. “ „ Ja wohl , sie ist von jeher sein Verhängniß gewesen , “ murmelte Hugo . „ Und er wird nie frei werden , so lange dieses Verhängniß über ihm waltet . “ Die beiden Herren hatten längst in der gegenüberliegenden Prosceniumsloge den Consul Erlau bemerkt , auch einen Gruß mit ihm ausgetauscht . Daß er nicht allein sei , davon ahnten sie so wenig , wie sonst Jemand aus dem Publicum , denn die Dame , welche sich in seiner Begleitung befand , saß tief im Hintergrunde der Loge , gänzlich verborgen hinter den Falten des zur Hälfte herabgelassenen Vorhanges , aber doch so , daß sie die Bühne vollständig überblicken konnte , und ihr Begleiter gebrauchte die Vorsicht , jedesmal , wenn er mit ihr sprach , aufzustehen und gleichfalls zurückzutreten . Sie wollte augenscheinlich das Gesehenwerden überhaupt und wohl auch einen Besuch der beiden Herren in ihrer Loge vermeiden . Ella hatte in der That die Erfüllung ihres Wunsches von Seiten des Pflegevaters erreicht . Sie kannte bisher nur Weniges und Unbedeutendes von den Compositionen ihres Mannes , einige Lieder und Phantasieen , sonst nichts . Das eigentliche Feld seines Schaffens und seiner Erfolge , die Oper , war ihr fremd geblieben . Im Gefühle der tödtlichen ihr widerfahrenen Kränkung hatte sie es nie über sich gewinnen können , Zeugin der Triumphe zu sein , die Rinaldo ’ s Opern auch in ihrer Vaterstadt feierten , jener Triumphe , die sich auf den Trümmern ihres Lebensglückes aufbauten , und was sie durch die Zeitungen oder durch Fremde , denen ihre nahen Beziehungen zu dem gefeierten Componisten nicht bekannt waren , davon erfuhr , senkte den Stachel nur noch tiefer in ihre Seele . Jetzt zum ersten Male trat ihr der Tondichter Rinaldo in dem genialsten seiner Werke entgegen ; jetzt lernte auch sie die Macht dieser Töne kennen , die so oft schon Freund und Feind bezwungen hatten und selbst die Gegner zur Bewunderung hinrissen , und der Eindruck war überwältigend . Halb vorgebeugt , in athemlosem Lauschen folgte die junge Frau jedem Tone der Musik ; war sie jetzt doch fähig , neben all den Schönheiten , welche sich ihr entschleierten , auch in die dunkeln Tiefen zu blicken , die sich darin aufthaten . Zum ersten Male verstand sie ganz und voll den Charakter ihres Gatten , diese glühende Künstlernatur mit all ihren Widersprüchen , mit ihrem Stürmen , Wogen und Drängen ; zum ersten Male begriff sie , was die tiefverletzte Frau bisher nicht hatte begreifen wollen , die innere Naturnothwendigkeit , die Reinhold zwang , sich aus den beengenden Fesseln des kleinbürgerlichen Alltagslebens loszureißen und dem Rufe seines Genius zu folgen , die diese Katastrophe für ihn zu einem Kampfe um Leben und Tod machte . Daß er dabei auch feste Bande zerriß , die ihm unter allen Umständen hätten heilig bleiben sollen , daß er der freien berechtigten Selbstbestimmung des Mannes die Schuld des Gatten und Vaters hinzufügte , der die Seinigen verließ , davon freilich sprach ihn auch der Genius nicht frei ; aber in dem Innern Ella ’ s tauchte jetzt leise mahnend die Frage auf : was sie selbst denn damals ihrem Gatten gewesen sei , um zu verlangen , er solle der Versuchung Stand halten , die in Gestalt einer Beatrice Biancona vor ihn hintrat , und was sie bieten konnte gegen eine Leidenschaft , deren glühende Romantik von jeher viel mehr den Künstler als den Mann beherrscht hatte . Die ihm angetraute Frau stand damals noch viel zu sehr unter dem Drucke ihrer Erziehung und Umgebung , um sich auch nur einigermaßen zu seiner Höhe erheben zu können ; – statt ihrer stand eine Andere da , im vollsten Glanze ihrer Schönheit und ihres Talentes , und diese Andere zeigte dem jungen Künstler die Bahn der Freiheit und des Ruhms – er war unterlegen ! Ella aber fühlte tief im innersten Herzen , daß er es nicht wäre , hätte sie ihm damals sein können , was sie heute war . Zum letzten Male hob sich der Vorhang , und bis zur letzten Note zeigte Rinaldo , daß er sich treu geblieben war . Der Schluß stand durchaus auf der Höhe des Ganzen und war von hinreißender Wirkung . Und dennoch fehlte dem Werke das Eine , Höchste , das all diese flammenden Blitze des Genies nicht zu ersetzen vermochten , die Versöhnung mit sich selber . Es hatte keinen Frieden und weckte keinen in der Seele der Zuhörer . Der Componist schien den Conflict , der ungelöst in seinem eigenen Inneren lag , auch auf seine Schöpfung übertragen zu haben ; es war doch schließlich nur ein Verzweifeln an dem Leben , an dem Glücke , an sich selber . Wenn die Sturmnacht ausgetobt hatte , schimmerte kein verklärendes Morgenroth , das einen neuen , besseren Tag verhieß ; auf der weiten öden Wasserwüste trieben nur die Trümmer umher , und an sie geklammert , erreicht der [ 573 ] Schiffbrüchige endlich wieder die Heimathküste – zu spät zur Rettung . Und wie er todesmüde und todeswund dort niedersinkt , da klingt noch einmal , wie mit Geisterlauten , aus weiter , unnahbarer Ferne jene Traummelodie zu ihm hernieder , zum ersten Male vollendet , zum ersten Male voll und ganz austönend – im Tode . Und die Klänge verwehen und ersterben leise , wie das Leben sich verblutet . Die Aufnahme der Oper von Seiten der Zuhörer ließ Alles hinter sich zurück , was Rinaldo je an Erfolgen errungen hatte . Bei einem Publicum des Südens freilich waren diese Musik und diese Darstellung des Triumphes sicher . Da zündete jeder Funke ; da flammte ein Feuer in das andere . Man hätte meinen sollen , der Beifall müsse sich doch endlich einmal erschöpfen , der Jubel sich endlich einmal mäßigen , aber heute schien selbst der glühendste Enthusiasmus noch einer Steigerung fähig zu sein . Nach jedem Actschlusse , nach jeder Scene brach