unerreichbare Gletscherhöhen gehoben . Ihr Gesicht ist wie der Tod und das Licht in ihren Augen erloschen . So schreitet sie auch an Lanzenau vorüber , er aber sieht ihr nach mit gramvollen Blicken ; er weiß , daß jetzt das Schwert in ihrem Herzen sitzt . Fanny ging in ihr Zimmer ; ihre Füße trugen sie aus Gewohnheit die Treppe hinauf . Sie setzte sich auf das Sofa und faltete ihre Hände auf den Knieen . In sich zusammengesunken saß sie so und sah vor sich hin . Keine Thräne kam aus ihren Augen . Stunden verrannen . Kein Laut drang aus den anderen Räumen hieher , die Ruhe des Todes herrschte . Wer draußen auf dem Korridor vorüber mußte , schlich wie an einem Schlafenden behutsam vorbei . Die Dämmerung kam , das Tageslicht wich zurück , das Geäst der Lindenkronen vor dem Fenster verfrühte im Gemache noch die Dunkelheit . Leise öffnete sich die Thür , Fanny merkte es nicht . Erst als Lanzenau vor ihr stand und halblaut sagte : » Fanny ! « , erst da hob sie ihr Gesicht zu ihm , ein weißes , ausdrucksloses Gesicht . » Fanny , ich möchte mit Ihnen sprechen , « sagte er bittend . » Wer hat mir noch etwas zu sagen ? « fragte sie . Waren diese tonlosen , rauhen Laute Fannys Stimme ? Er setzte sich neben Fanny ; er dachte ihre Hand in die seine zu nehmen , aber ihre Hände lagen unbeweglich , gefaltet auf ihren Knieen . Er suchte nach Worten . Was zuerst und wie am zartesten sollte er zu ihr sprechen ? Da fragte sie : » Ist er tot ? « Es überlief ihn wie ein Schauder . Sie hatte gefragt , als wenn sie etwa sagte : » Regnet es ? « » Ist er tot ? « Noch einmal so . » Nein , « sagte Lanzenau langsam ; » der Arzt , der für mich berufen worden war , kam und fand den unerwarteten Patienten nur vom Blutverlust sehr geschwächt ; die Kugel ließ sich leicht aus dem Fleische des Oberarms entfernen , die Wunde wird sich schnell schließen , ein Knochen ist nicht verletzt . Taiß und Adrienne teilen sich in die Pflege ; es sind keine Veranstaltungen nötig gewesen , als ein antiseptischer Verband und Eis auf den Kopf . Adrienne wollte zu Ihnen , ich habe es verhindert . « Er konnte aus keiner Bewegung entnehmen , ob Fanny ihm zuhörte . » Sie fragen nicht , teure Fanny , wie das Unglück geschah ! « Fanny schwieg . » Ihnen das zu sagen bin ich gekommen , « fuhr er fort ; » ich wartete die Dämmerung ab , weil ich nicht den Mut hatte , im Tageslicht Ihr Gesicht zu sehen . - Ich , Fanny , ich habe auf ihn geschossen . « Nach einer kurzen Pause sagte sie mit derselben fremden , unnatürlichen Stimme : » Sie haben recht daran gethan ! « Er erschrak so sehr , daß ihm eine Weile die Stimme versagte . » Fanny , « begann er , sich bezwingend , » ich muß Ihnen etwas Schreckliches gestehen : ich haßte diesen Mann , seit ich wußte , daß Sie ihn mit Ihrer Liebe beglückten . Ich sah Sie und ihn vorgestern am Fenster , und er küßte Sie . Er aber , ich wußte es lange , hatte auch mit dem Mädchen von Liebe gesprochen . Da kam es über mich - es war nicht so klar wie ein bestimmter Plan , nicht einmal ein Gedanke - es kam wie ein dunkler Wunsch in meine Seele , daß er sterben möge , damit Sie lieber seinen Tod als seinen Verrat beweinen möchten . Ich weiß gewiß , daß ich in diesem dunklen Wunsch den Vorschlag zur Jagd annahm . Alle Unglücksfälle , die bei solchen Gelegenheiten vorgekommen , fielen mir ein : wenn Taiß sich irrte - wenn Joachims Büchse ihm in der Hand platzte - lauter sonderbare , unwahrscheinliche Sachen . Ich dachte auch nach über alles , was nach solchem Unglücksfall geschehen konnte . Und als ich allein im Walde stand , da kam ' s mir plötzlich : wie , wenn meine Hand ihn niederstreckte unter der Maske des Zufalls ? Es war ein fiebernder Gedanke , kein Entschluß - bei Gott , noch kein Entschluß ! Und als mein getrübtes Auge , meine zitternde Hand erst einen Stein , dann Joachims graubraunen Jagdrock für das Tier , das wir jagten , genommen , da - da begriff ich , daß ich in Gedanken ein Mörder gewesen , daß die Gedankensünde mir als That angerechnet werden müsse , weil ein Zufall sie wahr gemacht . Nicht vor anderen Menschen - nicht vor Taiß , der mich darum befragte - nein , aber vor Ihnen , Fanny , vor Ihnen bin ich schuldig , denn ich wollte Ihnen das Liebste töten , das die Erde für Sie trägt , und ich bedachte nicht , daß auch an seiner Leiche der Verrat noch offenbar werden würde , wie er an seiner Wunde offenbar geworden . Verzeihen Sie mir ? « Sein Ton war matt geworden , die lange Erzählung hatte ihn sehr gemartert . » Nein , « sagte Fanny vor sich hin , » nein , ich verzeihe Ihnen nicht , daß Sie ihn nicht in sein Herz geschossen haben . « » Fanny , teure Fanny , seine unbedachte Jugend verdient nicht die Wucht Ihres Hasses , « rief Lanzenau entsetzt . » Sie werden diesen Schmerz überwinden . Was konnte Ihnen der junge , unbedeutende Mann sein ? Eine ästhetische Aufwallung ! Sie werden ihn vergessen . « Sie schwieg . » Fanny , « sagte er leise , » o Fanny , wie habe ich Dich lieb ! « Es war der Trost , den sein Herz ihr zu bieten hatte , ihr das zu sagen