fast nie ein Wort zwischen ihnen , und doch kamen sich beide näher in der gegenseitigen Beurteilung . Er hatte es freilich mit einer Sphinxnatur zu tun , die oft genug seiner Prüfung entschlüpfte , um ihm plötzlich wildfremde , rätselvolle Züge zuzuwenden . So oft er den Blick vom kleinen Krankenbett hob , wurde ihm ganz märchenhaft zu Sinne . Als hätten Gnomenhände einen ganzen Regen ihrer unterirdischen Schätze hier verstreut , um eine schöne Frau mit kühlem Feuer zu umspielen , so funkelte der Steinschmuck an allem Gerät , selbst vom kleinsten Trinkbecher sprühte Rubinenlicht wie aus halbversteckten , rotglühenden Koboldaugen . Und die weiße Duftwolke mit ihrem eingewobenen köstlichen Blumen- und Blättergerank , die über den weißen Atlas , die Spitzenkanten der Polster herabfloß , die farbenglänzenden Matten auf dem Parkett , die Sitzmöbel , aus kostbaren Hölzern so luftig aufgebaut , als sollten sie auf ihren Seidenkissen nur leichte Feengestalten tragen – das alles war aus einer mit verschwenderischer Pracht ausgestatteten Pflanzervilla über das Meer hergeschwommen , um wenigstens einen Raum des deutschen Hauses für die verwöhnte Tochter des Südens heimisch und erträglich zu machen . Für Donna Mercedes war der raffinierteste Luxus sichtlich die Lebensluft , das Element , das ihre ätherische Erscheinung vom ersten Atemzug an auf seinen Wogen gleichsam hoch über der Erde gewiegt und getragen – und dieselbe Frau hatte es gleichwohl verschmäht , in Zeiten der Gefahr auf ihre sturmgeschützte Besitzung zu flüchten – sie hatte sich in andere Wogen geworfen , in die brausende Brandung des erbitterten Kampfes ; das verwöhnte Ohr war nicht zurückgeschreckt vor dem Schlachtendonner , es hatte geschärft auf die Signale , die rauhen Kommandos lauschen gelernt ; durch Dornen und Gestrüpp waren die zarten Füße gewandert , die schlanken , ringgeschmückten Finger hatten kräftig die todbringende Waffe umspannt , und das atlasschimmernde Lager war mit der harten Erde , dem groben Soldatenmantel vertauscht worden – statt der Spitzenwolke des Betthimmels hatte sich das feucht niederschauernde Nachtgewölk über die am Lagerfeuer Rastende hingebreitet . Ja , sie war rücksichtslos und unbeugsam hart gegen den eigenen verweichlichten Körper , angesichts großer Fragen , wie sie unerbittlich , ja fanatisch gehässig denen gegenüberstand , die » unberechtigt « ein menschenwürdiges Dasein erstrebten . » Menschen ? ! « hatte sie neulich im Hinblick auf die aufrührerischen Schwarzen mit empörendem Hohn gerufen – man hätte damals glauben müssen , sie habe auch zu jenen raffiniert grausamen Plantagenherrscherinnen gehört , die das Fleisch ihrer Sklavinnen als Stecknadelpolster benutzen sollten , und doch – kamen die sanften , gütevollen Laute , mit denen Jack und Deborah stets und immer angeredet wurden , wirklich von den stolzen Lippen ? ... Deborah war infolge des Schreckens und Kummers selbst erkrankt ; sie lag in der Kinderstube und sträubte sich in kindischer Furcht gegen die verordnete Arznei . Baron Schilling hörte , wie ihr Donna Mercedes besorgt , in unerschöpflicher Geduld und Langmut zuredete – sie litt es nicht , daß eine andere Hand als die ihre der » alten , treuen Dienerin « die Labung reicht , ihr das Lager aufschüttle . Sie zeigte seiner offenbaren Haß gegen das Germanentum , seit sie deutschen Boden betreten hatte , deutsche Luft atmete ; aber sie las und kaufte fast nur deutsche Bücher ; auf dem Flügel lagen Bach , Beethoven und Schubert , und verschiedene Schriftstücke auf dem Schreibtisch bewiesen , daß sie vorzugsweise in deutscher Sprache schreibe ... Diesem Arbeitstisch kam Baron Schilling nur nahe , wenn einer der Ärzte dahinter saß , um ein Rezept zu schreiben . Da wurde flüsternd über den Zustand des kleinen Patienten verhandelt , manchmal vielleicht einen Augenblick länger als nötig , denn die Fensterecke hinter den grünen Seidenvorhängen war höchst interessant . Donna Mercedes hatte auch hier in enggezogener Schranke ein kleines Stück ihres amerikanischen Heims aufgebaut . Da hing das Ölbild ihrer stolzen spanischen Mutter . Von derselben undinenhaften Schönheit wie die Tochter , das herabflutende » Zigeunerhaar « an den Schlafen leicht mit Perlenschnüren zurückgenommen , ließ diese Frau ihre feine , biegsame Gestalt , nach Fürstenart , von schwerem , violettem Samt umbauschen ; Perlenspangen rafften da und dort die Faltenwucht zusammen , und da , wo der köstliche Marmorton der Schultern und Anne hervortrat , sah es aus , als strebe ein hellgeflügelter Schmetterling der erdrückenden Last zu entschlüpfen ... Ja , der Urtypus des Hochmuts war sie gewesen , diese zweite Frau , die sich der imposant schöne Major Lucian , nachdem er im Leben schon halb und halb Schiffbruch gelitten , noch zu erobern gewußt hatte ... Seine Photographie hing unter dem Ölbild , daneben sein Sohn Felix , beide Porträts umringt von herrlichen kleinen Landschaftsbildern in Wasserfarben , Ansichten von Lucianschen Besitzungen vor dem Kriege . Und auf dem Schreibtisch selbst , inmitten kostbarer Gerätschaften von Edelmetall , stand im ovalen Bronzerahmen die Photographie eines jungen Mannes , ein Kopf von großer Schönheit , aber ziemlich unbedeutend im Ausdruck . – » Der arme Valmaseda « – hatte Lucile , Baron Schillings Blick nach dem Bilde verfolgend , in ihrer verletzenden Art eines Tages geflüstert – » er war ein netter , ein bildhübscher Mensch , aber – es war doch gescheit von ihm , zu sterben . Wissen Sie – ein großes Licht war er gerade nicht ... Mercedes hatte sich mit fünfzehn Jahren verlobt , da paßten sie noch zusammen ; aber nachher tat sie ja so furchtbar geistreich , und da konnte der arme Schelm nicht mehr mit – in der Ehe hätte das kein Jahr lang gut getan – mein Gott , was sage ich – nicht vier Wochen ! – Die brave Feindeskugel kam gerade recht noch in seine Bräutigamsträume hinein – Mercedes ist an seiner Seite gewesen und hat ihn in ihren Armen aufgefangen . » Ein himmlisches Sterben ! « soll er gesagt haben . « An den Verhandlungen in der Fensterecke beteiligte sich Donna Mercedes später nicht mehr – aus Furcht