daß sie noch Siegberten fesseln würde . Er schrieb ihm nach Antwerpen , er wisse nicht , was er von diesem erstarrten Zustande denken sollte . Er hätte ein Leben voll Beweglichkeit , Geist , Phantasie , auch manche Thorheit erwartet und fände nun ein todtes , kaltes Marmorbild ! Dystra konnte die Geduld , die Anna von Harder hier entfaltete , nicht genug rühmen . Und doch zeigte er dieselbe Geduld , ohne sein Verdienst zu wissen . Er fuhr alle drei , vier Tage nach Tempelheide , brachte immer etwas Anregendes , etwas Überraschendes mit und begnügte sich , nach Olga zu fragen . Sie selbst sah ihn nicht . Wie sie nur des kleinen , aber elegant sich haltenden , mit Grazie sich bewegenden Mannes ansichtig wurde , entfernte sie sich , was Dystra immer auf Rechnung seiner Mohren schrieb . War es Liebe , war es Pietät für seinen verstorbenen Freund , den Fürsten Wäsämskoi , war es der Reiz ein Räthsel zu lösen , er konnte sich der Hoffnung , in Olga wieder einen Lebensfunken geweckt zu sehen , nicht erwehren , so sehr er auch zugestehen mußte , daß eine Heirat mit einer so eigenthümlichen Organisation ein Opfer war , für das man nicht Dank , sondern Spott ernten mußte . Drommeldey , der vielgesuchte , Alles begutachtende Arzt der Mode , hatte gesagt : Bei dieser Krankheit heißt es : Ce n ' est que le premier pas , qui coute ! Dies Mädchen muß heirathen , dann wird sich das Übrige finden . Starr wie jene Brunhild der Sage , die Jedem , der sie freien wollte , einen Ringkampf anbot und die Männer an dem Gürtel aufhenkte , den sie ihr lösen wollten , saß Olga neben der zutraulichen , durch sie ganz aus ihrer bisherigen Gewohnheit gekommenen Anna , die von dem Mädchen , trotz des Scheines ihres liebevollsten Antheils für sie , nicht einmal die Frage abgewinnen konnte : Was wolltest du mir von der Wichtigkeit des heutigen Tages für dich sagen ? Sich aufdrängen mit einem innersten Herzensinteresse war Anna ' s Art nicht . Sie nahm das Körbchen mit Handarbeiten , das sie hier oben zurückgelassen und begann Spitzenbesätze zu nähen , während Olga ihren Worten ruhig zuhörte und nur die Zwirnrolle zuweilen ergriff und mit ihr ein gedankenloses Spiel trieb ... Daß hier die Stelle war , wo Siegbert Wildungen einst Anna von Harder zuerst gesehen , wußte Olga . Sie kannte aus dem Skizzenbuche ihres Freundes diese Kirche , den Friedhof mit der unregelmäßigen , zerfallenen Mauer und den schon längst wieder abgeblühten weißen Fliederhecken . Sie kannte die Stelle , wo in der Skizze Hackert im Korn liegend angedeutet war . Es waren ihr das Alles heilige Plätze , schon lange , lange geweiht ; denn Siegbert besaß eine Gemüthlichkeit guter Herzen , die von ihren angenehmen Erinnerungen erzählen und Jeden , den sie lieb haben , gern in den ganzen Zusammenhang ihres Lebens versetzen . Er hatte längst schon im vorigen Jahre Olga auf diesen Punkt aufmerksam gemacht , wo man die gewaltige Ausdehnung der Stadt am reichsten übersehen und ihr inneres Leben gleichsam wie einen fernen unsichtbaren Wasserfall rauschen hören konnte . Ob sie jenen Erinnerungen nachhing ? Sie verrieth nicht eine Spur von Dem , was in ihrem Herzen lebte . Anna hatte grade heute wieder eine ihrer musikalischen Akademieen . Dann wurde ausnahmsweise um zwei Uhr gegessen , um drei Uhr kamen die Mitglieder des Gesangvereins , der bis fünf , sechs Uhr dauerte , weil es mit der Regelmäßigkeit des Kommens sehr schlimm aussah . Jene gelüfteten Fenster des Parterre gehörten zu dem Musikzimmer , das Anna schon geordnet hatte . Da waren die Tische und Stühle schon aufgestellt , schon mit den Noten belegt , die heute gesungen werden sollten . Sie sprach davon , wie sie immer in bangsüßer Erwartung einer solchen Übung , in Freude und Furcht zugleich , entgegenharre und beklagte , daß Olga weder Freude an diesen Musiken empfand , noch selbst an ihnen Theil zu nehmen versuchte . Du erinnerst mich darin , sagte sie noch heute wieder , an die schöne Melanie , die jetzige Fürstin von Hohenberg ! Diese von vielen Frauen verabscheute , aber nicht so schlimme gefeierte Schönheit war ohne Stimme , ohne musikalisches Gefühl , aber sie nahm Antheil an unsern Übungen und nützte durch ihr vortreffliches Pausiren . Sie , die ein Recht hatte , die Zerstreuteste von Allen zu sein , zählte am besten . Olga hätte nun Gelegenheit gehabt , lebendig zu werden . Jene Melanie wurde erwähnt , die sie selbst in ihren Briefen als letzte Zuflucht jenes von ihr in so grellen Farben geschilderten Egon bezeichnet hatte . Sie hätte doch ausrufen müssen : Also wirklich ist Melanie die Fürstin von Hohenberg ? Wie kam Das ? Wie war Das möglich ? Um Melanie diese Bewegung hier auf der Landstraße ? Um sie diese trappelnden Pferde , diese rollenden Reisewägen , dies Detachement Dragoner , das sich auf der Straße bis Hohenberg vereinzelt zu postiren scheint ? Um Melanie dieser Staub , der glücklicherweise uns hier unter dem Pavillon nicht erreicht ? Nichts von alle Dem . Sie hörte nur , wickelte an der Zwirnrolle , las eine Weile im Buche , hörte den Verhandlungen Anna ' s mit der zuweilen Raths erholenden Dienerschaft zu , folgte alle Dem , was sie da vernehmen konnte , aber selbst schwieg sie . Sie schwieg zur lauten Erörterung manches Billets , das von der Stadt kam . Frau von Dahlen entschuldigte ihr Ausbleiben bei der Akademie . Frau Gräfin Mäuseburg im Gegentheil versprach nächstens eine junge Diakonissin , die eben erst vom Rheine gekommen war , mitzubringen und sie für die Akademie vorzuschlagen . Aktien , Loose , Unterschriften wurden angeboten oder von Anna gewünscht , wie Das im Leben eines mildthätigen Wesens den ganzen Tag nicht abreißt . Schriftchen wurden geschickt von Geistlichen ,