der Schweiz zu bleiben — bei ihm in Zürich . Sie solle sich dort ein Zimmer nehmen . Er habe eine Arbeit , bei der sie ihm helfen könne . Das heißt , wenn es ihr zusagte . Denn falls sie ihre Kräfte allein erproben wolle , so stehe ihr das natürlich frei . Nur keinen Zwang — keine gegenseitigen Rücksichten : Bestürzt saß Agathe ihm gegenüber , die Augen gesenkt , ihre Handarbeit im Schoße ruhend , die Finger gegeneinander gepreßt , mit einem innern Erzittern . Was meinte er ? — Was bedeutete sein Anerbieten ? Er brachte es mit einer so ruhigen Stimme vor . — Wußte er nicht , daß er ihr etwas Ungeheures zumutete ? Er hatte nachgedacht . Das ging aus der Sicherheit hervor , in der er auch auf die praktische Seite zu reden kam . Er wisse ein Restaurant mit guter Hausmannskost . Dort verkehrten viele Studentinnen , tüchtige Mädchen , die das Leben ernst nahmen , von denen die eine oder die andere ihr gefallen würde . — Was ihr Unterhalt zu Haus kostete , würde ihr Vater ihr doch nicht verweigern ? “ O Martin — das würde er auf jeden Fall . Er würde ja außer sich sein ! ” “ Ja — ohne Kämpfe geht so ein Schritt nicht ab . Sieht er , daß Dein Entschluß unerschütterlich fest steht , wird er schon nachgeben . Sprich vorläufig nur von einem Jahr , meinetwegen nur von einem Winter ! ” Agathe schwieg . . . . . Ohne Unterhalt würde ihr Vater sie am Ende nicht lassen . Er nahm zu viel Rücksicht auf das Urteil der Menschen und war gewohnt , harte Thatsachen zu verschleiern . — — Aber fühlte Martin nicht , daß er selbst — seine Gegenwart in Zürich den größten Anstoß erregen mußte ? Wie merkwürdig , daß er ' s nicht fühlte . . . . Sie konnte ihn doch unmöglich darauf hinweisen ? Der Schritt war ein Bruch mit allem Vorhergegangenen . War er gethan , so gab es keine Rückkehr nach Haus — wenigstens keine innere Rückkehr . Wollte sie denn überhaupt Rückkehr ? Sicher nicht . “ Dein Vater ist ja nicht krank . Würdest Du heiraten , müßte er sich auch behelfen ! ” “ Darin hast Du Recht ! ” “ Du brauchst Dich in dieser Stunde nicht zu entscheiden . Aber thue es bald . Und dann schnell gehandelt ! Nicht erst noch zurück in die alten Verhältnisse . ” Er war doch stark erregt . Sie sah es , als er aufstand von der Bank , auf der er an langem Brettertisch ihr gegenüber gesessen und die Wirtin rief , um Wein und Brot zu bezahlen . Schweigend kehrten sie heim , einen weiten Weg über fahlgrüne , schwerduftende Matten , auf denen der Sonnenglanz flimmerte . Martins Augen waren tief ernst , sein Blick in sich gekehrt , sein Antlitz ohne Freundlichkeit . Zuweilen hob Agathe den Kopf und befragte stumm sein Profil . Aber er ging schweigend voran . Er hatte gesprochen — sie mußte wählen . Nur noch einen aufmunternden , überredenden Blick ! Sie fürchtete sich vor ihm . Oft hatte das Harte , Herrische in seinem Wesen sie abgestoßen , nun empfand sie es wieder . — Um seinetwillen . . . . ? — Nein — nicht um seinetwillen — was geschah , sollte sie für sich selbst thun . Konnte sie das nicht aufnehmen , ihr Denken und Fühlen davon durchdringen lassen ? Sie vergaß es immer wieder , und die Gewohnheit der früheren Anschauungsweise behielt ihr Recht . Was man nicht um eines anderen willen that , war verwerflich . Um ihrer Selbst willen . . . — — Wie dachte er sich das Zusammenarbeiten ? Wußte er nicht , wofür ein jeder sie halten würde ? Das war ihm wohl ganz gleichgültig , auf das Urteil der Welt hatte er niemals viel gegeben . Dort in Zürich mochte auch der Verkehr von jungen Männern und Mädchen freier sein , als bei ihnen . Und sie war ja auch nicht mehr jung . Hielt er sie für so ganz ungefährlich ? — Aber wie würde man in der Heimat über sie urteilen ? Immer hatte sie geglaubt , der große Mensch , der heroische Entschlüsse fähig sei , schlafe nur in ihr . Jetzt rief Martin ihn mit starker Stimme an . Nun mußte es sich zeigen , ob er überhaupt noch da war — nicht längst verschrumpft und verdorrt . Es war schauerlich aufregend und anziehend , sich das vorzustellen : Alle Welt hielt sie für eine Gefallene — nur sie selbst trug das Bewußtsein ihrer kühlen Reinheit in sich . Und Martin , der hatte natürlich eine unbegrenzte Hochachtung vor der stillen Kraft , mit der sie , allen Verläumdungen zum Trotz , den gewählten Weg weiter schritt . Solche Frau war ihm denn doch noch nicht vorgekommen . — — Er bat sie um Liebe — bat sie immer wieder — flehte — wurde leidenschaftlich . . . . . Sie sah ihn vor sich wie nach Eugeniens Trauung , den Kopf in die Gardine gepreßt — schluchzend , durchschüttelt von wildem Verlangen . . . Aber in eine bürgerliche und nun gar in eine kirchliche Trauung würde er wohl niemals einwilligen . Gott sei Dank — sie liebte ihn nicht . . . . Nur irgendwie kam ihr der Wunsch , ihre Wange gegen seine Hand zu lehnen , sich von dieser kräftigen weißen Hand über Stirn und Brauen streichen zu lassen . — Von solchen weiblichen Schwächen durfte sie nicht träumen , wenn sie es wagen wollte , ihren Plan auszuführen . — — — Nun war es mit dem Schlaf in der Nacht überhaupt zu Ende . “ Die Mädchen mit Talent sind doch zu beneiden , ” klagte Agathe ihrem Vetter . “ Jedermann findet begreiflich , daß sie es ausbilden