der Gedanke des Todes , sonst ein ihm so lieber und vertrauter , erfüllte ihn jetzt mit Trauer ... Terschka versprach , ihn seines Mittels wegen zu besuchen ... Im Plaudern hatte er eine noch auffallend genaue Kenntniß aller Verhältnisse und Personen , mit denen er sonst gelebt , verrathen und bedurfte darüber keines Unterrichts , den er eher noch selbst ertheilen konnte ... Ohne Schärfe ließ er zuweilen und wie zufällig eine Anspielung auf den natürlichen Sohn des Kronsyndikus , Cäsar von Montalto , oder auf die Fürstin Rucca fallen ... Er übertrieb , bei Gelegenheit des Grafen Hugo , das Princip der Dankbarkeit , sagte aber auch , in Anspielung auf Benno ' s Dankbarkeit für seine Befreierin , die Fürstin Olympia : Meine Damen , als ich noch ein Jesuit war , kam im Colleg zu Rom die Frage auf die Dankbarkeit ... Wir trieben Moral nach allen möglichen Unterscheidungen hin ; aber von Dankbarkeit war wenig die Rede ... » Seid dankbar in allen Dingen , denn das ist der Wille Gottes in Christo Jesu an euch ! « sagte Hedemann und freute sich der vorgeführten Bilder aus der alten Zeit Witoborns ... Das ist aber die Dankbarkeit nicht , nahm die streitsüchtige , schon außerordentlich angeregte und ein gewähltes Mittagsmahl anordnende Monika auf , die Terschka meint ... Sie wollte hören , wie es mit Terschka ' s religiösem Innern stand ... Terschka hatte vom Tode Ceccone ' s gesprochen , der wol auch die Ursache gewesen sein mochte , sagte er harmlos , daß seine Nichte seit Jahren nicht nach Rom zurückkehrte ... Ebenso lange war Ceccone todt - er war unter seltsamen Umständen gestorben ... Auch der Oberst achtete nicht darauf , daß sich Armgart dem Fenster zuwandte ; er sah nur und freute sich dessen , wie geheimnißvoll seine Frau für den Mittagstisch sorgte ... » Und seid gewurzelt und erbaut in ihm und seid fest im Glauben , wie ihr gelehrt seid , und seid in demselben reichlich dankbar ! « wiederholte Hedemann zum festen Zeugniß , daß die Bibel die Jesuitenlehrer beschäme ... Die Mutter , während Armgart schwieg und am Fenster auf den See und die im Violett strahlenden Schneeberge Savoyens blickte , wollte heute gar nicht Hedemann ' s Partie nehmen und meinte , manches Verhältniß des modernen Lebens , manche Verpflichtung unserer künstlichen und unnatürlichen Verhältnisse ließe sich kaum aus der Bibel herleiten ... In diesen Gegenden , wo der Bibelglaube und die religiöse Phrase fast an jedem Bissen Brot , den man in den Mund nimmt , haftete , war Monika allerdings etwas weltlicher geworden ; aber auch die Erinnerung an die schönen Stunden , die sie in Wien verlebt , erregte sie ... Hedemann ließ die Meinung nicht aufkommen , daß die Schrift nicht die umfassendstverpflichtende Dankbarkeit anempföhle ... David war dankbar gegen Abjathar , den Sohn Abimelech ' s , der für David gestorben ... David war dankbar gegen Barsillai , den achtzigjährigen , den er mit nach Jerusalem in seine Burg nehmen wollte , weil er ihm früher in Noth gedient ... David war dankbar dem Gedächtniß Jonathan ' s , des Sohnes Saul ' s , der ihm angehangen , und rief in alle Lande : Wo ist jemand übriggeblieben von dem Hause Saul ' s , daß ich Barmherzigkeit an ihm übe um Jonathan ' s willen ? ! ... Dennoch hielt Monika die Frage der Dankbarkeit in einem andern Sinne fest und sagte : Die Dankbarkeit , die Terschka meint , heißt nicht das Erweisen von Wohlthaten an den , der auch uns Wohlthaten erwies , sondern die Unterordnung des eigenen Willens und Interesses unter den Willen und das Interesse eines andern für ein ganzes Leben lang - ... Eine Stille trat darauf ein ... Terschka genoß ihre Wirkung und sagte , so hätte er sich allerdings dem Grafen Hugo hingegeben und ganz von ihm regieren lassen ... Unsre Professoren auf dem Collegium , fuhr er fort , ließen wenigstens nicht mit offnen Worten , aber halt ziemlich deutlich keine Dankbarkeit gelten , die eine eigene Benachtheiligung voraussetzte ... Den Vortheil , den sie auf alle Fälle gewahrt wissen wollten , nannten sie die eigene Vollkommenheit ... Hatten wir nicht einen ganzen Tag Disputation über die Frage : Ist man verpflichtet , hundert Zechinen einem Mörder auszuzahlen , der sich dafür erbot , einen Mord zu begehen ? ... Der erste Satz war natürlich : Solange der Mord nicht vollzogen ist , kann auch von Zahlung gar keine Rede sein ... Man lachte ... Selbst Armgart mußte es ... War aber halt der Mord vollzogen , fuhr Terschka fort - wie dann , wenn der Anstifter in den Beichtstuhl kommt und , nachdem nun sein Vortheil bereits gewahrt ist , jetzt keine rechte Lust mehr bezeugt , die hundert Zechinen zu bezahlen ? ... Darüber waren die Meinungen der Theologen getheilt ... Einige glaubten , daß das Geld , ob vor oder nach der That , wenn auch versprochen , unter keinerlei Umständen bezahlt zu werden brauchte ... Schändlich ! rief Monika aufwallend ... Selbst dem Mörder muß man die Treue halten ... Sie urtheilen , meine Gnädigste , fiel Terschka ein , grad ' wie der heilige Liguori , der Stifter der Liguorianer , unser Schutzpatron , auch urtheilte ... Rund und fest hat der Liguori erklärt : Die hundert Zechinen müssen dem Mörder unter allen Umständen bezahlt werden ! ... Das beste Wort , das ich je von einem Jesuiten gehört habe ! fiel die Mutter ein und setzte die Entwickelung ihrer Moral der Hochherzigkeit und des Edelmuthes fort , bis der Oberst von der Dankbarkeit hinzugefügt hatte , daß er Beispiele aus seinem eigenen Leben kenne , wo sie manche Charaktere vollständig aus ihrer Bahn gelenkt hätte , wo Menschen , einmal verpflichtet , nie wieder ihren freien Willen bekommen hätten , Offiziere , die das Opfer eines einmal unbedacht geschlossenen Verhältnisses sogar mit ältern Damen geworden