“ Die Zärtlichkeit wich aus ihrer Stimme ; sie sprach mit tiefem Ernste , und die sonst so milden Augen hafteten fest , fast streng auf dem schönen Mädchen im Fenster . „ Sie mit ihrem reichen Geiste weiß jedenfalls die Heiligkeit , aber auch die oft herben Anfechtungen seines Berufes weit lebendiger zu erfassen , als ich , und wird ihm deshalb gewiß ein Daheim schaffen , das ihm , unabhängig von den äußeren Strömungen , gleichmäßig ein harmonisch-inniges Familienleben bietet . “ Das Betonen des einen Wortes ließ Käthe deutlich erkennen , daß die Tante Flora ’ s gestriges häßliches Gebahren sehr wohl bemerkt und als Launenhaftigkeit aufgefaßt hatte . „ Das ist Alles recht schön und gut , meine beste Frau Diakonus , und ich zweifle auch keinen Augenblick , daß Flora eine ganz tüchtige Frau Professorin werden wird , “ sagte die Präsidentin kühl – der indirect ermahnende Ton , welchen die simple PastorsWitwe ihrer Enkelin gegenüber anzuschlagen wagte , verdroß sie sichtlich – ; „ allein zu einem anmutenden Familienleben gehören heutzutage auch komfortable Räume , und das Beschaffen derselben macht mir augenblicklich große Sorge . Ich komme eben von einer erschöpfenden Beratung mit dem Möbelfabrikanten ; er behauptet , nunmehr – Gott weiß aus welchem Grunde – die längst bestellten Boule-Möbel für Flora ’ s Salon bis zu Pfingsten absolut nicht liefern zu können . Flora hat sich währenddem mit der Wäschelieferantin herumgezankt , die auch so fabelhaft langsam ist und die Vollendung der Ausstattung erst bis Anfang Juli in Aussicht stellt . Was fangen wir an ? “ „ Wir warten , “ sagte Doktor Bruck in seiner einsilbigen Weise und griff nach Hut und Stock , um Beides fortzutragen . Die Präsidentin fuhr ein wenig zusammen ; sie sah ziemlich perplex aus , und eine gewisse Aengstlichkeit schlich durch ihre Züge , aber sie faßte sich rasch und klopfte ihn leicht auf die Schulter . „ Das ist brav , liebster , bester Doktor ! Sie helfen uns selbst aus der peinlichsten Verlegenheit , während ich mich auf berechtigten Widerspruch Ihrerseits gefaßt gemacht hatte . Diese Pfingsten waren mir fast zu einem drohenden Gespenst geworden . Sie hielten so fest an dem einmal bestimmten Tage . “ „ Gewiß , allein meine Uebersiedelung nach L … .. g macht eine Abänderung sogar nothwendig , “ entgegnete er gelassen und ging hinaus . „ Und was meint die Braut ? “ fragte die Tante Diakonus mit ungewisser Stimme ; sie war augenscheinlich sehr betreten über die geschäftsmäßig kühle Ruhe des Doktors und das plötzliche verlegene Schweigen der Anwesenden . Flora wandte ihr ein heiter strahlendes Gesicht zu . „ Mir ist die gegönnte Frist insofern hochwillkommen , als meine künftige Lebensstellung plötzlich eine so ganz andere werden wird . Da bedarf es der Vorbereitung , der inneren Sammlung und Einkehr . Mein Gott , es ist ja doch ein himmelweiter Unterschied ! Von der Frau eines Universitätsprofessors mit großem Namen verlangt die Welt ein ganz anderes Auftreten , ganz andere Kapazitäten , als von einer einfachen Doktorsfrau , möge ihr Mann immerhin Hofrath und Leibarzt eines Fürsten sein . “ Ein unbeschreiblicher Hochmut sprühte förmlich aus der zarten , hoch emporgerichteten Gestalt ; in jedem Worte klang innerer Jubel , mühsam unterdrücktes Frohlocken mit – sie stand auf dem Gipfel ihrer glühendsten Wünsche . Der Kommerzienrat rieb sich vergnügt die Hände . Er hätte losplatzen und ihr in das Gesicht lachen mögen ; die Präsidentin aber kämpfte sichtlich mit einer ärgerlichen Aufwallung . Jetzt maßte sich wohl gar die Enkelin an , mit ihrer „ Partie “ noch um so und so viel Staffeln höher zu steigen , als selbst sie , die hochgestellte fürstliche Beamtenfrau . „ Wohin versteigst Du Dich , Flora ! “ rügte sie , in zorniger Mißbilligung den Kopf schüttelnd . „ In meine glänzende Zukunft , Großmama , “ antwortete sie mit einem kleinen , übermüthigen , boshaften Lächeln . Sie drehte der Präsidentin mit einer so ausdrucksvollen Geberde den Rücken , als sei sie nun mit einer unerquicklichen Vergangenheit vollkommen fertig und wolle mit keinem Worte mehr daran erinnert sein . „ Und nun ergebe ich mich Ihnen auf Gnade und Ungnade , lieb Tantchen , “ sagte sie zu der alten Frau , die jeder Bewegung der schönen Braut mit klugem , prüfendem Blicke gefolgt war . „ Machen Sie mit mir , was Sie wollen ! Ich unterwerfe mich Allem ; nur zeigen Sie mir den Weg , auf welchem ich Leo glücklich machen kann ! Ich will nähen , kochen “ – bei den letzten Worten streifte sie flink die Handschuhe ab , als wolle sie sofort Ernst machen und an den Kochherd treten . „ Ah ! “ stieß sie erschrocken heraus und fuhr mit der Hand , wie fangend , durch die leere Luft – der „ einfache Goldreif “ war ihr beim Abziehen des Handschuhs vom Finger geglitten . Niemand hatte ihn zu Boden fallen hören ; man suchte , allein es war , als habe ihn die Luft aufgesogen . „ Er wird zwischen Deine Kissen gefallen sein , Henriette , “ klagte Flora . Sie war ganz bleich geworden „ Erlaube , daß wir Dich für einen Moment emporheben und nachsehen – “ „ Das kann ich nicht zugeben , “ erklärte die Tante entschieden . „ Henriette darf nicht beunruhigt , nicht unnöthig aus ihrer bequemen Lage gebracht werden – “ „ Unnöthig ! “ wiederholte Flora vorwurfsvoll und schmollend wie ein Kind . „ Es ist ja mein Verlobungsring , Tantchen . “ Käthe schauderte in sich zusammen bei diesen Worten . War Flora wirklich ein solches Kind des Glückes , daß eine Art Wunder ihr den Ring wieder in die Hände zurückgespielt hatte , oder log und trog sie mit dreister Stirn so entsetzlich ? Sie suchte vergebens in den ängstlich umherforschenden Augen dieser Sphinx zu lesen . „ Das ist ein fataler Zufall ,