goldenen Lettern hörte er seine eigene Grabschrift heraus , bestellte sich , wie er die seine haben wollte , und sah im Geist die Leute an einer solchen Stelle eines kleinen Kreuzgangs hinter dem Sanct-Zeno stehen und lesen : » Hier ruht in Gott « - Nun setzte er wol hinzu : » Der alte Narr , der - « ... Eine Selbstkritik folgte ... Alles das plauderte er im langsamen Gehen und bestellte sich in der Nähe des einst ihn im Kreuzgang deckenden Steines Rosen und Vergißmeinnicht ... Armgart erfreute ihn dabei durch Eines - durch jenes gründliche Eingehen auf seinen Tod und sein Begräbniß - eine Tugend , die viel besser wirkt , als ein ewiges Weg- und Ausredenwollen des Sterbens ... » Darin kann ich Karl V. ganz verstehen , daß er sich Probe begraben ließ ! « sagte sie ... Des Dechanten Hauptbeschäftigungen im letzten Lebensjahr waren seine Briefe mit Cäsar von Montalto und Bonaventura ... Armgart erfuhr wenig von ihrem Inhalt - aus den von Italien kommenden nur das , was Paula und Gräfin Erdmuthe betraf ... Oft fuhren Onkel und Nichte zusammen nach Sanct-Wolfgang , besuchten das Pfarrhaus , auch das erbrochene , jetzt wohlerhaltene Grab des alten Mevissen ... Ja noch ein Studium nahm der Dechant in seinem letzten Lebensjahre vor , die italienische Sprache ... Oft sprach er von Bonaventura ' s Vater und versenkte sich in dessen Entwickelungsgang . Als Paula einmal schrieb , sie lerne provençalisch , die Sprache der Troubadours , rühmte der Dechant seinen » verstorbenen « , im Schnee des Sanct-Bernhard » so elend verkommenen « Bruder , der in seinem immer romantisch gewesenen Jugendsinn auch diese Sprache sich angeeignet hätte vom dritten Bruder Max , dem Offizier , dem Adoptivvater Benno ' s , der die Kenntniß derselben aus dem südlichen Frankreich und den Pyrenäen mitbrachte ... Er las die Minnesänger und vergaß seine Acten ! sagte der Dechant träumerisch von seinem Bruder Friedrich ... Es war ein Thema , über das er in ein langes , seltsames Schweigen verfallen konnte ... Ueber Benno ' s Ursprung wurde wenig gesprochen ... Die Erinnerung an die falsche Trauung im Park von Altenkirchen war dem Greise zu unheimlich ... Kurz vor seinen letzten Stunden raffte der Greis noch den Rest seiner Kraft zusammen und ließ sich über mancherlei in einem langen Briefe an den Erzbischof von Coni aus , den er schon theilweise Armgart dictiren mußte ... An gewissen Stellen nahm er selbst die Feder und ließ Armgart nicht lesen , was seine zitternde Hand geschrieben ... Er verbreitete sich über alles , was noch in Bonaventura ' s Leben , nach seinem Wissen , unaufgelöst und zu verklingen übrig blieb ... Auch die Losung : Fiat lux in perpetuis ! wiederholte sein entschwebender Geist still vor sich hinmurmelnd ... Armgart schrieb mit Erstaunen und schon an Irrereden glaubend : Nun würde er diese Worte nicht mehr unter den Eichen von Castellungo , sondern im Vorhof der Seligen hören ; sein Huß- und Savonarola-Scheiterhaufen würde die läuternde Flamme des gelösten Weltenräthsels sein ! Sollte Bonaventura noch einst , dictirte er , den Eremiten im Silaswalde sehen , so mög ' er ihm sagen : Im Leichenhause des großen Sanct-Bernhard hätte auch er eine neue Offenbarung über Gott und die Welt gefunden - - Da besann sich der Greis und stockte ... Er ließ sich die Feder in die Hand geben und versuchte selbst weiter zu schreiben ... Die Hand versagte den Dienst ... Armgart mußte noch den Brief vor seinen Augen verschließen und dann sorgsam siegeln ... Man senkte den Greis unter die kalten Steine des Kreuzganges , pflanzte aber um die Oeffnung des Bogens , der in den Friedhof führte , Rosen und Vergißmeinnicht ... Beda Hunnius , auf dem nun ganz von den Jesuiten eroberten Terrain , auch jenseits der Elbe , wieder zu Ehren gekommen , wurde sein Nachfolger ... Zu seinem Kaplan machte sich dieser neue Dechant den in Lüttich erzogenen Schifferknaben von Lindenwerth , den Thuriferar von Drusenheim , Antonius Hilgers ... Der Arme hatte die ganze Erziehung und Abrichtung erhalten , wie sie Rom für seine Priester beansprucht ... Er war noch ärgerer Zelot als Müllenhoff ... In dem schweren Amt der Bestattung und der Uebernahme der Hinterlassenschaft fand Armgart Beistand und überwand alles voll muthiger Entschlossenheit , noch ehe ihr Vater zu ihrer Hülfe aus der Schweiz herbeigeeilt kam ... Armgart hatte ganz Kocher zu Freunden ... Ihre Maxime war , bei jedem , der » ihr etwas zu haben schien « , still zu stehen und zu fragen : Ist etwas zwischen uns ? ... Das konnte sie selbst dem hämischen Hunnius gegenüber , der mit ihr wie mit jeder » Nichte « der Dechanei gegen deren Bewohner zu conspiriren suchte ... Sie erfreute ihn durch ihre Empfänglichkeit für seine geistliche Poesie ... Die » Dichterapotheke « von Weihrauch , Myrrhen , Narben , Aloë und ähnlichen Spezereien , die so stark aus seinen Versen » stank « , wie der Onkel sagte , erinnerte sie doch noch immer an die Zeit ihrer ersten Jugend , wo sie den Rosenkranz mit seinen fünf schmerzhaften , fünf freuden- und fünf glorreichen Geheimnissen in alle Himmel ausgebreitet sah , die Sonne als Monstranz und die Seelen als beflügelte Kreuze dem großen Herzen Gottes mit der lodernd über ihm thronenden Flamme zufliegend ... Die Zeiten dieser Anschauungen waren freilich auch bei ihr vorüber ... Nur hielt sie an ihrer allgemeinen Stimmung fest und die blieb eine gebundene - schon um Paula ' s willen , die ihr in der Ferne wie eine leuchtende Glorie , ein Ziel der Sehnsucht und heißesten Wünsche verblieb ... Unter den Beileidbezeugenden erschien auch Löb Seligmann ... Er war ja so engverbunden der Dechanei , so engverbunden auch den Geheimnissen von Westerhof , von Kloster Himmelpfort und Schloß Neuhof ... Seitdem man allgemein wußte , daß Benno von Asselyn der Sproß einer ruchlos geschlossenen Ehe des Kronsyndikus war