thun , auch dieses Problema zeitgemäßer philosophischer Architektur zu Nutz und Frommen der Mit- und Nachwelt noch zu lösen . Ich schließe hiemit , nehme ein frisches Blatt - und beginne ! Pompeji , in den letzten Tagen . Albergo del Sole , Frühling 1886 . Mein verehrter Doktor Trostberg ! Daheim ein Überflüssiger , hab ' ich die Jahre her halb Europa durchzogen : Holland , Belgien , Frankreich , Österreich , Ungarn , die Schweiz - und andere von Wissenschaft und Kunst überblühte Naturgebiete , um die tausend und millionenfach abstudierte und abgebrauchte Gedanken- und Formenwelt mit eigenen Sinnen zu mustern und die uns schulmäßig eingepaukten Meinungen , Ansichten , Gemeinplätze und Urteile ein wenig nachzuprüfen . Gar vielen Unsinnskram , den man daheim ehrfürchtig und mühselig weiter schleppt , habe ich unterwegs abgeschüttelt - und es ist mir mit jedem Schritte leichter und wohler geworden . In jedem fremden Wirtshause habe ich mit dem üblichen Trinkgelde zugleich einige Dummheiten zurückgelassen . ( In Parenthese : der Leser wird höflichst gebeten , Dummheiten nicht mit dummen Streichen oder sonst mit einer boshaften Doppeldeutigkeit zu übersetzen . ) Ich habe frisches Leben , frische Eindrücke gesucht und wie oft ich auch enttäuscht von dem Äußerlichen war , innerlich habe ich immer das Eine gewonnen : erfrischte Kraft ! Was ich jedoch noch nicht gewonnen habe , mein verehrter Doktor Trostberg , das ist die ausreichende Zahl von Motiven , aus denen ich Ihnen den neuen pessimistischen Baustil hätte konstruieren können , den ich Ihnen in einer überschwänglich mißmutigen Stunde - ich weiß das Plätzchen noch : auf einer von blühendem Flieder umbuschten Bank auf der prächtig grünen , mit hohen Pappeln , Ulmen und Linden bestandenen Landzunge zwischen den schäumenden und tosenden Isarwassern , links von der Maximiliansbrücke - zur architektonischen Ergänzung und wohnlich stilgerechten Ausbauung Ihrer Weltanschauung versprochen habe . So nahrhaft und gut die Pessimisten auch das hundeschlechte Dasein ertragen : der Pessimismus selbst lebt noch rein von der Luft der Dichtung und Wagnerischer Musik , sowie von einiger Farbenillusion trübseliger Malermeister . Architektonisch ist er noch ganz und gar obdachlos . Nun werden Sie freilich gleich wieder mit Ihrer herben Spruchweisheit bei der Hand sein : die Baukunst nimmt in der Rangfolge der Künste überhaupt die niederste Stufe ein ; sie ist eine bloße Bedürfnis- und Nutzkunst und steht ästhetisch nicht hoher als die Bekleidungskunst - die Wohnstube , das Haus , der Palast sind eigentlich ja nur erweiterte Kleider , um uns vor der Unbill der mörderischen Natur zu schützen ; die Architekten sind auch keine philosophischen Köpfe , sondern höchstens Rechnungsmaschinen , ihre Kunst ist nur entwickelte Naturnachahmung und hat im Tierreich zahlreiche , zum Teil unerreichte Muster u.s.w. Bleibt uns also vorerst nichts anderes übrig , mein verehrter Doktor Trostberg , als unsere Zuversicht auf die Zukunft zu setzen und das Beste von der Ausbreitung und Kräftigung der pessimistischen Idee zu erhoffen . Haben wir erst glücklich einmal ein durch und durch pessimistisches Volk , wie wir ein biertrinkendes , handeltreibendes , kriegführendes , gottverehrendes Volk haben , dann wird neben dem Kneipenstil . Bahnhofstil , Festungs- und Kasernenstil , Kirchenstil u.s.w. auch der echte und gerechte pessimistische Philosophenstil erstehen . Es wird zwar noch viel Hochgebirgs-Gletscherwasser in die Isar fließen , bis wir jene Erhitzung der Köpfe und Herzen herbeiführen , welche die Vergletscherungen des unseligen Optimismus in auflösenden Fluß bringt und mit dem neu erblühenden Pessimistenvolk auch der neue Pessimistenstil siegreich in die Erscheinung tritt ; allein Hoffnung läßt nicht zu Schanden werden . Daß der Pessimismus an sich reich an Konstruktionsgedanken ist , die dereinst bauliche Verwertung finden können , beweisen ja einstweilen die philosophischen Lehrgebäude , die in . den zahllosen Schriften unserer Schopenhauerianer und Hartmannianer auftauchen . Ich selbst habe zwar - zu meiner Schande muß ich ' s gestehen , auch wenn ich um eine ganze Quecksilbersäule in Ihrer Achtung sinken sollte - diese schriftlichen Lehrgebäude noch nicht in der Nähe beaugenscheinigt , ich habe mich bescheidentlich begnügt , sie wie ferne Nebelformen nach dem Hörensagen anzustaunen ; allein ich habe hier eine kleine geniale Person bei mir , eine Malerin in Temperafarben , die sich sehr gründlich im Schrifttum der Philosophen umgethan zu haben scheint , und sie ist es , die mir neulich erst wahre Wunder von den Konstruktionsgedanken der Schopenhauerianer strengerer und laxerer Observanz erzählt hat . Für meinen eigenen philosophischen Hausbedarf bin ich immer noch ganz anständig mit dem kleinen witzigen Gedankenvorrat ausgekommen , den mir die » Lichtstrahlen aus Schopenhauers Werken « , das pikante Kapitel von den Illusionen der Liebe in Hartmanns » Philosophie des Unbewußten « und der belehrende Umgang , dessen ich mich einst mit Ihnen zu erfreuen hatte , in angenehmster Weise lieferten . Zufällig bekam ich neulich ein Bändchen Gedichte von einem gewissen Leopardi in die Hand , der da drüben am Vesuv herumpessimistiert haben soll . Die Gedichte sind sehr schön . Doch war ich sehr enttäuscht , als mir versichert wurde , Leopardi sei wirklich ein genialer Schmerzenreich , ein unheilbar leidender und tief unglücklicher Mensch gewesen . Er soll auch sehr jung gestorben sein . Meine seitherigen Erfahrungen hatten mich zu der Annahme verleitet , daß der Pessimismus seine Bekenner recht gut konserviere und sie ein vergnügtes Alter erleben lasse . Eduard v. Hartmann , der die Niederträchtigkeiten der Liebe und Ehe am schärfsten geißelt , ist bekanntlich sehr angenehm verheiratet und glücklicher Familienvater . Von Schopenhauer gar nicht zu reden , der nach zuverlässigem Zeugnis besonders während seines italienischen Aufenthalts den Wonnekelch der Liebe bis auf die Nagelprobe zu leeren und auch sonst bis in sein hohes Alter vorzüglich zu speisen und zu verdauen pflegte . Dieser Pessimismus hat mir immer imponiert ... Er setzt bei seinen Bekennern eine ungewöhnliche Seelengröße voraus , denn es ist fürwahr kein kleines Stück , Lebenstheorie und Lebenspraxis so taktfest auseinander zu halten und auf der scharfen Kante des Iustemilien dahinzuspazieren , ohne Schwindel zu bekommen .