der seiner Hausmutter und Ehefrau schon im Jahr 1810 nachgefolgt war in die kühle Grabeserden und niemand hinterließ als seine Tochter Anna . Diese wurde Besitzerin seines Hauses ; was noch an Bildwerken und Steinblöcken da war , erhielt Breitenauer , der treffliche Schüler des Meisters . Mir aber hatte der Dahingegangene das Recht gesichert , sobald ich alt genug wär , in seiner Werkstatt gleich wie in einer eigenen zu werken und zu hausen , bis ich das Glück und die Mittel hätt , mir selber eine Heimstatt zu schaffen . Also nahm ich Besitz von dem Raum als ein reifer Gsell und bezog eine stille Kammer in dem ehrwürdigen Haus des toten Gönners . Mein guter Meister Eberhard aber zog sich immer mehr von den Menschen zurück und lebte nur noch für seinen einzigen Sohn und dessen Mutter . Er war mit der Zeit bitter und still , schier wunderlich worden , fand sich in der sich Jahr um Jahr immer mehr verändernden Stadt und unter den neumodisch gesinnten Vertretern der Künste nimmer zurecht und sah mit Wehmut ein Stück ums ander von dem alten , barocken München fallen . Dazu war die Stadt mit Fremden überschwemmt , die trefflichen Meister seiner Zeit wurden allgemach heimgeholt und neue , von einem andern Geist beseelte , traten an ihre Stelle . Er sah mich ungern aus seiner Dachwohnung scheiden und ließ mich nachmals noch oft durch seinen Sohn holen , wenn ihn die selbstgewollte Einsamkeit plötzlich drückte und beklemmte . Noch einer fand sich alsdann in der einfachen , heimlichen Stube ein , ein gar fürtrefflicher und liebwerter Mann , ein geistlicher Herr , dem die Priesterwürde nicht gleich tausend anderen jeden Freimut und jede Duldsamkeit ertötet hatte ; es war der würdige , ehemalige Hofprediger Grail . Diesen Priester habe ich geliebt wie einen Vater ; ja - er war der einzige unter allen Menschen , so mir in meinen Tagen begegneten , der meinem Herzen so nahe kam , daß ich mein ganzes Inneres , die geheimsten und verborgensten Triebe meiner Seele vor ihm eröffnete , in dem gläubigen Vertrauen , daß er mich verstünd . Hab annoch nicht umsonst vertraut ; denn er wußte Rat und Hilf , Trost und rechte Wort bei allem , was mich je bedrückte . Auch er hätt billig Ursach gehabt , zu grollen und den neuen Geist der Zeit zu beklagen ; denn auch er war einer jener Männer , die um ihres Freimuts und ihrer Ehrlichkeit willen daran glauben mußten ; doch er klagte nicht . Seine Geschichte war aber die : Als Hofprediger hatte er während der Fasten des Jahres 1810 in einem Vortrag gesagt , daß Christus , der Herr , seine göttliche Lehre ohne allen Lärm und ohne jegliche Absicht , zu glänzen , verkündigt hätte , als eine Lehre , die jedermann lieben müßt , der sie hörte und verstünd . So sei auch bekannt , daß große , wahre Gelehrte , wahre Künstler ihre Werke ohne alles Geräusch , ohne jede Bemühung , zu gefallen , an das Licht stellen . Wenige Tage nach dieser Predigt ließ ihn der Obrist-Kammerer , Baron von Rechberg , zu sich befehlen und eröffnete ihm dieses : » Seine Majestät haben uns den allerhöchsten Befehl erteilt , den Herrn Hofprediger zu verwarnen , daß , wenn er noch einmal in solcher Weis wider den Zeitgeist predigen würd , er ohne weiters abgedankt sein sollt ! « Und da er in seiner nächsten Predigt abermals wider die Eitelkeit und Ruhmessucht sprach , wurde es mit der Drohung Ernst - Grail mußte gehen . Aber er trug den Schlag tapfer und ohne ein Wort zu verlieren , schloß sich fester an seine Freunde , den Professor Westenrieder , den Pfarrer Darchinger von der Hofkirch und den Meister Birchmayer an und führte ein einfachs , beschaulichs Leben von den paar Groschen , die er sich erspart hatte . Auch der alte Boos war ehedem sein guter Kamerad gewesen , bis sie leider der Tod voneinander schied und er dem edlen Meister die Augen zudrücken mußt . Zu meiner Zeit aber hatte er nur noch den guten Eberhard ; denn der alte Westenrieder war gemach zu einem Sonderling worden , und für den Hof- und Leibpfarrer Darchinger war es auf die Dauer doch nicht schicklich , mit dem Abgedankten noch freundschaftlich zu verkehren . Man hatte Beispiele genug dafür , wie zu dieser Zeit solche Dinge geahndet wurden ! Da brauchte man bloß an den Pfarrer zu Heilig Geist denken und an die drei Benefiziaten von Sankt Peter ; oder an den Kaplan bei der Pfarr zu Unserer lieben Frau : eine mißliebige Kameradschaft , - der gesellige Verkehr mit Leuten , die an allerhöchster Stelle nicht sehr beliebt waren , - so was genügte in diesen Tagen schon , einen Mann von Amt und Würden zu bringen . Und also blieben wir abgesondert von aller Welt unter uns und sahen nur von fern dem Wirken und Weben , dem Wandel und Treiben der Kräfte und Mächte jener Tage zu . Es war nicht viel , was uns zum Anteilnehmen zwang ; es sei denn , daß ich jenen Schreckenstag , den dreizehnten Septembris des Jahres 1813 , benenne , da wohl an die hundert Menschen in den Wassern der reißenden Isar umkamen , als diese mit wilder Gewalt die Ludwigsbrücken beim Prater in Trümmer zerbrach und mit ihren Wogen fortspülte . Oder daß ich jener Zeit der bittern Not und Teuerung gedenke , da man schrieb 1816 und 17 , in denen Tagen das Schäffel Weizen achzig bis neunzig Gulden gekostet hatte und viele Hundert Arme Hungers starben , indes in den Palästen getanzt und geschwelgt wurde . Oder daß ich rede von den Tagen meiner höchsten Freude , da mir die ersten Verdingungen zukamen aus der Umgebung von München ; bald auf Feldkreuze oder Wandherrgotte , bald auf ein Kirchenkreuz oder einen heiligen Leib für die Feier der Grablegung .