» Das ist jetzt dein Los . - Gehe nur weiter , - immer weiter ! « In der Nacht , die diesem Gespräch folgte , kam das Bewußtsein ihrer Verlassenheit wieder aus der Tiefe herauf . Riesenhaft , schwer , kalt und hart wie Erz , fahl wie der Tod , - so stand es über ihr . Jammer durchfraß ihr Inneres , und eine schwählende Begier kam über sie , - eine Begier , hinaus auf die Gasse zu laufen und sich dem ersten Besten in die Arme zu werfen . Plötzlich hatte sie die Vision der nächtlichen Friedrichstraße , - sie sah sie , wie sie den Tag vortäuschte , mit ihrem Menschengewühl , im Lichte der Bogenlampen . Und diese Vision genügte , um sie vor Ekel frieren und zittern zu machen . Aber - verzehrend , versengend , - - jagte es sie aus dem Bett . Mitten im Zimmer stand sie . Im großen Spiegel sah sie sich selbst , im Mondlicht irrend , als weißen gespenstigen Schatten . Das Bett in der Ecke leuchtete herüber ; die Decke hatte sie mit zu Boden gerissen , als sie heraussprang , und so sah sie das weiße Laken fest ausgespannt , und es schien ihr starr , wie ein Bahrtuch und das ganze Lager wie ein Totenbett . Endlich legte sie sich auf den Divan nieder ; noch grübelnd , verfiel sie in Halbschlaf . Sie sah sich auf der Erde kauern , vor einer schwarzen , verhüllten Gestalt , und jeden Augenblick erwartete sie , getreten zu werden . Und sie spürte die Furcht und die Erniedrigung im Traum . - Wie gelähmt , vermochte sie am anderen Morgen nicht den Tag zu beginnen und suchte ihr Bett auf . Nein , sie hatte sich getäuscht , sie kam darüber nicht weg . Verlassen und einsam - für ewig ... Und sie war keine von den Frauen , die , mit trockenen Lippen , still und allein durchs Leben gingen und irgendeiner fremden Sache fleißig und nüchtern dienten , mit kühlem Kopf und selbstlos resigniertem Gemüt . Nein , so war sie nicht . Sie - sie war eine Fordernde , eine Begehrende ; und gerade darum war sie gezüchtigt worden ... Sie lehnte sich auf , sie stöhnte unter ihrem Geschick . Geistig lösen und heben - , das hatte sie noch gestern gewollt . Und heute , da sie sich hier , bei hellem Tag , ohne krank zu sein , ohne Schlaf zu suchen , auf ihrem Lager hin und her warf , - wie stand es heute mit ihrer Macht , geistig zu lösen und zu heben ? Überrädert war sie . Wie konnte sie je wieder aufstehen , heil , mit gesunden , regen Gliedern ? Und dabei war sie sich doch klar geworden , daß Werner für sie nicht der war , der die letzten Bande ihres Wesens gelöst hatte . Er war es nicht - und doch verzweifelte sie , da sie ihn verlor , - denn die Verlassenheit öffnete sich vor ihr , wie ein dunkler Abgrund , gespenstisch und unentrinnbar , wie das Grab . - - - Am selben Tag kam Stanislaus zurück . Er war erstaunt und besorgt , als sie ihm erst nach zweimaligem Läuten , in eine Decke gewickelt , mit hängendem Haar , öffnete , und als er sah , daß sie aus dem Bett kam . » Es ist nichts « , sagte sie und kleidete sich hastig an , während er in ihrem Arbeitszimmer wartete . Auch der staubbedeckte Schreibtisch mit den unberührten Papieren , den uneröffneten , dicken Manuskriptbriefen , den ungelesen aufgehäuften Zeitschriften , sagte ihm mehr als genug . Er beschloß , diesmal nicht zurückzuweichen und mutig an die Wunde zu rühren . Sie kam herein , und ungeduldig und angstvoll fragte sie ihn , wie die Dinge in Wien ständen . Er berichtete , daß gestern Gustavs Begräbnis war . Und er erzählte von der Panik , die er da angetroffen hatte . Mit dem Tode Gustavs war Eddas ganze Existenz zusammengestürzt . » Vermögen hat der Professor , wie du weißt , nie gehabt . Was er verdiente - und darüber hinaus , - wurde verbraucht . Versichert war er nicht . Die einzige Geldquelle war seine tägliche Arbeit . Alles , was die Ordination , die Visiten , die Kollegien und die glänzend bezahlten Operationen einbrachten , - das alles mußte hineingeschüttet werden in den Rachen , der alles verschlang : den Hausbrauch . « » Aber Eddas Vermögen ? « » Ja , - hier liegt der Hase im Pfeffer . Damit hat der arme Gustav auch gerechnet . In seinem Testament bittet er sie um Verzeihung , daß er ihr den Ernährer nehme ... er empfiehlt ihr , von den Zinsen ihres bei ihrem Bruder angelegten Vermögens bescheiden zu leben , - bis sie in anderer , besserer Obhut sei , als die seine war . « » Nun - und ? « » Ja - die Sache liegt so : der Bruder Vinzenz scheint bedenklich zu wackeln . Er hat die Zinsen , die Edda immer persönlich einkassierte , schon in letzter Zeit sehr unregelmäßig bezahlt ; Gustav wußte nichts davon . Sie verlangte nun jetzt , er solle ihr das Vermögen herauszahlen , - und das kann oder will er nicht . « » Wie soll das nun werden mit ihr ? « » Ich habe ihr geraten , vor allem dem Moloch ihres Haushalts keine weiteren Opfer zu bringen . Verkaufen , auflösen , einschränken . « » Und dann ? « » Dann - muß sie einen Erwerb suchen . Und da für sie Arbeit zu finden in Wien besonders schwer sein dürfte , so soll sie nach Berlin kommen . Hier wird sich schon etwas Passendes für sie bieten . « » Sie kann zeichnen , « sagte Olga bekräftigend , - » sehr gut