach alter Weise noch einen tabellio nenntest - einen protocollista - einen judex chartularius - scriniarius - exceptor . « - » Unmöglich « , versetzte Walt , » ist in unsern Tagen ein philosophischer Klothar adelstolz ; ich hört ' ihn selber die Gleichheit und die Revolution loben . « » Wir Bürgerliche preisen sämtlich auch die Fall-und Wasenmeister sehr und ihren sittlichen Wert , erlesen aber doch keinen zum Schwiegervater und führen keine maîtresse des hautes oeuvres et des basses oeuvres zum Tanze . - Gott , wenn soll einmal mein Jammer enden , daß ich immer von abgelegtem Adelstolze schwatzen höre ? Sei so höflich , Walt , mir einige Grobheiten gegen dich zu erlauben . Bei Gott , was verstehst denn du von der Sache , vom Adel ? oder die Schreiber darüber ? Ich wollte , du bliebest ein wenig stehen oder kröchest in jenen Schäferkarren und horchtest mir daraus zu ; ich zöge aus der Satire , die ich bei Sonnenuntergang im Zablockischen Garten gemacht , das aus , was herpasset . Den adeligen Stolz in einen auf Ahnen oder gar in deren Verdienste zu setzen , ist ganz kindisch und dumm . Denn wer hätte denn keine Ahnen ? Nur unser Herrgott , der sonach der größte Bürgerliche wäre ; ein neuer Edelmann hat wenigstens bürgerliche , es müßt ' ihm denn der Kaiser vier adelige rückwärts datierend mit geschenkt haben , wovon wieder der erste geschenkte Ahn seine neuen vier geschenkten bedürfte und so fort . Aber ein Edelmann denkt so wenig an fremde Verdienste , daß er sich lieber von 16 adeligen Räubern , Ehebrechern und Saufausen als ihr Enkel an einen Hof oder in ein Stift oder auf einen Landtag geleiten lässet , als von einem Schock und Vortrab ehrlicher Bürgerlichen davon hinwegführen