derselben auf , und dann schlug sie die Augen wieder nieder , als ver ­ gleiche sie das Gesehene mit einem Bilde in ihrem Innern , ohne ins Klare kommen zu können . Johannes beobachtete jede Bewegung ihrer Mie ­ nen . Kein Gedankenschatten entging ihm , der über diese weiße , sinnende Stirn hinzog , er schaute und schaute sie an und vergaß darüber das Reden , sie war so wunderbar schön , diese keusche , ernste Jungfrau , bleich und leidend durch den strengen Dienst des Ge ­ dankens , dem sie mit priesterlicher Weihe dahingegeben . In solcher Gestalt wird auch der traurigste Irrtum rührend — ja erhaben , und wir beugen uns vor ihm statt ihn zu belächeln . Dies waren Johannes ’ Empfindungen , als er so schweigend vor ihr saß und es mußte sich etwas davon in seinen Augen spiegeln , denn Ernestine wandte plötzlich verlegen den Blick von ihm ab und fragte fast unwillig : „ Nun , mein Herr , was für Nachrichten bringen Sie mir von Vater Heim ? Ist er geistig und körperlich rüstig ? “ Johannes ernüchterte sich etwas durch den kühlen Ton , in dem sie dies sprach . „ Ja , mein Fräu ­ lein , das ist er . Geliebt und verehrt von seinen Fachgenossen wie von seinen Patienten , genießt er einen heitern Lebensabend . “ „ Das freut mich . Auch ich bin durch Fesseln der Dankbarkeit an ihn gebunden , er hat mir viel Gutes getan , ja — ich darf ihn wohl als den Retter meines Lebens betrachten . Deshalb hoffte ich auch jetzt wieder von ihm alles Heil . Er ist ein großer Praktiker , wenn er auch in seinem Greisenalter nicht ganz mit der modernen Wissenschaft Schritt gehalten hat ! “ „ Das ist er , mein Fräulein . Aber von Ihrem schlimmsten Übel kann er Sie doch nicht befreien und deshalb schickt er mich . “ „ So sind Sie wohl ein berühmter Spezialist ? Aber wie kann Heim wissen , ob ich eines solchen bedarf ? “ „ Und dennoch weiß er es , mein Fräulein , denn mit dem Übel , von welchem ich rede , waren Sie schon als Kind behaftet und Heim besaß kein Rezept dagegen . Da er sich überzeugte , daß ich im Besitz der richtigen Heilmethode bin , nahm er mich zu sei ­ nem Assistenten an . Ich frage Sie daher offen und einfach : Wollen Sie mich zu Ihrem Arzt haben ? Ja oder nein ? “ Ernestine schwieg einen Augenblick , dann sagte sie fest : „ Ja , wenn Heim glaubt , daß Sie mich wieder herstellen werden , so genügt mir das und werde ich mich Ihrer Heilmethode unterwerfen . “ „ Ich danke Ihnen ! “ rief Johannes froh , „ aber ich sage Ihnen im Voraus : ich bin ein strenger Arzt und meine Arzneien sind bitter ! “ „ Doch wohl nicht bitterer als die Krankheit ? “ fragte Ernestine . „ Wer weiß ! Um gerade heraus zu reden , mein Fräulein , das Übel , von dem ich Sie zu befreien komme , welches Ihre Vergangenheit und Zukunft ver ­ giftet , ist der Einfluß Ihres Oheims ! “ Ernestine stand auf . „ Mein Herr ! “ „ Hören Sie mich erst , bevor Sie mir zürnen ! Ich behaupte nichts , was ich nicht beweisen kann . “ „ Mein Herr , ich will davon nichts hören . Sie tun meinem Oheim Unrecht , welcher Art auch Ihre sogenannten Beweise sein mögen . Ein ganzes Leben voll Treue und Aufopferung wiegt schwerer als die Anklage eines Unbekannten . Was danke ich ihm , was tat er für mich ! — Ihm schulde ich meine wissenschaftliche Bildung , was ich bin , hat er aus mir gemacht . “ „ Und wenn ich nun so kühn wäre , Sie zu fra ­ gen , mein Fräulein , ob Sie so gewiß sind , daß das , was er aus Ihnen machte , das Rechte ist ? “ Es entstand eine Pause , während welcher Erne ­ stine einen Schritt zurücktrat und beleidigt und be ­ schämt vor sich nieder sah . Johannes fuhr fort : „ Wenn ich nun gekommen wäre , Ihnen gerade das Gegenteil zu beweisen ? “ Ernestine blickte ihn finster an . „ Hierauf weiß ich allerdings nichts zu erwidern , aber Ihre Gering ­ schätzung zwingt mich , zu fragen , ob Sie meine Schrif ­ ten kennen und ob diese meine Fähigkeiten in ein so schlechtes Licht gestellt haben ? “ „ Im Gegenteil , mein Fräulein , Ihre Abhandlung über die Reflexbewegungen ist genial , und Ihre Schrift über den Raumsinn des Auges hat den Preis erhalten . “ Ernestine horchte hoch auf , ihr Antlitz rötete sich , ihre Augen flammten . „ Und das sagen Sie mir jetzt erst ! Meine Schrift den Preis ! Wach ’ ich — träume ich ? Ist es denn wahr , — wirklich wahr ? O wie soll ich Ihnen für diese Botschaft danken ? Ich finde keine Worte — möchten Sie sich belohnt fühlen durch die Versicherung , daß Sie mir die größte Freude meines Lebens machten ! Aber nun schmähen Sie mir auch nicht mehr den Mann , dessen aufopfern ­ dem Bemühen um meine Erziehung — ich allein dies Glück verdanke ! “ „ Armes Herz , wenn das Ihre größte Freude ist ! Arme Betrogene , wenn Sie Ihrem Oheim kein an ­ deres Glück zu verdanken haben ! “ „ O mein Herr , was gibt es Höheres als Ehre und Ruhm ? “ Johannes blickte sie ernst an . „ Etwas , das Ihr Oheim Sie jedenfalls nicht lehren wird ! “ Ernestine hörte ihn nicht in ihrer ehrgeizigen Er ­ regung . Sie ging einige Schritte auf und nieder , dann setzte sie sich wieder und fragte mit klopfendem