Kritik , suchte sie sich heller aufzuputzen . Sie legte ihre Perlenschnur um den Hals . Sie starrte in den Spiegel und kam sich nun schöner vor . Aber in ihr war doch eine große Ungewißheit : bin ich eigentlich hübsch oder nicht ? Wenn man so sah , wie die meisten Frauen über diesen Punkt sich unglaublicher Selbsttäuschung hingaben ! ... Ja , es war offenbar schwer , es zu wissen . Und sie hätte so gern schön sein mögen - für ihn ! Sie sah nach der Uhr - jeden Augenblick konnte er hier sein . Sie lief nach vorn . Ihr Herz klopfte hart und schnell . Sie riß ein Fenster auf und bog sich hinaus . Da fuhr gerade unten ein Auto vor . Sofort schlug sie das Fenster wieder zu und rannte in ihr Zimmer zurück . Da saß sie mit heißem Gesicht und wartete . Das Leben im Hafen tönte als grandioser Rhythmus durch die Morgenfrühe . Vom hellen Dunst leise überschleiert lag das gewaltige und in steter Bewegung sich verschiebende Bild . Vom hohen Geländer herab , über begrüntem Hang und knospenden Baumriesen her , sah das ungeheure Haupt aus Granit . Die ganze hellgraue Riesengestalt Bismarcks hatte fast den gleichen Farbenton wie der Himmel . Und so wurde das Ueberlebensgroße zu einer unbeschreiblichen Feinheit und Märchenhaftigkeit - der Stein verlor seine Härte , die Größe das Erdrückende - einer Geistererscheinung gleich stand der Mann aus Granit und bewachte den großen Strom und die Nähe wie die Ferne und begrüßte alle , die hereindampften , und entließ alle , die hinaussegelten , mit einer Mahnung . Von der Sankt-Pauli-Landungsbrücke ging der Salondampfer » Prinz Heinrich « Anker auf . Es fröstelte die Reisenden . Ein Apriltag - acht Uhr morgens - der konnte keine einschmeichelnden Temperaturen hergeben . Aber Raspe und seine Mutter freuten sich an der herben Luft . Denn man spürte wohl : der Ozean blies von weit her hinein . Und das noch nicht Gesehene , erst noch zu Erschauende lockte . Die Gewißheit , neue Eindrücke erleben zu dürfen , gab der reifen Frau jedesmal Kinderfreudigkeit zurück . » Auf der Reise bin ich immer ganz jung , « behauptete sie . Und Raspe war , in diesen Augenblicken wenigstens , auch von der ungetrübten Genugtuung erfüllt , eine erfrischende kleine Fahrt antreten zu können . Er war so wenig verwöhnt . Ganz hell war seine Seele in ihrer schönen , aufrechten Einfachheit . Und wenn eine Freude , ein gesunder Genuß ihm geschenkt wurde , nahm er das mit einer gewissen dankbaren Sammlung in sich auf . Tulla aber hatte seit gestern nachmittag so viel in sich erlebt , daß sie vor Verworrenheit und Aufregung gar nicht wußte , ob sie sich nun eigentlich freue oder nicht . Sie ging mit Raspe auf Deck spazieren , stand auch wohl mit ihm an der Reling still , wenn er einem vorbeifahrenden Schiffe nachsehen wollte . Aber im Grunde bemerkte sie nichts von dem bunten Wechsel der Dinge auf dem wuchtig meerwärts flutenden Strom . Die hohen Ufer zur Rechten zogen sich hin , prunkvoll , von Villen gekrönt , von prachtreichen Gärten behangen . Zur Linken verdämmerte das weite , flache Land . Schiffe kamen ihnen entgegen , an deren ragenden Borden sich heimkehrfrohe Menschen drängten . Die grüßten die hamburgische Flagge mit hellem Jauchzen - man sah , sie waren erregt vor Ungeduld und fieberten der nahen Minute der Landung im deutschen Hafen entgegen . Sie winkten mit Mützen und wehenden Tüchern . Die kleine Zahl der Passagiere auf dem » Prinz Heinrich « grüßte wieder , und auch Raspe nahm unwillkürlich die Mütze ab und lächelte hinüber zu diesen Menschen , die auf der langen Seefahrt gleich Gefangenen geworden und nun vorweg schon im Befreiungstaumel lachten und gerührt waren . Scharf vor dem Winde , der in ihren schweren Segeln rauschte , schnitten Fischereikutter durch die graugelben Fluten . Schleppdampfer mit schwarzwolkigen Rauchfahnen oben an ihren plumpen Schornsteinen arbeiteten hart gegen den Strom und zogen ein Gefolge von kleineren Schiffen hinter sich drein . Von Bord einer Kuff her , die sich mit gerefften Segeln so hafenwärts gleiten ließ , kläffte ein schwarzer Spitz ; er stand auf den bleichen Brettern der hochgehäuften Holzladung und verzehrte sich in Zorn über diese Dinge , die da respektlos vorüberzogen , ohne daß er ihnen an die Beine hätte fahren können . Man kam später auch an Inseln vorbei . Lang und schmal lagen sie da , stille Gelände , rasig und von Pappeln und Eschengruppen überragt , zwischen denen wohl auch ein großes , tieflastendes Dach hervorschimmerte . So wenig erhoben sie ihre Erde über das sie unruhig und in großer Bewegung umspülende Stromwasser , daß man sich vorstellen konnte , wie jede Flut und jeder Sturm Ueberschwemmungsgefahr bedeutete , und wie die einsam Lebenden vom Marschfieber geschüttelt wurden . Und der Himmel wurde blauer , er schien sich förmlich zu heben , und das gab den Reisenden drunten auf dem rasch vorwärts wühlenden Dampfer ein Gefühl von größerer Leichtigkeit des Lebens . Das Unterwegssein war flotter , vergnüglicher . Dann kam auch noch die Sonne . Mit einem Male bewarf sie die Flut mit so viel Licht , daß es aussah , als seien hunderttausend Spiegelsplitter verstreut und das Wasser schaukele sie . Raspe hatte das Gefühl : man bekommt größere Augen vor so gewaltiger Sehfläche . Er empfand : alles in einem weitet sich mit der Weite des Bildes , der Fülle aller bedeutenden Bewegung . Er machte mit einem frohen Wort , einem raschen Ausruf Tulla zur Gefährtin dieser Freudigkeit . Er wollte sie zur Gefährtin machen - denn nach und nach spürte er wohl : die Welt zog an ihr vorüber - ungewürdigt - kaum gesehen - sie war so zerstreut , antwortete kaum . Und Raspe mußte an seine Mutter denken , die alternde Frau - die ganz gewiß voll Glückseligkeit war und wie