die stillen Aufbauer , die an Stelle des Verfallenden neues Material herschaffen wollen , mit gewalttätigen Zerstörern verwechselt ! Was ich bringen wollte , ist ein bißchen Licht , ein bißchen Liebe - « » Verzeihen Sie , lieber Dotzky , das sind doch keine neuen Sachen . Haben wir nicht Licht genug in der Offenbarung und Liebe genug in unserer schönen Religion ? Wenn die Leute nur wirklich fromm wären , aber leider sind sie ' s zu wenig von Natur und werden dann auch noch irre gemacht von allen den sogenannten Aufklärern . « » Womit Sie mich meinen ? « » Ach , nur nicht streiten ! « rief Christine . Cajetane seufzte . Ihr war die Wendung , die das Gespräch genommen hatte , offenbar peinlich und darum beeilte sich Rudolf , es abzulenken , indem er sich um das Befinden der Söhne Ranegg erkundigte . » Oh , es geht ihnen prächtig ... die Kriegsschule glänzend absolviert ... « Auf dieses Thema gebracht , sprudelte die Rede der Gräfin in vergnügtester Weise weiter . Von den frohen Nachrichten über die militärischen Erfolge ihrer Söhne ging sie zum Schicksal ihrer verheirateten Tochter über und da gab ' s auch nur Erfreuliches zu berichten : Familienzuwachs , eine Erbschaft , interessante Reisen - kurz ein rosa in rosa gemaltes Bild des Lebens . Und in dieser Art Leben - so flog der Gedanke durch Rudolfs Sinn - hätte ich meinen Platz bewahren können : Sorgenlosigkeit , Familienfreuden , genußreiche Erlebnisse ... und statt dessen - - » Und hören Sie , « fuhr die Gräfin fort , » ich will Ihnen etwas anvertrauen ... in wenigen Tagen soll ' s ja doch offiziell - « » Aber Mama ! « unterbrach Christine . » Schad ' t nichts - eine Woche lang wird der Rudi schon schweigen . Also : meine Christine hier ist auch glückliche Braut - Otto Weissenberg - « » Der älteste Sohn des Fürsten Franz Weissenberg ? - oh , ich gratuliere , das ist ja eine der glänzendsten Partien des Landes - und dabei ein lieber , hübscher Mensch - ich freue mich herzlich . « Und er schüttelte Christinens Hand . » Jetzt aber ist die Reihe an Ihnen , Gräfin Cajetane - « » Oh , an der wäre eigentlich zuerst die Reihe gewesen , da sie unsere älteste ist , aber sie ist ein eigensinniges Mädel . « Cajetane machte eine unwillige Bewegung und stand auf . Jetzt kamen einige andere Besucher . Es waren zumeist Leute , die Rudolf kannte . In den allgemeinen Gesprächen , die geführt wurden , vermieden sie jede Anspielung auf den stattgehabten Vortrag im Musikvereinssaale . Es war wie eine zarte Rücksicht . Von ihren » faux pas « erwähnt man doch den Leuten nichts . Allmählich landete die Unterhaltung wieder bei Jagdangelegenheiten und Gesellschaftstratsch ; man versuchte gnädig , Rudolf hineinzuziehen , als ob man bei ihm das lebhafteste Interesse für diese salonfähigen Gesprächsstoffe voraussetzte . Wirklich , sie bauten ihm goldene Brücken . Wenn er nur seinen » Schritt vom Wege « bereuen wollte und wieder vernünftig werden - sie würden ihn ja wieder als ganz normal behandeln . Cajetane hatte sich an das andere Ende des Salons begeben , wo das Klavier stand . Sie machte sich dort mit Ordnen der Notenhefte zu schaffen . Rudolf ging zu ihr hin . Er hielt es in der Mitte der anderen nicht länger aus . Ein plötzlicher Entschluß war ihm gekommen : in diesem Kreise würde er sich nicht mehr als Besucher , als kameradschaftlicher Standeskollege bewegen . Streit und Kampf aufnehmen ? Das ja - mit jedem und allerorts - aber höfliche Gemeinplätze austauschen , harmlos konversieren , als ob nichts vorgefallen wäre , als ob er sich nicht feierlich von den hier geltenden Anschauungen losgerissen hätte - sich noch mit einer gewissen Nachsicht patronisieren lassen ? Nein , das nimmermehr . Dies sollte seine letzte Visite im Raneggschen und ähnlichen Salons sein . Doch zu Cajetane zog es ihn . Der mußte er noch einmal die Hand drücken . Er ging zu ihr hin . » Was suchen Sie in diesen Noten ? « Sie hatte ihn nicht kommen gesehen . Jetzt wandte sie sich rasch um ; wie ein Schauer oder wie ein elektrischer Schlag durchschüttelte es ihre Gestalt . » Habe ich Sie erschreckt ? « » Nein , ich ... ich ... oh , Graf Rudolf - « » Was denn , Cajetane - was haben Sie ? Ich wollte Ihnen nur Adieu sagen - ich gehe . « » Das begreife ich . « » Wie meinen Sie ? « » Ich meine , daß Sie sich dort unmöglich wohl fühlen können . « Und sie deutete mit dem Kopf nach der Richtung , wo die Gesellschaft saß . » Sie haben recht - ich fühle mich dort nicht wohl . Obwohl es ja eigentlich mein von Geburt auf gewöhntes Milieu ist . « » Sie aber sind neugeboren - Sie haben sich ein neues Reich erwählt und das ist nicht von - « sie wiederholte die Kopfbewegung wie vorhin - » nicht von dieser Welt . « » Sie sind ein merkwürdiges Mädchen , Cajetane . Sollten Sie auch zu einer anderen Welt gehören ? « » Gehören noch nicht , aber mich dahin sehnen - ja . « » Seit wann ? « » Seit - seit - Ihrem Abschiedsfest in Brunnhof - und seit Ihren Vorträgen und Broschüren . « » Meine Broschüren haben Sie gelesen ? Da möchte ich doch - « Das Gespräch wurde durch die Dazwischenkunft Christinens unterbrochen . Da empfahl sich Rudolf von der Hausfrau und den anderen und ging . XXVII Nach dem Burgtheaterabend verbrachte Sylvia eine ruhelose , aber süß ruhelose Nacht . Ihre Liebe hatte sich , das fühlte sie , zu einer mächtigen Leidenschaft entfaltet , zu etwas , gegen das es kein Ankämpfen mehr