mußte Siegbert alle Rücksichten aufgeben , ihr auf Wolkenflügeln entgegeneilen , seinen starken Arm um sie schlingen und diese gemeine Erde wie mit den Füßen von sich stoßen ! Siegbert , der der Politik , der Kunst , seinem Prozesse leben konnte , erschien dem Mädchen schon wie Egon , das Prototyp alles männlichen , herzlosen , blutsaugenden Vampyrismus , der in allen Romanen , die sie gelesen hatte , schrecklich genug geschildert war . Und ehe Olga , sagte sich der durch väterlichen Willen ihr bestimmte Verlobte , neue Thorheiten begeht , wieder ausfliegt , wieder in die Hände eines Höllensohns geräth , sollte da nicht die Tochter eines Fürsten lieber einmal einen Maler heirathen ? Oder gar , wenn die Brüder jenen Prozeß gewännen , der sie fast so reich macht , als ich es bin ! Wenn es wahr wäre , was man sich erzählt , daß der alte Obertribunalspräsident an diesem Prozesse einen so auffallenden Antheil nähme ? ... Längst schon hatte Dystra auf den Lippen , Anna von Harder um diese Angelegenheit zu befragen . Aber das eine Mal , daß er von der Familie Wildungen anfing , befremdete ihn , wie schnell die sonst jeder Frage gern ihr Ohr leihende und sich immer um eine ausführliche und gründliche Antwort fast bekümmernde Frau , dem Gegenstande auswich . Er erfuhr inzwischen , daß ein Oheim der Wildungen die Tochter der Landräthin Anna von Harder wider ihren Willen geheirathet hatte . Da gab er es auf , mit ihr über einen Gegenstand zu sprechen , der in ihr schmerzliche Erinnerungen weckte . Aber ihrem alten Schwiegervater hoffte er sich zu nähern und wie sehr auch Anna hervorhob , daß er völlig ungesellig wäre , keinen Umgang liebte , er kam immer wieder auf den Wunsch zurück , ihm vorgestellt zu werden und heute war es der letzte Moment . Indem kam Olga mit ihrem Buche über Italien aus dem Tannenparke zurück ; der Kranich begleitete sie , ohne daß sie auch nur über seine Sprünge die Miene verzog . Sie hatte nur die eine Absicht , Dystra zu fliehen , ihn nicht zu sehen , kein Wort der Anrede von ihm zu vernehmen ... Dieser entsetzliche Ernst ! sagte er sich . Diese Leidenschaft , Alles so zu nehmen , wie es ist ! Kein Humor , kein Lachen , keine Abweichung von der Regel ! Sie kommt mir da vor wie ein Zugvogel , der plötzlich , ehe wir ' s uns versehen , sich in die Lüfte hebt und indem sie eben noch vielleicht mit den Täubchen spielt , die sie füttert , ein Locken , ein Schwärmen in der Luft hört von Vögeln , die wir kaum kennen und auf und davon ist sie , man weiß nicht wie und wohin . Olga hatte auf ' s Geflissentlichste den Baron vermieden und war an den demüthig sich verneigenden Mohren vorüber in den Hof gegangen , um sich auf ihr oben gelegenes Zimmer zu flüchten ... Der Weiser der Kirche zeigte bald auf zwei Uhr . Anna in ihrer Beklemmung schien den Besuch Dystra ' s fast vergessen zu haben . Wie sie eben Befehle gab , die Hausflur in noch größere Ordnung zu bringen , als sie ohnehin für die Tage der Akademie statthaben mußte , sah sie den Baron erst wieder . Und nun gar zu hören , daß Der auch bleiben wolle , sich scherzhaft selbst zu Tische lud , mit jeder Kost sich befriedigen zu wollen erklärte , nur müsse er den Präsidenten heute kennen lernen , mit Olga die Füße unter einen Tisch stellen , diesem Zustand der Entfremdung ein Ende machen und als er sagte : Ich erzähle dem Greise über Löwen und Panther . Ich war auf einer Tigerjagd in Bengalen . Ich kann über die Wandertauben am Missouri wie ein Stratege sprechen ; denn die Züge dieser Thiere sind marschirende Armeen ... ich feßle den Greis so , daß er mich dableiben heißt ... Da blieb ihr nichts übrig , als ihm zu sagen , er möchte in Gottes Namen thun , was er wolle , sein Heil versuchen und einstweilen in die oberen Zimmer gehen und auf den Präsidenten warten , den sie eben schon von unten her anfahren hörte . Das Lärmen und Bellen der Hunde , das Flattern des Federviehs im Hofe , das Springen und Hüpfen der Vögel , das freudige Radschlagen der Pfauen bezeichnete den wirklichen Moment der Ankunft des alten Herrn . An dem thüringischen Papageno mit dem freudestrahlenden Zeisiggesichte vorüber betrat Dystra die mit einem grauen Teppich belegte Treppe und stieg zu dem ersten Stockwerk eines Hauses empor , das ihm wie ein altes verwunschenes Jagdschloß vorkam ... Zunächst suchte er oben Olga - Er hörte eine Thür zuschlagen ... Mais Mademoiselle ! Mais Olga ! Mais ... Die Bitten des Barons , ihm Gehör zu geben , wurden von einer oben in ein Zimmer Gehuschten durch einen Riegel abgeschnitten , dessen rasches Vorschieben laut hörbar wurde . Vous me traitez en loupcervier - Keine Antwort ... On croirait , que je mange les petits enfans ... Tiefe Stille ... Dystra trat in das erste beste offne Zimmer . Es war dunkel wie das ganze Haus . Die Fenster , auch von innen grün angestrichen , waren nur in kleine Scheiben getheilt . Rings an den Wänden hingen alte Familienportraits , in denen er hie und da eine gewisse Ähnlichkeit auch mit dem Intendanten der königlichen Schauspiele und seiner stolzen adelsbewußten Haltung zu erkennen glaubte . Es waren hier die Harder ' s zu Harderstein so recht unter sich . Eine alte bronzene Uhr , braungebeizte Schränke boten die einzige Abwechselung an den Wänden . Die Schränke waren mit ausgestopften Thieren , Vögeln , kleinen Vierfüßern , Käfern und Reptilien , angefüllt . Im dunkelsten Eck stand ein Bücherrepositorium , das ein grünseidner Vorhang verhüllte . Es waren alte Ganzfranzbände , die hier standen , Schriften des vorigen Jahrhunderts