edelsten Beweggründen , sich aus dem Gefängniß entführen und in Sicherheit bringen zu lassen , wozu Kriton alles schon veranstaltet hatte . Wenige Stunden vor seinem Tode unterhielt er sich mit seinen Freunden über die Unsterblichkeit der Seele , und tröstete sich durch die Zuversicht , womit er ihnen von seiner Hoffnung in ein besseres Leben hinüber zu gehen , als von einer gewissen Sache , sprach . Der junge Plato will , wie ich höre , alle diese Gespräche - vermuthlich in seiner eignen Manier , wovon er bereits Proben gegeben hat , mit welchen Sokrates nicht sonderlich zufrieden seyn soll - aufschreiben und bekannt machen . Ich wünsche daß er so wenig von dem seinigen hinzuthun möge , als einem jungen Manne von seinem seltnen Genie nur immer zuzumuthen ist ; aber er hat eine zu warme Einbildungskraft und zu viel Neigung zur dialektischen Spinneweberey , um den schlichten Sokrates unverschönert , und , wenn ich so sagen darf , in seiner ganzen Silenenhaftigkeit , darzustellen , die wir alle an ihm gekannt haben , und die mit seiner Weisheit so sonderbar zusammengewachsen war . Der arme Kleombrot ist untröstbar . Schon vorher mußte ich alles anwenden was ich über ihn vermag , ihn abzuhalten , daß er nicht nach Athen zurückstürmte , um ( wie er sagte ) seinen geliebten Meister entweder zu retten , oder mit ihm zu sterben . Das erste stand nicht in seiner Macht ; hingegen hätt ' er sich leicht schlimme Händel zuziehen können , da unser Volk ( wie dir bekannt ist ) nicht leiden kann , daß Ausländer sich in unsre Sachen mischen . Nun kriecht er aus einem Winkel in den andern , und macht sich selbst Vorwürfe , daß er seinen Lehrer zu einer solchen Zeit verlassen habe ; als ob jemand sich so etwas hätte träumen lassen können , da wir nach Aegina gingen . Kurz , er ist in einem erbärmlichen Zustande . Die kleine Musarion , die ihn zerstreuen sollte , sitzt den ganzen Tag Hand in Hand neben ihm und hilft ihm weinen . Lais selbst ist noch zu sehr erschüttert als daß sie andere trösten könnte . Alle unsre Hoffnung , ihn wieder zurechtzubringen , beruht also auf dir , lieber Aristipp . Deine sämmtlichen Freunde in Aegina sehen dir mit Sehnsucht entgegen . 48. An Eurybates.135 Das sind nun eure so hochgepries ' nen Freistaaten , Eurybates ! So geht es in euern Demokratien zu ! Bei allen Göttern der Rache ! eine solche Abscheulichkeit war nur in einer Ochlokratie wie die eurige möglich ! Ihr schimpft auf das , was ihr Tyrannie nennt ? Wahrlich unter dem Tyrannen Dionysius hätte Sokrates so lange leben mögen als Nestor ; alle Gerber , Rhetoren und Versemacher von ganz Sicilien sollten ihm kein Haar gekrümmt haben ! - Im Grunde dauern mich deine Athener . Was können sie dafür , daß die Regiersucht solcher ehrgeizigen Aristokraten und Demagogen wie Klisthenes und Perikles ihnen in ihre schwindlichten Köpfe gesetzt hat , ein Wurstmacher , Kleiderwalker oder Lampenhändler verstehe sich so gut aufs Regieren und Urtheil sprechen , als einer der dazu erzogen worden ist ? Der Tag , da Athen von der edeln und weislich abgewogenen Solonischen Aristodemokratie zu einer reinen Ochlokratie herabgewürdigt wurde , war der unseligste von allen , die ihr seit Cekrops und Theseus mit schwarzer Kreide bezeichnet habt . Alles Elend , das in den letzten dreißig Jahren über eure Stadt gekommen ist , alles Unheil das ihr über Griechenland gebracht habt , alle die Schandmale , die ihr , durch so viele Handlungen des gefühllosesten Undanks gegen eure verdienstvollesten Bürger , eurem Namen auf ewig eingebrannt habt , schreiben sich von diesem Tage her . - Wie ? Die dreißig Tyrannen selbst , denen euch Lysander preisgab , die gewaltthätigsten und verruchtesten aller Menschen , wagten es nicht sich an Sokrates zu vergreifen , als er ihnen mit spottender Verachtung die derbsten Wahrheiten ins Gesicht sagte : und eure Heliasten , Leute , die für drei Obolen des Tags , je nachdem sie einem wohl oder übel wollen , Recht oder Unrecht sprechen , verurtheilen ihn zum Tode , weil er sie nicht um eine gnädige Strafe bitten will ; verurtheilen ihn bloß , um ihm zu zeigen daß sein Leben von ihrer Willkür abhange ? Die Elenden ! - Aber noch einmal , nicht sie , sondern die Urheber einer Verfassung , welche die Macht über Leben und Tod in die Hände solcher Wichte legt , sind verwünschenswerth . Doch wozu dieser Eifer ? Und was berechtigt mich , meine Galle über dich , der an diesem Gräuel unschuldig ist , auszugießen ? Verzeih ' , Eurybates ! Ich fühle daß es mich noch viel Arbeit an mir selbst kosten wird , bis ich es so weit gebracht habe , alles an den Menschen natürlich zu finden , was sie zu thun fähig sind , und mich mit einer solchen Natur zu vertragen . Ich schmeichelte mir sonst es schon ziemlich weit in diesem eben so schweren als unentbehrlichen Theile der Lebenskunst gebracht zu haben ; - zu früh , wie ich sehe : aber freilich auf ein solches Ungeheuer der schandbarsten Narrheit und Verkehrtheit , wie dieser justizmäßige Sokratesmord , war ich nicht gefaßt . In drei Tagen schiffe ich mich nach Aegina ein , und gedenke von dort aus eine Reise nach den vornehmsten Städten Ioniens zu unternehmen , und mich in jeder so lange aufzuhalten , als ich etwas zu sehen , zu hören und zu lernen finde , das in meinen Plan taugt . Athen wieder zu sehen , bin ich noch unfähig ; der Anblick eines Heliasten würde mich wahnsinnig machen . Lebe wohl , Eurybates , und stelle , wenn du kannst , die Zeiten wieder her , da die Minervenstadt noch von lebenslänglichen Archonten regiert wurde . Eure Triobolenzünftler136 haben mich mit der Aristokratie auf immer ausgesöhnt . Es ist zwar ,