; ihn zu erringen , ihn in ihre Gewalt zu bekommen , gleichviel auf welche Art , war ihr unveränderliches Trachten , ein Gefühl , in welchem sich Tierisches und Wahnsinn seltsam mischte . Die Diebstähle , die sie entschlossen und regelmäßig verübte , häuften sich im Laufe der Jahre zu einer stattlichen Summe . Nicht frech wie Diebe sonst , wurde Philippine mit der Zeit immer vorsichtiger . Darin , eine ehrliche Miene zur Schau zu tragen , erreichte sie eine solche Meisterschaft , daß selbst Jason Philipps Argwohn , als es einmal doch zu einer strengen Untersuchung kam , durch ihr Benehmen zerstreut wurde . Sie hoffte wohl , sich mit dem gestohlenen Geld eine gewisse Unabhängigkeit zu sichern . Denn stets war sie darauf gefaßt , daß ihr die Eltern eines Tages das Haus verbieten würden . Sie war überzeugt , Vater und Mutter warteten nur auf die Gelegenheit , sich ihrer unter einem Schein von Recht zu entledigen . Ferner hatte sie zwei Leidenschaften : eine für Süßigkeiten und eine für bunte Bänder . Die Süßigkeiten kaufte sie am Abend ; da schlich sie heimlich in den Laden des Zuckerbäckers Degen und verlangte mit lüstern aufgerissenen Augen für zwanzig Pfennige gefüllte Pralinees , an denen sie bis zum Schlafengehen schleckte . Die Bänder nähte sie zu Schleifen , um sie entweder auf dem Hut oder am Hals oder am Kleid zu tragen . Je greller eine Farbe war , je mehr gefiel sie ihr . Fragte die Mutter , woher hast du das Band ? so mußte sie lügen , und obwohl sie keine Freundin hatte , überhaupt keinen Verkehr , sagte sie , dies oder jenes Mädchen schenke ihr bisweilen Bänder . Wenn der Reichtum gar zu auffällig schien , zierte sie das Kleid erst nach dem Verlassen des Hauses in irgendeinem dunklen Torweg mit dem Band . Den Gang auf den Dachboden wagte sie höchstens einmal in der Woche . Da mußten die Brüder in der Schule und die Eltern im Laden sein . Die Angst , man könne sie ihres Schatzes berauben , machte sie von Jahr zu Jahr unsteter und drücke sich in ihrem Gesicht als ein bösartiges Mißtrauen aus . Zitternd stieg sie die dreizehn Stufen vom Vorplatz der Wohnung zum Bodenraum empor . Daß es gerade dreizehn Stufen waren , gab den ersten Anstoß zu dem Aberglauben , dem sie sich in späterer Zeit mit wollüstigem Schaudern überließ . Hatte sie die unterste Stufe mit dem linken Fuß betreten und merkte es in der Mitte der Treppe , so kehrte sie um und verzichtete für diesen Tag auf den Anblick ihres Reichtums . Sie fürchtete sich vor Gespenstern , Hexen und Zauberern und wurde kreideweiß , wenn eine Katze vor ihr über die Straße lief . Therese hielt keine Magd mehr , und durch die Arbeit in der Küche wurde Philippines Teint rauh und an ihren Händen sprang die Haut . Oft entzog sie sich dem Geschirrwaschen und Tellerspülen durch die Flucht , dann keifte und schrie Therese , daß die Nachbarinnen die Köpfe zu den Fenstern herausstreckten . Da rächte sich Philippine , indem sie Bettüberzüge , Hemden und Handtücher , die im Flickkorb lagen , absichtlich beschädigte und zerriß . Sie bediente sich hierbei einer Verwünschungsformel , die sie sich erdacht hatte , und die aus bedeutungsvoll klingenden , aber völlig sinnlosen Worten zusammengesetzt war . Sie hegte den absonderlichen Wahn , daß es ihr gegeben sei , Unglück über die Menschen zu bringen . Um die Zeit , als Jason Philipp anfing , über schlechten Geschäftsgang zu klagen , verspürte Philippine eine teuflische Genugtuung . Sein Gesinnungswechsel hatte die ehemaligen Parteigenossen vertrieben und die neuen glaubten ihm nicht . Er mußte wieder zu zweideutigen Druckwerken greifen , um Geld zu verdienen , und bald war es üblich , daß die Leute verächtlich lächelten , wenn von der Schimmelweisschen Buchhandlung die Rede war . Die Arbeiter-Assekuranz warf lange nicht mehr so viel ab wie am Anfang , denn der Kredit der Prudentia und ihrer Werber war untergraben . Es gibt ein Gesetz beim Fallen und Steigen bürgerlicher Existenzen . Von heute zu morgen veralten des einen Redlichkeit und Fleiß , veralten die Schliche und Winkelzüge des andern . So fiel der Inspektor Jordan , so ging es mit Jason Philipp Schimmelweis bergab . Philippine schrieb dies ihrem stillen , verderblichen Wirken zu . Jedes Mißgeschick , das den Vater traf , lockerte die Kette , die sie an freier Bewegung hemmte . In verruchten Stunden träumte sie von Not und Hunger , Bankrott und Verzweiflung der Ihren . Dann brauchte sie nicht länger das Aschenbrödel zu sein , früh aufzustehen , um Holz zu spalten und den Brüdern die Stiefel zu putzen ; dann war offener Weg zwischen ihr und Daniel . 9 Manchmal dachte sie , sie könne einfach hingehen und bei ihm bleiben . Manchmal schien es ihr , als werde er kommen und sie mitnehmen . Eines oder das andere mußte geschehen , so dachte sie . An einem Sonntagabend , es war gerade der Tag , an dem sie achtzehn Jahre alt geworden , kam ein Unteragent Jason Philipps , ein Mensch namens Pfefferkorn , in die Wohnstube und erzählte beiläufig , daß die ältere der Jordanschen Töchter seit langer Zeit mit dem Musikus Nothafft verlobt sei , daß dieses Verlöbnis geheim gehalten worden sei , daß aber nun die Hochzeit unmittelbar bevorstehe . » Wie ich höre , ist ja der Musikus Ihr Neffe , « schloß Pfefferkorn seinen Bericht . Jason Philipp starrte finster vor sich hin , Therese , die ihren Zichorienkaffee schlürfte , stellte die Tasse auf den Tisch und musterte ihren Mann mit geringschätzigem Blick . Da brach Philippine in ein Gelächter aus , das allen durch Mark und Bein ging . Sie rannte aus dem Zimmer und schlug die Türe krachend hinter sich zu . » Die ist wohl nicht bei Trost , « murmelte Jason Philipp wütend