rauschenden Mühlbache in wildem Kampfe . Da kam ihr ein Wagen entgegen ; sie trat zur Seite und ließ ihn vorüber , und dann setzte sie desto rascher den Weg fort . Ihr schien es eine Wohlthat , dieses tobende Wetter ; es war ja eine Qual , im geschützten Zimmer zu sitzen neben ihm ; es sah aus wie ein Bild des süßesten Glückes , und es war doch kein Schatten davon ; er liebte sie nicht ; er hatte sie nur ihres Geldes wegen begehrt . Das Gefühl freudiger Aufopferung , mit der sie ihm ihre Hand geboten , verschwand vor dem Demüthigenden , was sie erlitten , und er selbst , der das Opfer angenommen hatte , was that er , nur die Demüthigungen zu versüßen ? War es denn so schwer , ihr guter Camerad zu sein ? Wie wild die alte Linde ihre Aeste schüttelte , und wie rasch die Wolken dahin jagten am dunklen Himmel ! Und dort unten im Dorfe , im Pfarrhause , da wurden Thränen geweint , bittere , heiße Thränen – wer doch auch weinen könnte ! Aber sie wollte nicht , sie wollte ja nicht , daß die Leute sie so mitleidig ansähen , Vater und Mutter und gar die Muhme , selbst Dörte und Mine – nein , das war schrecklich , das konnte sie nicht ertragen . Tönten da nicht eilige Schritte hinter ihr ? Ja , und jetzt der Ruf „ Lieschen ! Lieschen ! “ Sie stand still , das war ja seine Stimme , wenn sie jetzt ihm entgegen gehen , sich an seinen Arm hängen könnte , wenn er sagte : „ Ich habe mich um Dich geängstigt , deshalb komme ich , “ aber nein , gewiß hatte ihn der Vater nachgeschickt , oder er wäre vielleicht Jeder gefolgt , er würde in diesem Sturme keine Dame haben allein gehen lassen . „ Aber Lieschen , ich bitte Dich , “ klang jetzt seine Stimme , „ wie kannst Du in solchem Wetter ausgehen ! Die Eltern ängstigen sich halb todt um Dich ; hier ist ein Tuch von der Muhme , und warte , der Wagen muß gleich kommen ; ich habe gesagt , daß er unverzüglich nachgeschickt wird . Bist Du noch immer die kleine leichtsinnige Liesel , deren gutes Herz in lichtlohen Flammen steht bei fremdem Unglücke ? “ fragte er , ihr das Tuch umwerfend . Sie lächelte bitter . „ Pastors sind keine Fremden für mich ; sie gehören ja wie zu unserer Familie . “ Er erwiderte nichts auf den harten Ton , und jetzt kam auch schon der Wagen heran und hielt dicht vor ihnen . „ Darf ich Dich begleiten ? “ fragte er , ihr beim Einsteigen helfend , „ oder ziehst Du es vor allein zu fahren ? “ Sie wollte das Letztere bejahen , aber dann fiel ihr Blick auf ihn ; er war nur im Waffenrock ohne Poletot . „ Ich will nicht , daß Du Dich meinetwegen erkältest , “ sagte sie tonlos , „ bitte , nimm Platz ! “ Nach kurzer Fahrt hielt der Wagen ; Lieschen stieg allein aus und trat in die Pfarre ; es war dunkel im Flur und still rings umher ; sie tappte sich zur Thür der Wohnstube und klopfte . Fast unheimlich laut hallte es wieder , aber kein freundliches Herein ! ertönte . Ein unerklärliches Bangen überkam sie hier im Hause des Todes , aber muthig tastete sie sich vorwärts . Da war die Treppe und jetzt , hier oben rechts , das Studirstübchen ; leise klopfte sie ; wieder keine Antwort , aber durch den Spalt schimmerte Licht – sie öffnete die Thür und lugte hinein ; da saß der Onkel Pastor am Tische , das Gesicht in den Händen geborgen , und vor ihm lag die aufgeschlagene Bibel . „ Onkel Pastor ! Onkel Pastor ! “ rief sie aufschluchzend und barg den Kopf an seiner Schulter . „ Liesel , Du gutes Kind ! Ja , es ist schwer über uns gekommen , “ sagte er ernst und strich ihr über die feuchten braunen Flechten , „ und Du bist in dem Wetter hergegangen ? Wie gut das von Dir ist ! Nicht wahr – unser Karl . Lieschen , unser hübscher wilder Junge – o , es ist schwer , nicht zu murren gegen Gott . Meine arme Rosine ! Er war ja ihr ganzer Stolz . “ „ Ach Onkel , Onkel ! “ schluchzte sie in heißem Schmerz , „ wie ist das Leben doch so traurig , so schwer ! “ „ Du hättest nicht kommen sollen , gutes Kind , “ flüsterte es an des Mädchens Ohr , und die kleine Fran mit den nassen , gerötheten Augen , die eingetreten war , hob ihr den Kopf auf und küßte sie . „ Es regt Dich auf , und Du könntest krank werden . “ „ Soll ich den Karl nicht noch einmal sehen ? Bitte , Tante ! “ sagte sie noch immer schluchzend . Und nebenan in der Kammer , da lag ein blasses Knabengesicht in den schneeweißen Kissen ; leise trat sie hinzu und sah in die lieben wohlbekannten Züge – wie oft hatte der Mund da „ Tante Lieschen “ zu ihr gesagt , wie oft hatten die großen Augen sie lachend angeschaut , und nun so still , so stumm ! Die kleine Frau preßte wieder das Gesicht in die Kissen des Bettchens , und der Vater stand auf der anderen Seite und schaute auf das , was ihm noch geblieben von seinen stolzesten Zukunftsträumen . Lieschens Thränen aber hörten auf zu fließen ; es webte so ein wundervoller Friede um des Kindes Antlitz vor ihr – wie schön mußte es sein , so süß zu schlafen , mit solch glücklichem Lächeln , ohne das Weh des Lebens erfahren zu haben ! [ 843 ] „ Weine