einem aus Baumrinde geschnittenen Schiffchen sich stundenlang den Ocean träumen konnte , war sie sonst ; jetzt kannte sie den großen Ocean des Lebens und suchte auf diesem nur ihre kleinen Schiffchen ... Der Oberst und Monika waren im Grunde doch nur Gemüthsmenschen und entbehrten , ungeachtet ihrer steten Berufung auf den Verstand , eines scharfen psychologischen Blicks ... Sie übersahen , daß es eine Verkommenheit im Menschen gibt , die dem Kenner selbst durch den äußern Schein des größten Behagens hindurchschimmert , wie eine nur scheinbar gepflegte Toilette durch eine zerrissene Naht und ein nicht gehörig verstecktes Bändchen in ihren geheimen Schäden sich verräth ... Eine solche im Sinken begriffene Natur lacht und scherzt dann und am Uebermaß des Widerhalls läßt sich erst erkennen , wie innerlich alles so hohl ... Jedes Wort hört der scheinbar so unbefangen Sprechende dann gleichsam selbst zuerst ; sein Gang ist berechnet ; der Schatten , den er wirft , ängstigt ihn ... Unruhig sucht er dann Haltpunkte und Anlehnungen ... Sie sind aber ganz wie im Zufall und wie im Traum gewählt ... Eine alabasterne Vase , ein Spiegel , um im Bilde zu bleiben , ist von dem Vorsichtigsten dann zertrümmert , er weiß nicht wie ... Für die sich ganz ebenso zeigende tiefinnere Verkommenheit Terschka ' s hatte Armgart einen klarsehenden Blick ... Während der Unheimliche den Vater durch seine Ställe und seine Vorschläge für die Oekonomie fesselte , die Mutter durch hundert Aufträge , die von ihm für Genf übernommen wurden , Hedemann und Porzia durch Heiltränke , die in der That vorübergehende Linderungen verschafften , sah allein Armgart mit Schrecken , wie Terschka schon so im Zuge des Eingreifens in alle Verhältnisse auf Schloß Bex war , daß ihr bereits die Geldsummen verloren schienen , die ihm anvertraut wurden ... Sie sah eine Lebendigkeit um sich her , die sie im höchsten Grade beunruhigte ... Terschka ' s Genossen , jetzt größtentheils Franzosen von unheimlichen Manieren , gingen ab und zu ... Schon wurden Jagdpartieen arrangirt ... Oft war die Tafel , ohne irgend eine Einladung , zwanzig Personen stark ... Der Oberst liebte die Jagd und Monika unterstützte diese Neigung ohnehin , weil sie - sie sagte es scherzend - gutmachen wollte , daß der Anfang ihres früheren Zerwürfnisses mit ihm ein Lachen über die Fehlschüsse des eben Erheiratheten war ... So ging es hinauf in die Schluchten der Berge , gerade wie um Witoborn her in die Wälder ... Monika , der es an Gründen nie fehlte , wenn etwas Inconsequentes durch Gesetze der Notwendigkeit entschuldigt werden sollte , fand diese Bewegungen dem Gatten zuträglich , sorgend nur , daß Armgart von den Zumuthungen der Theilnahme verschont blieb ... Wohl kannte sie Armgart ' s Erinnerung an jenen Tag , wo sie , todtbetrübt und die Mutter an Terschka gebunden glaubend , sich infolge ihres Gelübdes in die gräflich Münnich ' sche Jagd stürzen konnte , um für die Erkorene Terschka ' s zu gelten ... Der Winter verstrich ... Armgart saß nicht immer mit ihren Büchern im Zimmer ... Sie unterstützte Hedemann und Porzia im Reinigen und Schwingen der Sämereien , stieg in die Keller und wahrte die Wurzelgewächse gegen üble Wirkung dumpfer und feuchter Luft , benutzte jeden sonnigen Tag , wo der Boden der großen Gemüsegärten sich auflockert , um die Aussaat solcher Pflanzen zu leiten , denen längeres Verweilen des Samens im Schoos der Erde nützt , ließ die Obstspaliere und manche freischwebende junge Pflanzung mit Stroh umhüllen , unterstützte gegen den Sturm , der oft aus dem Walliserland und vom großen Sanct-Bernhard her mit Ungestüm wehte , die jungen Obstbäume mit kräftigen Stecken , ließ die Weinstöcke niederlegen und gerade wenn ihr Blumengarten dicht voll Schnee lag , säete sie die ersten Boten des Frühlings , Primeln und Aurikeln - ihr Same darf die Erde nur leise berühren , nicht in sie eindringen - ... Bei diesen Beschäftigungen , auch beim Pflegen der Hyacinthen , die in ihren Zimmern , wie ehemals bei Paula , die grünen Keime ansetzten , trug sie ihr seltsames Lebensloos und gab , wie in einem spanischen Gedicht , das Bonaventura auf Westerhof einst ihr und Paula vorgelesen , » Des Gärtners Lohn « - auf die Frage : » Herr , unter Steinen und Moosen Was schöpfst du soviel aus dem Born ? « durch Blick , Rede und ganze Haltung die Antwort : » Dir will ich benetzen die Rosen ! - Mir will ich benetzen den Dorn ! « Es war ein Nonnenleben ohne Klausur , das ihr Ideal zu werden schien ... Die Welt hüllte sich ihr in eine Trauer , die sie nicht deuten , ja in einen Schmerz , den sie kaum anerkennen mochte ... Sie wurde ablehnend und streng ; vielen erschien sie kalt ... Der Frühling war gekommen , die Hollunderbüsche blühten , die Kastanienbäume setzten ihre braunen Knospen an , der Leman braute jene durchsichtigen , sonnigen Nebel , die die wild aus den Bergen stürmende » Bise « nicht mehr zerriß ... Terschka wohnte nun schon oft wochenlang auf dem mit allen Reizen der Natur sich schmückenden Schloß Bex ... Zu andern Zeiten wieder überredete er den Obersten , mit ihm nach dem fremdenüberfüllten Genf zu gehen ... Wer das Gefühl hat , mit gegebenen Zuständen in Bruch zu leben , ergreift gern die Gelegenheit , aus seiner Isolirung herauszutreten und da sich anzuschließen , wo von den unbefangener Urtheilenden die langentbehrte Zustimmung nicht ausbleibt ... Diese reichen Patricierfamilien Genfs mit ihren strengen calvinistischen , aber in andern Dingen wieder republikanisch unbefangenen Formen wurden eine Welt , in der sich Monika sorglos bewegen durfte ... Sie sprach gut französisch , konnte mit den Professoren der Universität Streitigkeiten führen , die für jeden Zuhörer genußreich waren , der Rath des Obersten wurde in mancher technologischen und Ingenieurfrage begehrt , Terschka war die Seele der auch in Genf vorhandenen aristokratischen Gesellschaft ... Von den Flüchtlingen , den Polen