mannichfachsten Bedrängnissen in Deutschland umirrte - in Magdeburg lösten sich bald die angeknüpften Verhältnisse - und sich zuletzt , ermüdet durch die gänzlich durch den Protestantismus selbst zerstörte Hoffnung auf eine große geschichtliche Bewegung der Geister , nach der Schweiz begeben hatte , verlebte Armgart noch einige Jahre in Kocher am Fall ... Die Eindrücke hier waren nicht immer erhebend ... War auch die Verbindung mit allen den ihr werthen und theuren Menschen gerade durch die Dechanei die lebhafteste , so erfolgten doch selten Mittheilungen , die eine wahre Freude verbreiten durften ... Die schmerzlichsten von allen betrafen Benno ... Sie waren so trüb , daß selbst Thiebold nur einmal nach Kocher kam ... Einmal hatte sich Thiebold mit der ganzen Liebe und Hingebung seines Gemüths , wenn auch wie immer als » närrischer Kerl « sich einführend , einige Tage zum Gast der Dechanei gemacht , hatte , » über sich , als Mann , fast schamroth « , die Reife Armgart ' s , ihre vorgeschrittene Bildung , die Sammlung ihres Charakters bewundert , hatte italienische Anekdoten , Reiseabenteuer erzählt , von Nück berichtet , dem in Italien , andere sagten im Orient Verschollenen , hatte von Schnuphase , der eine Pilgerfahrt zum heiligen Grabe mit Stephan Lengenich und mehreren andern Erleuchteten bezweckte , erzählt - aber die Art , wie er von Benno ' s italienischer » Nationalisirung « , von den Erlebnissen in Rom , vom gegenwärtigen londoner Wirken und Treiben Benno ' s als eines » mit Gott und der Welt zerfallenen « Sonderlings und Grillenfängers sprach , überhaupt als von einem Menschen , den man » nach dem allerdings bedauerlichen Ende der Gebrüder Bandiera « gar nicht mehr wiedererkannte - alles das sagte genug , um sein einziges - das dann » etwas deutlich gegebenes « Wort zu verstehen : » Als wir ja damals für immer Abschied nahmen in der westerhofer Kapelle ! « ... Armgart lächelte zustimmend , sie verstand , was Thiebold mit » für immer « sagen wollte ... Thiebold war dann nach dem kocherer Besuch gleich nach London gegangen , wo er oft monatelang verweilte ... Von dem Luxus und den Extravaganzen Olympiens konnte sein Bericht nicht genug erzählen ... Drei Briefe von Olympien wurden ihm nach Kocher mit einem Carissimo nach dem andern nachgeschickt ... Für Armgart gab es in Kocher Zerstreuungen der in Wehmuth erbangenden Seele an sich genug ... Darunter freilich auch die erschütterndsten ... Der Onkel wollte noch einmal vor seinem Ende nach seinem geliebten Wien , wohin ihn die Curatverhältnisse des Doms von Sanct-Zeno riefen - da starb an einer Erkältung Windhack ... Und als für das alte treue , gelehrte Factotum der Versuch mit einem neuen Diener gemacht werden sollte und der Dechant dabei blieb , reisen zu wollen , kam aus Wien die Nachricht , sein alter würdiger Gastfreund , Chorherr Grödner , wäre dem österreichischen Landesspleen erlegen und hätte sich erhängt ... Die Schrecken mehrten sich dem tieferschütterten Greise ; Frau von Gülpen that des Nachts , wo sie schon sonst um jedes kleine Geräusch aufstehen konnte und nun nicht mehr den Lolo als Führer hatte und überall ihre Schwester , die Hauptmännin , und ihren Mörder , den Hammaker , sah , und dennoch das nächtliche Rumoren und Wandeln und Pochen an alle Thüren , ob sie auch gut verschlossen wären , nicht lassen konnte , einen unglücklichen Fall - woran sie starb ... Und wenige Monate darauf legte sich auch der Dechant und hauchte seine edle Seele in Armgart ' s Armen aus ... Sein Testament hatte Franz von Asselyn schon lange geändert und sein ansehnliches Vermögen in drei Theile zerlegt , für Bonaventura , Benno und Armgart ... Benno , in einem Briefe Thiebold ' s , und Bonaventura , in directer Zuschrift an Armgart , verzichteten zu ihren Gunsten ... Armgart war nun ein vierundzwanzigjähriges wohlhabendes und mit einer auch von Heiligenkreuz sich mehrenden Rente ausgestattetes Stiftsfräulein ... Alle diese erschütternden Vorgänge erlitten diejenigen Unterbrechungen , die das Traurige haben - andere sagen das Gute - , das Leben selbst beim größten Schmerz immer noch erträglich und anziehend zu machen ... Die Sonne leuchtete auch so und die Blumen blühten auch so ... Für Armgart gesellte sich zu den Zerstreuungen der Dechanei , zu kleinen Reiseausflügen , zu Briefen von nah und fern und zu jenen Fortschritten der innern Bildung , die uns sogar selbst überraschen und erfreuen dürfen , die Steigerung des Interesses , das an ihrer Person genommen wurde ... Mancher Offizier mit dem flatternden Husarendolman ritt im Park der Dechanei täglich die Schule , um nur von ihren Fenstern aus beobachtet werden zu können ; mancher junge Beamte interessirte sich für die alten Möpse und Papagaien der in Kocher lebenden Honoratioren , um nur auch bei ihren Kaffees zuweilen der interessanten jungen Stiftsdame zu begegnen ... Armgart blieb jugendlich wie ihre Mutter , wenn sie » im Geist auch schon eisgraue Haare « hatte und über die Rosenzeit des ersten Mädchenfrühlings hinweg war ... Sie gehörte dem Leben an , wo es sich nur regte , nicht um seine Freuden zu genießen , sondern um seine Räthsel zu belauschen und seine Aufgaben zu lösen ... Am liebsten wandelte sie mit dem Onkel , wie er in seinen letzten Tagen liebte , über den Friedhof ... Schon lange und seit dem Tode Windhack ' s und der Mutter Gülpen sagte der Onkel nicht mehr : » Der allein richtige Gattungstrieb des Menschen ist der , leben zu wollen ; kommt der Tod , so ist er da und es kann ja auch einmal eintreffen , daß gerade unsereins den Beweis führt , daß das Sterbenmüssen seit Jahrtausenden nur ein bloßes Versehen der Aerzte gewesen ! Die Wissenschaften machen so außerordentliche Fortschritte ! « ... Diese Lebensfreudigkeit , sonst auch zu Benno und Bonaventura ausgesprochen , hielt im letzten Jahre nicht mehr Stand ... Er liebte die Gräber und las ihre Inschriften ... Aus jeder ihrer