den ihm die alte Excellenz jährlich schenkten , wenn er vom Harze kam und seine neuen Virtuosen vorführte . Gekauft wurde nichts mehr in Tempelheide , der Präsident erklärte sich für zu alt , um noch in seine schon vorhandene Gesellschaft neue Elemente einzulassen ; denn sein Zähmungsprinzip war grade die allmälige Gewöhnung und für diese blieb ihm , der stündlich die Augen zuschließen konnte , keine Muße und Aussicht mehr . Mit einer weichen , sehr leisen , von vielem Räuspern unterbrochenen Stimme lobte er den Thüringer , warnte ihn vor Anwendung grausamer Mittel und entließ ihn mit dem üblichen Thaler , zu dem er noch die für Dystra und sein Anliegen spannenden Worte fügte : Kommt Er auch durch Angerode ? Angerode , Excellenz ? Ja wohl , Excellenz , Angerode ! Grade von da bin ich . Keine weitere Frage . Papageno mit dem Zeisiggesichte war entlassen ... Nun erst wandte sich der alte Herr an der Hand des zweiten Bedienten , der mit ihm aus der Stadt gekommen war , zu Dystra und wiederholte , die weißschimmernden Augen aufziehend , das leichte Kopfnicken , mit dem er den von oben herabkommenden Dystra begrüßt hatte ... Baron essen mit uns ? wandte sich der Alte fragend zu Anna , die über diese unerwartete Wendung noch in Schrecken war , da sie Dystra ' s Gourmandise kannte und nicht wußte , wie sich bei einer solchen Änderung der sonst so einfachen Tafelordnung Olga benehmen würde . Der Alte wurde langsam die Treppe hinaufgeführt . Anna bot ihm selbst den Arm . Dystra flüsterte , folgend , dem Bedienten zu , man möchte etwas für seine Mohren sorgen , damit deren menschliche Ungeduld von der Zahmheit der hiesigen Thiere nicht beschämt würde ... Von einer weitern Unterhaltung , längern Vorstellung war keine Rede . Der Greis wurde sogleich ins Eßzimmer geführt . Er nahm Dystra für einen Besuch bei Olga , den man Anstandshalber , der Entfernung von der Stadt wegen , dabehalten müsse und begann seine Suppe aus einem mächtigen halben Vorlegelöffel mehr zu schlürfen , als zu essen . Anna winkte Dystra , sich des Olga ' schen Couverts zu bedienen . Denn der zweite Diener hatte schon angezeigt , die junge Comtesse ließe sich entschuldigen . Punktum ! sagte Dystra leise und biß sich auf die Lippen . Nach einer Weile erst bemerkte der Greis die Abwesenheit einer ihm liebgewordenen , immer stillen Gesellschafterin und fragte : Comtesse Olga ? Nicht wohl ! sagte Anna , deren Geduld heute auf die großartigsten Proben gestellt wurde . Die Bedienten nahmen die Suppenteller fort . Dystra hatte das kräftige Consommé nicht verschmäht . Man schenkte Wein ein , dem Greise in einem großen silbernen Becher , den er mit beiden Händen erfaßte ... Onkel von Comtesse ? fragte er Dystra nach einer Weile , als man kleine Pasteten aufsetzte . Dystra , der nur horchte , beobachtete , sich umsah , staunte , erwiderte mit einer Dreistigkeit , die Anna erröthen machte : Vergebung , Excellenz , Cousin ! Diese Unwahrheit konnte Anna kaum dulden und nicht ohne Schärfe bemerkte sie , als sie die kleinen , weichen , gar mürben Pasteten austheilte : Großväterchen liebt alle Namen , in denen der A-Laut liegt ; er behauptet , daß alle Menschen gewissermaßen aus einem Vokale komponirt sind und im A läge - die Wahrheit ! Dystra ! sagte keck der Getroffene und betonte die Endsylbe . Der Name thut ' s allein nicht , sagte der Greis mit einem leisen Aufflammen des Auges , der Charakter , der ganze Ton des Wesens und Redens muß es machen . Die gute kleine Olga ist noch zu sehr in O und U gesetzt ... Dystra verstand noch nicht recht , was Das für kuriose musikalische Schlüssel sein sollten und bat um genauere Erläuterung . Anna gab sie dahin , daß nach dem Präsidenten alle Menschen sich aus einem bestimmten Laute zu geben pflegten , je nach ihrem Charakter ; bei den Sanguinischen hörte man nichts als I-Laute , bei den Cholerischen , Mäkelnden , Nergelnden ein ewiges widerliches E , bei den Melancholischen und Hypochondern die klagenden für sie wahrhaft herzzerreißenden Unkentöne in U ... Und den A-Laut ? Liebt Großpapa als den klaren Ton der Wahrheit , des echten Maßes und der richtigen Mitte ... Anna von Harder , geborne von Marschalk ! sprach der Greis , langsam die A hervorhebend , mit einem Anflug von alter ritterlicher Galanterie . Es schien , als wenn der Präsident bei einem gedankenmäßigen Gespräche recht aufthauen konnte . Dystra aber wagte kaum zu sprechen , aus Furcht , zu den I- und E-Menschen zu gehören . Alle seine Bekannten , besann er sich wirklich , besonders die Russen , waren meistens in I und E gesetzt , wie die ewig zwitschernden und zankenden Vögel . Voland von der Hahnenfeder war tief in U. Dumme Menschen meist in O , z.B. der eigne Sohn des Greises , der Intendant von Harder . Klare , besonnene , rüstige , konsequente , wohlwollende wie Rudhard , Siegbert , Dankmar , Leidenfrost , wenn nicht im Namen , doch im Wesen alle aus dem A. Es ärgerte ihn fast , daß ihm sein ganzes Wesen wie eine Resonanz von I und E klang . Der Greis erschöpfte sich jetzt in freundlichen Betrachtungen über Olga und beschämte Dystra mit der Voraussetzung , daß er ihm verpflichtet sei , von Anna ' s Pflegebefohlener zu erzählen . Der Greis hatte die Natur derselben sehr wahr erkannt . In kurzen abgerissenen Sätzen ließ er soviel treffende Andeutungen über Erziehung und Mädchencharakter fallen , daß Dystra im Hinblick auf den Intendanten erstaunte , wie die Praxis hier hinter der Theorie zurückgeblieben war ... Das bescheidene Gemüse , das er jetzt verzehren konnte , wenn er Appetit gehabt hätte , ließ ihm Zeit , über ein Mittel nachzudenken , wie er wol , ohne absichtlich zu erscheinen , auf den Prozeß