sie gewisse Aeußerungen in den Briefen des Onkel Dechanten , verstand , warum er ihr überhaupt so oft und so eingehend schrieb - Er wollte sie zerstreuen , vorbereiten auf die Entdeckung ... O mein Gott ! Beteten ihre zitternden Lippen , als sie nach diesen Briefen suchte ... » Wir Menschen « , hieß es noch vor kurzem in einem derselben , » sind das Product unserer Verhältnisse ... Die Freiheit des Willens ist eine Illusion ... Die Tugend , auf die Spitze getrieben , wird Laster ... Dem Mann gehört die Welt und gewisse Dinge müssen ihm kaum bis an die Knöchel reichen ... « - - Das waren halbe Scherze , schienen nur Aeußerungen zu sein , um Frau von Gülpen zu necken oder den alten Windhack mit seinen auf dem Monde entdeckten vorurtheilslosen Sitten und Einrichtungen zu vertheidigen ; aber - nun sah sie , ein wie bitterer Ernst ihnen zu Grunde lag - ! Der Ernst , daß Benno durch den Einfluß seiner Mutter , durch die Rührung und Liebe für sie , endlich durch die Dankbarkeit für seine Retterin aus ihrem Lebensbuche gestrichen war ... Es bestätigte sich , daß Fürst Ercolano Rucca Attaché in London wurde ... Sie schrieb nichts darüber nach Witoborn ... Ein klares Gefühl wurde ihr überhaupt nicht mehr zu Theil ... Auch nicht in den jeweiligen Anwandelungen des Hasses gerade gegen Benno ' s Mutter , die von andern Bekanntschaften , die in Paris waren , als eine hochmüthige Frau geschildert wurde ... Dem Haß auf den Vater konnte sie ihre Kinder opfern ! sagte Armgart , nun den Verhältnissen immer vertrauter und den von der Mutter und vom Dechanten erhaltenen Aufklärungen folgend . Gott hat sie schon in Angiolinens Tod bestraft ; sie wird auch noch Benno ' s Verderben sein ! ... Cäsar von Montalto ! ... In Fieberhast flog Armgart nach Deutschland zurück ... Sie überraschte die Aeltern , die ihr Kommen nicht ahnten ... Sie fand die ganze Verwirrung , die sie erwarten durfte - den Vater mit Pistolen bewaffnet ... Das Besitzthum verkauft ; ein Anerbieten , sich an einer großen Fabrik im Magdeburgischen zu betheiligen , war vom Vater für sich und Hedemann angenommen worden ... Sie wollten reisen ... Hedemann , ein Schatten gegen sonst , doch in der That von einer wunderbaren Durchgeistigung ... Auch die Mutter gab sich seltsam feierlich ... Nur der Vater blieb , wie immer , ruhig , natürlich und entschieden ... Die Gründe , warum Armgart so rasch und unvorbereitet aus London kam , lagen insofern auf der Hand , als über die Ausweisung der Flüchtlinge aus Frankreich genug in den Zeitungen gesprochen wurde und Marco Biancchi , Porzia ' s in London lebender Onkel , von einem Besuch bei Cäsar von Montalto schrieb , dem er vor einigen Jahren den Rath zur schnellen Abreise aus Deutschland verdankte ... Doch wurde aus Schonung von alledem nur ausweichend gesprochen ... Wie fühlte sie aber diese Schonung ! ... Wie durchbohrte sie die harmlose Frage der in Eschede der Welt entrückten Angelika Müller nach Benno , als sie der seltsamsten Hochzeit beiwohnte , die je geschlossen wurde , der zwischen Püttmeyer und seiner alten Verehrerin ! ... Zwei in sich vertrocknete Menschen , die noch alle Stadien der Aufregung , sogar der Eifersucht durchmachten ! ... Frau von Sicking , Gräfin Münnich , Präsidentin von Wittekind , Benigna von Ubbelohde , alle drangen auf die Ehe Püttmeyer ' s , die doch erst durch das Erringen des Hegel ' schen Lehrstuhls hatte möglich werden sollen ; sie erwirkten eine Beförderung des von Pfarrer Huber ' s harmonicaspielender Tochter bedenklich Begeisterten zum bischöflichen Archivar in Witoborn und die Versetzung Huber ' s ... Wie war Armgart , durch ihren dreijährigen Aufenthalt in London , allen diesen kleinen Anschauungen entrückt ... In ihrem Stifte war sie nur einen Tag ... Nach Westerhof durfte sie der Mutter wegen auch nur ein einziges mal - ... Tante Benigna und Onkel Levinus umschlangen sie voll Inbrunst und hätten jetzt alles darum gegeben , das sonst so viel gescholtene Kind bei sich zu behalten und schon fingen wieder die alten Entführungspläne an ... Da entschied der Vater für den Ausweg , daß Armgart , die zwar nicht zu den Deutschkatholiken übertreten , wol aber mit Freuden in die Gegenden der Elbe mitziehen wollte , wohin die Aeltern gingen , die Mühseligkeit dieser Irrfahrten nicht theilen , sondern nach Kocher am Fall zum Onkel Dechanten , zur lange schon kränkelnden » Tante Gülpen « , ziehen sollte ... Armgart erfüllte dies Gebot der Aeltern und zog nach Kocher am Fall ... Hier war sie denn des mit dem freudigsten Willkommen ! sie aufnehmenden Dechanten letzte und würdigste » Nichte « ... Tante Gülpen hatte sie nicht aus dem Wochenblatt verschrieben , hatte sie nicht auf fremde Empfehlung in die Dechanei geschmuggelt ... Sie war in Wahrheit eine nahe Verwandte und gab der immer schroffer gewordenen Beurtheilung gegen den Dechanten keinen Anstoß ... Franz von Asselyn erklärte , sich auf seine letzten Lebenstage keiner solchen » Eroberung « mehr gewärtig gewesen zu sein ... In dieser holden äußern Anmuth besaß er alles , was seinem Auge , in Armgart ' s innerm Wesen , was seinem Herzen wohlthat ... Da waren einige gute Elemente der Feuernatur Lucindens ohne die verheerenden Folgen derselben ; da war die ewig dienende Natur Angelika Müller ' s ohne deren trockene Regelmäßigkeit ... Da hatte er eine der Seelen , von denen er sagte : Die gehen in solche kleine Vögel über , wie sie unter meinem Baum am Fenster nisten ! ... Von Armgart ' s Seelenwanderung versprach er sich vorzugsweise den Besuch seines Grabes , von dem er oft und gern sprach ... Er war gerüstet , täglich hinabzusteigen ... Die Aufregungen der letzten Jahre waren für ihn zu mächtige gewesen ... Seine heitere Laune kam schon seltener und währte nicht lange ... Während nun der Oberst unter den